Dienstag, 21. Mai 2013

Mein Admiralspalast


Es gibt auf der Friedrichstraße auch einen schönen Veranstaltungssaal, nicht nur diese Stadthalle namens Friedrichstadt-Palast. Den Admiralspalast zum Beispiel. Man behänge denjenigen mit Orden, Schleifen und Lametta, der die Idee hatte, den Hauptsaal wieder so herzustellen wie er in den 20er-Jahren ausgesehen haben muss.


Das Ergebnis ist eine Zeitreise zurück in das gute alte Berlin, das schöne Berlin, das blühende Berlin, das dynamische Berlin, das goldene Berlin, eine Zeitreise, die mich den Abklatsch vergessen lässt, der heute noch versucht, davon zu zehren, was er einmal war und der dann doch immer wieder jede Baulücke mit dem immergleichen Architekturschrott in Glas-Beton-Optik füllt.

Gegenüber steht der neu gebaute Schandfleck namens Spreedreieck, der zeigt, wohin der Weg seit vielen Jahren geht: In das architektonische Elend.

Den Admiralspalast hat man liebevoll saniert, bis in die Details, bis zu den roten Plüschpolstern, dem Gold, den Zierblenden und dem riesigen Kronleuchter. Ich sitze feudal.


Und wenn dann noch der begnadete Max Raabe mit seinem begnadeten Palastorchester aufspielt, dann ist die Illusion perfekt, dann geht es nicht mehr besser, dann nimmt mich die Atmosphäre mit und trägt mich ganz weit weg von dem, was diese Stadt heute ist und dorthin, was sie einmal war und wieder sein könnte, wenn sich jene, die über die Mittel verfügen, ein wenig mehr Mühe mit dieser Stadt, die auch die ihre ist oder es zumindest sein sollte, geben würden.

Dann ist der Abend wieder viel zu schnell vorbei und ich husche hinaus in den Regen, nicht ohne mich über das Lächeln einer Freundlichen zu freuen, die mir meinen Mantel zurückgegeben hat.

In der S-Bahn, die wieder aus irgendwelchen Gründen viel zu früh am Nordbahnhof endet anstatt dort, wo sie enden soll, zehre ich noch lange von einem weiteren schönen Abend im schönsten Veranstaltungssaal dieser Stadt und freue mich schon auf den nächsten.

Ich komme immer wieder, versprochen.

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 21.05.13


1337core: Derpina ändert ihren Facebook Namen
Einfach gestrickter Humor in Bildern. Toll.

Herr und Frau Müller: Schreckhaft
Frau Müller und das Grauen im Keller. Örks.

Weddingweiser: Frühling im Wedding
Mein sympathischer Nachbarbezirk entblättert sich. Schön.

Montag, 20. Mai 2013

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (13)


Der heutige Honk ist ein Nazi-Honk.

S-Bahn. Ring Höhe Hohenzollerndamm. Mir gegenüber sitzen zwei Türken. Einer mittelalt, einer jung. Es folgt der Auftritt des Honks mit einem irren Gesichtsausdruck als würde er zuhause im Keller seine eigenen Fäkalien in nach Wochentagen beschrifteten Einmachgläsern sammeln. Er hat drei lärmende, definitiv nicht erzogene Kinder im Schlepptau, dazu eine RTL2-gesichtige völlig vernachlässigte Frau und ist komplett überfordert mit sich, seinem Umfeld und der Welt - wie sich gleich herausstellen wird.

"Wat schüttelste denn'n Kopf, Kümmelfresser, ha ha ha, jibt ooch noch blonde und blauäugige Kinda, ja, merkste wat? Hättse nicht jedacht wa? Schüttelste dein Kopf, ne? Können sich nich benehmen, die Kinda, denkste wa?"

Können sie ja auch nicht. Sieht jeder. Wofür die Kinder aber nichts können, sondern ausschließlich ihre RTL2-Mitten-im Leben-Gosse-Eltern. Sie tanzen ihnen auf der Nase herum, die Kinder, hören nicht, schreien, nerven, schmeißen Kram durch die Bahn, sind einfach schlecht erzogen. Das lässt der Honk dann eruptiv an zwei freundlichen Türken aus, die niemandem etwas getan haben, und gibt damit genau dasjenige schlechte Vorbild ab, das seine Kinder adaptieren und als Ballast in Form eines deformierten Charakters ihr ganzes Leben mitschleppen werden.

Muss ich noch erwähnen, dass niemand über die Kinder den Kopf geschüttelt hat? Niemand. Nicht mal ich. Man kennt die Auftritte deformierter Charaktere in dieser Stadt an jedem Tag, in jeder Bahn - das hier ist Berlin, hier schüttelt keiner mehr den Kopf. Das letzte mal schüttelten irgendwelche alten Nazi-Omas über Rudi Dutschke den Kopf, starben ein paar Jahre später vor Gram und das war es dann mit Kopfschütteln in dieser Stadt. Ausgeschüttelt.

Nein, nix passiert, hier lebt nur jemand ein tiefsitzendes Trauma und seinen Selbsthass vor dem Hintergrund des eigenen Versagens aus, ganz klar, denke ich vor mich hin, während ich mich, ohne dass ich es will, für dieses Stück Scheiße von blödem Arschloch fremdschäme.

Es gibt sie immer noch. Sie sind mitten unter uns. Und manchmal bricht es aus ihnen raus. Aus den Honks. In der S-Bahn. Herzlichen Glückwunsch.

Color Blocking in der U2


Kein Karneval. Kein Festival. Keine Demo des Bundesverbands der Geschmacksverirrten. Nur Blümchenleggins kombiniert mit türkisenen Chucks in der U-Bahn. Darf man das fotografieren?

Nein.

Man muss.

Sonntag, 19. Mai 2013

Eine Behörde ist eine Behörde ist ein Kieser-Training


Es ist eine der Situationen, die mich ratlos zurück lässt:

Kieser Training. Sonntag. 8:59 Uhr und 30 Sekunden.

"Guten Tag."

"Guten Morgen, es ist aber noch nicht 9."

"Aber gleich. Und auf meiner Uhr jetzt schon."

Währenddessen bimmeln draußen die christlichen Glocken das unchristliche Berliner Volk aus dem Bett.

"Nein, es nicht noch nicht 9."

Ich strecke gleich zu Beginn der aufziehenden Auseinandersetzung die Waffen, mir fehlt immer mehr die Kraft, dieser Form offensiver Dummheit entgegen zu treten, es passiert einfach zu oft und es sind einfach zu viele. Pöbelt man einen in Grund und Boden, kommen wenig später drei nach. Es bringt nix.

"Ja, gut, kein Problem, ich warte gerne bis 9, kein Problem." und drehe mich um, um wieder vor die Tür zu gehen.

"Nicht nötig, jetzt sind Sie ja schon drin. Außerdem ist es jetzt 9, Sie können trainieren jetzt."

Dialoge wie diese machen mich völlig ratlos. Was ist das? Ist diese Lust, Mitmenschen sinnlos auflaufen zu lassen, genetisch? Können manche gar nicht anders oder geben sie einfach nur den Druck, den sie selber von oben bekommen, an den nächstbesten Vollhorst weiter, der ihnen gerade über den Weg läuft und über dessen Wohl und Wehe sie entscheiden können? Zuletzt die Frage: Muss das sein? Bringt das was? Wem nützt es?

Vielleicht hat man aber auch nur ein paar Sachbearbeiter vom Bezirksamt Pankow zu Kieser Training versetzt, zusammen mit ihren ewiggleichen Standardsprüchen "Ich bin nicht zuständig" und "Es ist noch eine halbe Minute bis zur Sprechstunde für den Pöbel, warten Sie draußen!" - wer weiß das schon?

8:59 Uhr und 30 Sekunden.

Mithin noch nicht 9.

Kleingeister hängen sich an so etwas auf und demonstrieren ihr winziges Quantum Macht, das sie von jemand Höherem verliehen bekommen haben. Das war schon vor hundert Jahren unter dem Kaiser so und das wird noch in hundert Jahren so sein, man muss das wohl hinnehmen, lernen, damit zu leben. Denn sie werden nicht weniger, man kann sie nicht besiegen und jede Situation, in der man einen solchen Kleingeist nicht in Grund und Boden brüllt und ihm damit gibt, was er will, ist ein Sieg gegen sich selber und man kommt dem Zen ein bisschen näher. Schwer genug.

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 19.05.13


Kiezschreiber: Berlin-Besucher
Ursula, Recklinghausen, Brandenburger Punks

robins urban life stories: Beschneidungsdebatte, ein Jahr danach
Der mit Abstand beste Text zu diesem Thema

herrmeyer.ch: Da können wir keine Ausnahme machen
Traurige Geschichte aus einer kalten Stadt

Samstag, 18. Mai 2013

Oh nein! Er fraß wieder Franchise!


Ich hab es wieder getan. Gelockt von Duft. Lockduft. Hunger. Da kommt Lockduft nicht ganz so gelegen. Weil man dann essen muss. Unverzüglich. Sofort. Schnell.

Am Bahnhof Ostkreuz

Asiagofresh.

Was? 

Asiagofresh.

Nix versteh. Morgen andere Baustelle.

Asiatisch gehen frisch!

Dat Ding im Bahnhof Ostkreuz?

Dat Ding im Bahnhof Ostkreuz.

Du Depp.

10 verschiedene Gerichte auf irgendwelchen Schildern. Klingen alle gleich, außer die prekären Chinanudeln, die klingen nach Bahnhof Ostkreuz und die würde ich maximal kurz vor dem körperlichen Kollaps infolge akuten Verhungerns essen, für die zweifuffzig.

Der Rest ist auch nicht gut und du weißt das.

Was nehm ich nur? Das Meiste steht schon fertig in Eimern herum und wartet auf das Vermischen.


Irgendwas Rindartiges für 7,90 €, damit bin ich auf der sicheren Seite. Das Teuerste ist bestimmt das Beste.

Ist es nicht. Nicht am Bahnhof, du Irrer.

Stimmt. Ist es nicht. Es ist salzig. Sehr salzig. Glutamatig. Ich krieg schon nach dem ersten Löffel Durst wie ein Schwein.

Löffel?

Ja, Löffel. Stäbchen gibt es hier nicht oder wahrscheinlich nur auf Anfrage.

Das ist ein ganz schlimmes Zeichen. Ein Zeichen von wenig Stil. Ist dir das klar?

Argh. Durst. Durst. Wasser. Mehr Wasser. Ich sauf die Spree aus. Au meine Güte, ist das salzig. Und winzig. Eine jämmerliche Portion für den Preis. In fünf Minuten eingeatmet. Danach immer noch Hunger. Snickers her. Zum Sattwerden.

Das war abzusehen. Wer so bescheuert ist, da zu essen, der zahlt das Snickers zu Recht.

Ja. Schon wieder reingefallen. Schon wieder eine dieser Asiaketten in Bahnhofsnähe. Asiagofresh. Asiagourmet. Asialeckmichdoch.

Kiezneurotikerhunger. Kiezneurotikerungeduld. Kiezneurotikervollhonk.

Memo: Bahnhof. Bleiben lassen. Immer.

Machste eh nich.

Stümmt.

Prenzlauer Berg: Florierendes Gewerbe


Der Kassenschlager in Prenzlauer Berg. Am besten mit angeschlossenem Heilpraktiker und Yoga-Lehrer. Goldgrube. Privat natürlich. Der GKV-Pöbel, sofern er überhaupt noch hier wohnt, bleibt bitte draußen, selbst wenn er sich für Hokuspokus interessiert.

Freitag, 17. Mai 2013

Braindead in Werder


"Wo sich das Hirn und der Stil im Nebel des Obstweins verabschiedet haben, ist die Proletenfrequenz nicht weit" (Icke, 2013)


Man kann ja auch mal von was die Schnauze voll haben.

Vom Werderaner Baumblütenfest zum Beispiel.

Da ballern sich die jugendlichen perspektivlosen angehenden Alkoholiker bei 30 Grad im Schatten den billigen Fruchtfuselwein rein, vertragen ihn nicht und verlieren einer nach dem anderen die Kontrolle über ihre elementaren Körperfunktionen.

Da sitzt die junge Frau erdbeerweinblau mitten auf der Wiese, zieht sich das Röckchen hoch und pinkelt erstmal selig grinsend vor johlendem Publikum auf den Boden, um dann umzukippen und in der eigenen Pisse zu landen. Da kotzt der Minderjährige mitten auf die Motorhaube des nächstgelegenen Autos, schafft es aber nicht abzutropfen, so dass der letzte Schwall blutrote Erdbeerweinkotze über sein Kinn auf sein kirschweinbeflecktes Böhse Onkelz-Muscleshirt läuft, unter dem die bleiche Hühnerbrust glänzt, auf der letzte Woche das erste Haar gewachsen ist.

Einer kommt mir entgegen, der nach dem Pinkeln im letzten Hauseingang vergessen hat, seinen Penis wieder in die Hose zu stecken, aber es schafft, seiner Freundin, die sich kaum noch selber auf den Beinen halten kann, Johannisbeerwein in rauhen Mengen über ihre knallroten Hängetitten zu gießen, die sie mitten auf der Straße in eine Sonne hält, die sich wahrscheinlich am liebsten sofort selbst verdunkeln würde.

Und plötzlich brüllt mich der Nazi unvermittelt von der Seite an "Eeeeeeeeeeeeeeh ALTAAAAAAAAAAAAAA KACKVOOOOOOGL willsse auffe FRESSEEEEEEEEEEEE?"

Jetzt ist mir klar, wo RTL 2 sein williges Menschenmaterial für diese fiesen Unterschichtensendungen findet, wo dumme Dicke sich in der Badewanne knutschend mit Ahornsirup einreiben und blöde Bauern noch blödere Frauen suchen.

Hitradio RTL ist ja Hauptsponsor dieser Idiotenparade. So schließt sich ein Kreis. Call him Mr. Raider. Call him Mr. Wrong. Dengeleng.

Der klebrig-süße werderaner Fruchtwein zuletzt ist nur eine besonders üble Beleidigung für den Terminus Wein und ausschließlich dazu geeignet, sich in der Sonne das Resthirn in der vollverstrahlten Murmel mit gezuckertem Alkohol wegzuschießen und dann, wenn man endlich jenseits von gutem Geschmack, Maß und Stil angelangt ist, zu enden wie diese menschlichen Totalausfälle auf ihren wackeligen Beinen, die im Sekundentakt Karmapunkte abgeben.

Nennen wir das Kind beim Namen: Das Baumblütenfest war immer schon ein Prollfest, bei dem 20% Assis, Penner, Proleten, Hooligans und Nazis den anderen 80% den eigentlich schönen Tag versauen können.

Das sollte man wissen, bevor man sich in den Zug setzt.

Ich bin dafür, die 20% Patienten zusammen mit fünfhundert Kisten Himbeerwein in Busse zu setzen und sie direkt bei RTL 2 in München zu verklappen. Damit ist allen gedient: RTL 2 muss nicht mehr selber aufwändig Asoziale casten, die Besucher können sich endlich auf dem Fest bewegen ohne an jeder Ecke spontan mitkotzen zu müssen und der Ruf der Stadt Werder an der Havel ist wiederhergestellt. Win-Win-Situation für alle.

Denn die einzigen, die von der Situation derzeit profitieren, sind die Kindertherapeuten in Berlin und Brandenburg, die all die fahrlässig nach Werder mitgenommenen Kinder therapieren müssen, die mit ansehen mussten, wie obstweinbesoffene brandenburger Dorfbratzen einen halben Meter Bratwurst in die Havel kotzen, Hitlergrüße rülpsen oder noch vor Einbruch der Dunkelheit die schöne helle Bluejeans mit den immer zu kurzen Hosenbeinen einnässen.

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Der Text ist aus dem Jahr 2009. Gerüchteweise soll es besser geworden sein in Werder, vor allem am Freitag und vor allem, seit man in dem Ort ein Polizeiaufgebot wie bei Union gegen Hertha auffährt. Gut so.

Sinnlos in Werder


Notausgang meets Gitter - gesehen auf dem Baumblütenfest in Werder.