Donnerstag, 26. März 2015

Im Land der hippen Ostkreuzschlümpfe



Ostkreuz. Schlumpf City. Besonders viel muss man hier nicht tun, um sich positiv von den anderen abzuheben, die hier versuchen, Nahrung an den Passanten oder mich, der ich hier wieder Zeit bis zum nächsten Meeting totschlagen muss, zu bringen. Es genügt eigentlich schon, kein mexikanisch, kein indisch, kein thai und keine aufgetauten Backwaren feilzubieten und fertig ist das Alleinstellungsmerkmal.

Cafés gibt es hier auch genug. Wie viele sind das inzwischen in diesem 300 Meter-Radius des Dreiecks zwischen Boxhagener, Sonntags- und Lenbachstraße? 20? 30? Und wann hört das auf? Wann ist so ein Markt satt? Und wer trinkt diese ganze mit Kaffee versetzte Sojamilch? Und wer frisst diese Lastkraftwagenladungen Amarettinis?

Schlumpf as Schlumpf can. In dem Café, in dem ich heute sitze, störe ich sichtlich. Wenig Platz gibt es hier und das wenige wird großzüg- und ausgiebig von der offenbaren Bekannt- und/oder Verwandtschaft des Servicelurchs genutzt, so dass sich bei mir schon beim Betreten der Eindruck festsetzt, ich platze gerade uneingeladen in eine private Geburtstagsfeier. Oder erwische meinen Chef beim 50 Shades of Borgwürfel-Nachspielen im Garderobenschrank. Sie äugen. Ein Gast. Was hat der vor?

Die Einrichtung, diese verdammte Einrichtung. The principles of Schlumpf. Ich vermeide die üblichen kleinen Katzentische vom Sperrmüll und die verlebte Gartenmöbelgarnitur in diesem wieder einmal vorsätzlich unrenovierten Raum und setze mich auf einen wackeligen Barhocker, der sich sitzt als hätte ihn Billy Wilder schon vollgefurzt. Oder Leni Riefenstahl. Doch von diesem Barhocker kann ich wenigstens nach draußen schauen während ich die eitle Szenerie derer einatme, die hier posen und ihre überbordende Tagesfreizeit zur Schau stellen.

In dem Geschnatter der Schauläufer warte ich, ob jemand kommt, der mir etwas verkaufen will. Einen Kaffee. Einen kleinen Imbiss zu Mittag bevor ich in den Borgwürfel und dort so tun muss, als wüsste ich was ich da mache.

Natürlich kommt niemand, so dass ich aufstehen und an der Theke bestellen muss, obwohl ich zwei Meter entfernt in Sichtweite sitze. Gefragt was ich haben möchte werde ich auch dann nicht als ich schließlich vor dieser Theke stehe und Hilflosigkeit vorschütze, denn es gibt keine Karte, sondern nur Gekrakel auf einer Schiefertafel. Stattdessen empfängt mich Brandenburg wie sich jeder Brandenburg vorstellt: Ein ausdrucksloses Gesicht mit einem zu betont gelangweiltem Blick, was Kenner wahrscheinlich als nonverbale Frage interpretieren.

Ich bin kein Kenner. Ich starre zurück und sage nichts. Das kann ich gut. Ich kann anderen Menschen minutenlang ausdruckslos in die Augen blicken. Je mehr sie mich nerven desto besser kann ich das. Wenn es wirkt (was es meistens tut) und mein Gegenüber verunsichert, hebt es mir die Laune darüber, den eigenen Stolz nicht verloren zu wissen. Und im Borgwürfel brauchen Sie diese Fähigkeit zudem für Situationen, in denen Arbeit verteilt wird, die keiner machen will. Wer zuerst zuckt, verliert. Zucken Sie nicht. Zucken Sie nie. Es lohnt nicht.

Der Thekenlurch verliert: "Was darf's sein?" muss er fragen.

"Was gibt's denn?" lasse ich ihn nicht von der Angel.

Zu Essen gibt es nichts außer einen Fladen, Piadina genannt, in den Dinge gesteckt werden und den man dann toastend erwärmt. Salami. Mozzarella. Der unvermeidliche Rucola. Oder was anderes. Pilz. Paprika. Zucchini. Was eben weg muss. Ja. Ist ganz gut. Schmeckt irgendwie wie ein Fladen, in den Dinge gesteckt wurden und den man dann toastend erwärmt hat. Nett. Passt schon. Bissken keksig für meinen Geschmack und maximal sättigend für Magermodels, aber nett. Déjà-vu. Ich habe früher mal in einem Moment grenzenloser Dummheit einen Sandwichmaker gekauft, den ich nach fünf Jahren und exakt einem am Tag des Kaufs getoasteten Sandwich in die verdammte Restmülltonne im Hof geworfen habe, was wieder im Treppenhaus ausgehängte Fahndungsblätter des analfixierten joghurtbecherausspülenden Müllzettelnazis nach sich gezogen hat, der meint, man müsse wegen so einem Scheiß zur Wertstoffsammelstelle der BSR fahren (haha, bestimmt).

Doch der Espresso, den ich mir an der Theke abholen darf, ist gut, zugegeben, klar, wenn sie in solchen Läden etwas können, ist es Kaffee. Oder zumindest können sie gute Bohnen kaufen und dann auf einen Knopf drücken. Prima. Warum ich jedoch wieder einmal keinen Zucker dazu bekomme, hat wohl fundamentalistische Gründe oder ist eine Frage des persönlichen Stils oder vielleicht muss ich mir das auch selber an der Theke holen oder aus dem Edeka um die Ecke oder vom Mond oder aus Chisibubikaio, wer weiß das schon, allein nachvollziehen kann ich es nicht. Vielleicht hassen mich die Kaffeeknopfdrücker im Land der hippen Ostkreuzschlümpfe auch einfach, ich weiß es doch auch nicht.

Aber das Beste ist eine irrwitzig kleine Schokowaffelkugel von der Größe eines TicTacs, die großzügig in Knisterpapier von der Größe eines Glückskeks' verpackt ist. Ehrlich, ich muss wirklich nicht alles verstehen und allzu oft ist mir vieles egal, aber die Sinnfrage drängt sich in diesem Moment sogar mir, der ich außerhalb jeden Verdachts stehe, auch nur ein bisschen ökologisch korrekt zu sein, auf, denn das winzige Ding ist nichts, was eine solch fürstliche Verpackungsorgie rechtfertigt. Die winzige Kugel fühlt sich an wie ein homöopathisches Duplo-Globuli. Ein Hauch von Gar Nix. Dann lieber Amarettinis, mit denen kann ich wenigstens bärtige Hipster bewerfen wie den, der draußen auf Rollschuhen vorbeifährt. (Rollschuhe! Kein Witz! Jetzt fahren sie schon Rollschuhe. Und bald werden sie Matrosenanzüge dazu tragen. Ich muss hier weg.)

Der Laden macht mich müde, denn zum Zahlen darf ich wieder aufstehen und sinnlos an der Theke herumstehen, um mein Geld loszuwerden. Keiner da, nicht mal beim Quatschen draußen. Oder zum Rauchen. Wichtigtun. Gestikulieren. Niemand da. Nach knapp fünf Minuten kommt einer von hinten vorgeschlurft und schaut fragend als würde er sich wundern was ich von ihm will. Zahlen, Kumpel, kein Witz, hör' auf so kuhäugig zu schauen und nimm' mein verdammtes Geld, meine Güte, andere, die sich dieses Geld sparen wollen, wären längst weg hier und säßen in der S-Bahn in Richtung eines Orts, an dem sich Gastronomen über Kundschaft freuen und ihnen wenigstens den Anfangsverdacht von Respekt zollen. Ich weiß manchmal selber nicht warum ich das nicht auch mal bringe und einfach ohne zu zahlen abhaue aus einem dieser Läden, in denen mich gelangweilte Schlümpfe als den Fremdkörper behandeln, der ich zweifellos bin. Verschlumpft. Teuer. Schnöselig. Ostkreuz. Herzlichen Glückwunsch.

Doch ich werde auch das nächste Mal wieder in einen solchen Schlumpfladen gehen, wenn ich wieder in dieser komischen Gegend am Ostkreuz bin, in der man so wenig tun müsste, um sich positiv abzuheben. Weil ich nicht lerne. Weil ich nie lerne.



Mittwoch, 25. März 2015

Lass mal netzwerken - Links vom 25. März 2015



Die Links. Read this:


VirchHausaufgaben
Oberlehrer.

Männer unter sichHeinz und Klaus reloaded
Arroganz.

LandLebenBlogRineck
Amerika.

WortmischerLucy in the sky with diamonds
Ali.

Studio GlummTornato
Dribbling.

sammelnsammelnRatschläge
Kokseichel.

[YouTube] Die Prenzlschwäbin Birgit StolzShit Prenzlschwaben say
Brainfuck. (danke Amélie)

1ppmWaschmittelproduktnamen
Wahnsinn.

kreuzberg süd-ostPostfaschistische Hure oder Die vergletscherten Flanken des Pik Schokalskowo
Paranoia.

timms cornerDer Untergang...
Krieg.

Hans HüttBravo! Ein Todesurteil
Siechtum. (via wirres)

Laura Elisa NunzianteDer letzte Tag des Rauches
Kälte.

Leo/GutschDas fliegende Haus
Brandenburg.

German AbendbrotPork Goulash nach Jamie Oliver – reloaded
Fleisch.


Montag, 23. März 2015

Steine und Flaschen



Ich bin spät dran. Andere haben schon längst das Nötige zu diesem gewaltigen Ausbruch vergangene Woche in Frankfurt geschrieben (oder zusammengefasst).

Blockupy. Kreativer Protest. Clowns. Transpis. Trommeln. Redebeiträge. Steine und Flaschen. Ein paar Barrikaden. Knüppel. Das übliche Ritual. Eine Minderheit einer Minderheit verübt Straftaten, was die Mehrheitsvertreter in der Nachbereitung dafür nutzen, den Protest als Ganzes zu delegitimieren. Das gab es alles schon. Mehrfach. Seit Jahrzehnten. Immer wieder. Nichts Neues an der Front der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Jeder wie er kann. Jeder was er soll. Ein jeder auf seinem Platz. Verteilte Rollen nach Façon.

Dabei ist es seit jeher völlig egal, in welcher Form und mit welchen Mitteln protestiert wird, denn die herrschende Meinung, für die ein Großteil der Leitmedien und ihrer angeschlossenen Funkhäuser spricht und die kein Interesse an irgendeiner Ausprägung von Opposition gegen den Common Sense hat, wird immer das Ziel haben, jeden Protest wahlweise für kriminell, sinnlos oder lächerlich zu erklären. Wie es eben gerade passt.

Sehr beliebt geworden ist die Methode mit dem Lächerlichmachen von friedlichem Protest. Das ist so einfach, dass es jeder Außenreporter-Praktikant machen kann, denn es finden sich immer in jeder Gruppe, die es zu diskreditieren gilt, bereitwillig irgendwelche Spinner, die gerne, oft und laut ihr verstrahltes Weltbild in die Mikrofone plappern und aus deren Wortbrei der tranige Bürger auf seinem vermilbten Sofa bereitwillig schließen kann, dass es überhaupt nicht in Frage kommt, sich mit solchen Leuten gemein zu machen.

Machen wir es plastisch: Sie wollen die Überwachungsgegner lächerlich machen? Kein Problem. Nehmen Sie einen der paranoiden Aluhüte, nur echt mit Übergewicht, schlechter Haut und Kassengestell, der zuhause im komplettverkabelten Arbeitszimmer hinter dem selbergebauten Linuxserver seine Steckdosen abklebt. Einer von denen wird Ihnen sicherlich freimütig erklären, wie die NSA über das Stromnetz des gierigen Oligarchen Vattenfall versucht, seine Gedanken zu kontrollieren.

Oder dieser Protest für eine Agrarwende während der Grünen Woche vor zwei Monaten. Easy, take this: Hier ist der knochige Waldschrat, der in einem verlassenen Tal der Vogesen von den Wurzeln seiner selbstgezogenen Dornenbüsche lebt und dessen Bart seltene Insekten zum Ablegen ihrer Eier nutzen. Der läuft barfuß in einem alten Schlüpper über den Potsdamer Platz und singt mit dünner Stimme ein unfassbar lächerliches Protestlied über Käfer, Weberknechte und fickende Rebhühner. Perfekt. Wie jämmerlich. Kuck dir mal den an wie der aussieht.

Oder das ganze Bohei gegen TTIP. Ganz einfach. Es wird sich ja wohl ganz schnell eine dieser rothaarigen Esoteriktanten mit eigener Galerie aus Prenzlauer Berg finden, die erklärt, dass nur Klangschalen, yogisches Fliegen und gaaaanz viel Liebe, aber keinesfalls der Freihandel, die Welt retten werden und deren irrwitzig riesigen Ohrringe, die an bunte Hula Hoop-Reifen aus dem Grundschul-Sportunterricht erinnern, dazu so lustig im Takt klimpern während im Hintergrund ein gescheiterter und schon vor vielen Jahren frustriert bei den Grünen ausgetretener Liedermacher, der gerade versucht, für die Linkspartei in den Stadtrat von Angermünde einzuziehen, auf seiner alten Brokdorfklampfe Kumba ya zimbelt.

Haha. Lächerlich, diese Demonstranten. Kuck dir die an. Waschen sich bestimmt nicht mal. Und einen Bausparvertrag haben die auch nicht. Die Dreckskiffer. Aber die Welt verändern wollen. Hahaha. Hallt es gehässig vom Sofa des berufsverbeamteten Jobcenterknechts, der sich im einsamen Kampf gegen libanesische Großfamilien wähnt, die ihn um diejenigen Steuergelder prellen wollen, die sie anderswo den Banken und Konzernen so bereitwillig hinterher werfen. Divide et impera, so ist es immer und so funktioniert es auch immer. Weiß jeder. Außer denen, die drauf reinfallen und das Feld von denen bestellen, die immer jedes Spiel gewinnen.

Also, was tun? Was tun in Zeiten, in denen Banker morgens auf dem Weg in ihren Borgwürfel friedlich davor campenden Occupy-Demonstranten hämisch winkend sündteure Schinken-Käse-Croissants von LeCrobag zuwerfen und Statements über die Lächerlichkeit der so drollig gewaltfreien Protestierer die Berichte der Tagespresse und der Morgenmagazine dominieren? Haha, kuckt euch die an. Wie harmlos. Peacer. Friedensapostel. Jesusfreaks. Esotanten. Diese bräsige Jugend. Was wollen die denn? Sollen arbeiten gehen, die Gammler. Da lachen ja die Bankster.

Also anders. Angst machen. Einen Stein in die Hand nehmen. Farbbeutel füllen und werfen. Eine Barrikade errichten und anzünden. Dorthin gehen wo sie sind, von wo sie die Welt lenken, und die Gewalt, die sie in die Peripherie des Kontinents tragen, dorthin zurückbringen wo sie entsteht, wo die Ursache dafür ist, dass drei Millionen Menschen in Griechenland keine Krankenversicherung haben, dass über die Hälfte der spanischen Jugendlichen arbeitslos sind, weil sie Banken retten müssen, weil sie immer Banken retten müssen, weil sie seit geschlagenen sieben Jahren ausnahmslos Banken retten und einfach nicht damit aufhören bis auch der letzte Verlust geplatzter Hochrisikoswaps irgendwelcher dem normalen Bürger völlig unbekannter Institute auf den öffentlichen Haushalt umgelegt ist.

Terror. Heißt es dann. Terror in Frankfurt. Bürgerkrieg. Kuck mal ein brennender Mercedes. Eins Zwei Polizei. Distanziert euch. Distanzier dich. So geht es bitteschön nicht. So nicht. Diese Chaoten, diese verdammten Chaoten.

Was hilft es, darauf hinzuweisen, dass es nur eine gewalttätige Minderheit ist. Maximal fünf Prozent der Protestierenden dürften letzte Woche Gewalt ausgeübt haben, doch über die anderen 95 Prozent der 17.000, die ihren Widerwillen legitim und friedlich zum Ausdruck gebracht haben, spricht kein Mensch mehr. Klar. Doof. Dumm gelaufen. Man kann den Protest prima spalten, diskreditieren und marginalisieren, wenn ein Teil von ihm freidreht und zum Beispiel die Feuerwehr angreift. Klar. Doof. Dumm. Und dann machen es sich die, denen nichts besseres passieren kann, ganz einfach und werfen gleich alle zusammen in eine Suppe. Ekelhaft. Tiere. Gewalttätige Linksfaschisten. Eventjugendliche. Und dann noch aus dem Ausland. Wahrscheinlich auch noch aus Griechenland. Pack. Distanzier dich. Und seh' es gleich ein: Protest bringt nix. Sei lieb und wir machen dich lächerlich, sei böse und wir malen dich als Teufel an die Wand. Und dazwischen ist nichts. Geh lieber weiter. Zurück auf dein Sofa. Hier ist deine Fernbedienung und RTL 2 haben wir dir schon mal auf den Sendeplatz 1 gelegt. Da läuft Berlin Tag und Nacht. Hahaha. Kuck mal wie blöd die da sind.

Sie wollen eine Lösung? Ich habe keine. Ich habe mit Occupy sympathisisert, bin mitgelaufen, wenn sie gelaufen sind, habe auf ein Überschwappen des fröhlichen Protests aus Spanien gehofft und doch nur erlebt wie sie sich freiwillig demontiert und sich in den Medien reihenweise der Lächerlichkeit preisgegeben haben, bis sie irgendwann als kleines Häufchen am Arsch von Kreuzberg senatsgeduldet in irgendeiner Schule zum gemeinsamen Diskutieren über Verhältnisse, die schon längst keinen mehr interessierten, geendet sind und ein shakrenbeseelter Esoteriker als letztes das Licht der handgedrehten Kerze ausgemacht hat, bevor auch er wieder nach Hause gegangen ist.

Und hey, natürlich sympathisiere ich mit Blockupy, aber sehe gleichzeitig mit einer nicht zu leugnenden Hilflosigkeit, wie die in jeder Hinsicht kontraproduktive Gewalt den Diskurs und das öffentliche Bild bestimmt, so dass niemanden mehr interessiert, welche Inhalte eigentlich zur Debatte stehen, diese wichtigen Inhalte, die keiner hören will, wie die Plünderung eines Kontinents durch die Banken mit Folgen, die irgendwann - so ziemlich als letztes wohl, aber immerhin - auch diesem Land eine soziale Krise bringen werden, oder die Aufteilung des Kontinents durch internationale Konzerne unter dem Label eines Freihandelsabkommens, von dem der normale Bürger nichts, aber auch gar nichts haben wird, oder meinetwegen die militärische Aufrüstung auf Basis einer vorsätzlich geschaffenen Konfrontation mit dem neuen alten Feind im Osten.

Ich weiß nicht, was richtig ist. Ich habe keine Ahnung. Fragen Sie andere Blogger. Die wissen oft alles. Ich weiß das nicht. Bringt das Protestieren überhaupt etwas in einer Zeit, in der eine unangefochtene und unbesiegbare Regierung von Beliebtheitsrekord zu Beliebtheitsrekord marschiert und in der sogar ein Wirtschaftsminister Verständnis für alles mögliche - von Pediga bis bankenkritische Proteste - heuchelt. Bringt das was? Vielleicht bringt es was, wenn es mehr werden. Mehr Leute. Mehr, die dagegen sind, die sich hinsetzen und nicht mehr aufstehen. 50.000. 100.000. Und die sitzen dann friedlich vor der Frankfurter Börse, aus der immer diese geleckten Börsenberichterstatter senden, die mir immer mehr vorkommen wie Aliens, deren Sprache ich nicht mehr spreche. Oder sie sitzen vor der Deutschen Bank. Lassen keinen mehr rein, der mit Lebensmitteln oder gegen die Zivilgesellschaft ganzer Staaten spekulieren will. Oder eben vor der EZB. Weil die Rettungspolitik keine Gesellschaften rettet, sondern nur Banken. Immer nur Banken.

100.000 kann man nicht wegtragen, wenn die alle da sitzen, friedlich, ruhig, bestimmt, beherrscht. Dann kann man sie nicht wegtragen. Und auch nicht ignorieren. Und vielleicht kann man sie sogar nicht mal lächerlich machen. Weil es zu viele sind.

Und wann werden es so viele? Wahrscheinlich erst dann, wenn sie zuletzt die Lebensversicherungen und Bausparverträge rasieren, um wieder ein paar Banken zu retten. Oder wenn der erste große Schwung Menschen wegen der ewigen Minijobs und der chronisch miesen Reallöhne mit einer lausigen Grundsicherungsrente in die Altersarmut rutscht. Oder sie zu viele Geringverdiener in die Banlieues verdrängt haben.

Ich weiß nicht, ob so etwas möglich wäre, ich weiß nicht, wie realistisch das ist, ich weiß es einfach nicht. Ich weiß so vieles nicht. Ich bin nur ein durchschnittlicher Exponent der Mittelschicht mit tendenziell guter Sozialprognose und ich bin nicht einverstanden mit den Dingen, ja, es ginge mir sogar ziemlich gut, wenn da nicht dieses Unbehagen wäre, das dieses ins Ungesunde kippende Europa auslöst, ohne dass ich wüsste, was zu tun ist, was richtig ist, was wirksam ist, was etwas bringt, was die Dinge besser macht. Rausgehen. Drinbleiben. Blockieren. Okkupieren. In der Nase bohren. Ich weiß es nicht.


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Manchmal wünsche ich mir, dass Mrs. Mop wieder schreiben würde. Die wüsste was zu tun wäre. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.


Samstag, 21. März 2015

Landesverrat



Ein Plakat am S-Bahnhof Landsberger Allee. Das Sturmgeschütz der Demokratie Die Güllepumpe des Neoliberalismus beschwört in ihrer Verzweiflung die glorreiche Vergangenheit. Rudolf Augstein, Spiegel-Gründer, 1962 wegen Landesverrats angeklagt und 103 Tage in Untersuchungshaft - schreiben sie tapfer. Und ich muss lachen. Diese Chuzpe. Nichts könnte heute weiter von dieser Illustrierten entfernt sein als Landesverrat. Ich stelle mir Rudolf Augstein als Zentrifuge im kalten Grab vor. Mit dem Strom aus der Rotation könnte man eine Kleinstadt versorgen.

In den 90ern habe ich für drei Jahre ein Spiegel-Abo bezogen, mühsam abgespart vom traurigen Lohn dreier prekärer Jobs. Heute lasse ich das Blatt im kostenlosen Zeitungsständer des Flughafengates liegen und nehme gleich die FAZ. Die ist wenigstens ehrlich.

Mittwoch, 18. März 2015

Armes Hamburg



Überraschung. Berlin hat dieses Mal eine Sache verkackt, bevor sie eine obszöne Menge Geld gekostet hat. Hamburg bekommt den Zuschlag zur Bewerbung für die Spiele und hat die Seuche Olympia somit nun alleine am Hacken. Das macht es zwar nicht besser, doch wenigstens ist der Irrsinn schon mal aus meiner Stadt raus.

Die PR-Maschinerie lief ja schon wieder wie geschmiert, wie immer, wenn es darum geht, Steuermittel zugunsten der Egos der eitlen Mumien der Berliner Senatsgruft und deren Förderern aus der mit ihnen traditionell bis ins Mark verfilzten Bauwirtschaft in den märkischen Sand zu setzen (oder in den berüchtigten sibirischen Eiswind zu schießen respektive in der sumpfigen Spree zu versenken, suchen Sie sich eine Metapher aus). Bankgesellschaft, Flughafen, Stadtschloss und Olympia, ein Grab ist ein Grab ist ein Geldgrab, denn diese Stadt schafft es nicht, auch nur einige Jahre sich selbst zu genügen ohne sich immer wieder großkotzig unter großzügigstem Einsatz von Finanzmitteln, die anderswo fehlen, aus irgendeinem beliebigen Fenster zu lehnen, einfach um zu posen.

Derweil verrotten die Schulen nebst Turnhallen, es fehlen immer noch Kitaplätze, Sozialarbeiter, Streetworker, qualifizierte Lehrer, den Krankenhäusern fehlt Personal, den Bezirksämtern sowieso - wenn auch nur an den Ecken, an denen es unvermeidbar zum Kontakt mit dem Pöbel Bürger kommt, der die ganze Farce bezahlt -, die S-Bahn fährt in ihr sechstes Jahr Dauerkrise ohne absehbares Ende, die Straßen sind selbst in Usbekistan besser als in den Berliner Ortsteilen, in denen keine Reichen wohnen, und der als Regulativ für die ungesunde Stadtentwicklung dringend notwendige soziale Wohnungsbau findet nach wie vor nicht statt während sich Berlin - langsamer immerhin, aber stetig - wie alle anderen Städte Europas in eine reiche Mitte und verarmte Außenbezirke segregiert.

Haben Sie sich in letzter Zeit einmal nach einer Wohnung innerhalb des Rings umgeschaut? Sie müssen inzwischen Bewerbungsmappen vorlegen wie bei der Jobsuche. Teilweise verlangen die Makler Kontoauszüge, Schufa-Auskünfte nebst Lichtbild und manchmal sogar Führungszeugnisse, wenn nicht gleich einen solventen Bürgen. Oder zwei. Und beim persönlichen Casting für die banale 70qm-Butze treffen Sie dann, wenn Sie erfolgreich datengestrippt haben, auf 20 andere arme Seelen, die manchmal Briefumschläge dabei haben, die sie dem Makler unauffällig in die Hand drücken. Inzwischen konkurrieren sie schon um Wohnungen in den potthässlichen Zehngeschosser-Platten der Betonschluchten der Landsberger Allee, zumindest denjenigen in Zentrumsnähe. So ist das. Und so ist das gewollt, anders kann ich mir die wohnungspolitischen Weichenstellungen der letzten Jahre nicht erklären.

Aber Hauptsache Olympia machen wollen, diesen feuchten Furz einer von sich selbst besoffenen Elite, die kein Gespür mehr fur den sozialen Kitt der Gesellschaft hat, über die sie herrscht, und die zur Meinungsbildung derer, die den selbstherrlichen Spaß bezahlen, den ganzen Maschinenpark in Gang setzen muss, über den sie verfügt: In der verödeten devot-gefälligen Medienlandschaft von rbb bis Tagesspiegel fand sich sodann kein kritisches Wort, kein Wort zu absehbaren und chronisch defizitären Bauruinen wie diejenige der letzten verpfuschten Olympiabewerbung, kein Wort zu den fragwürdigen Einschränkungen für die Zivilgesellschaft der Stadt, die in den für Olympia zu schaffenden Bannkreisen nicht mehr jene Klamottenmarken tragen oder den Fraß derer fressen darf, die sich nicht als Sponsor beim IOC eingekauft haben. Kein Wort auch zu dem ganzen Steuergeld, das den Funktionären auf dem langen Weg bis zur Entscheidung in den korrupten Arsch geblasen werden muss, um überhaupt in die engere Auswahl zu kommen. Obendrauf gab es manipulierte Umfragen, dumme PR-Aktionen, eine noch dümmere Plakatkampagne und weil das immer noch nicht reicht eine erschreckend dünnhäutige Reaktion auf eine harmlose Satire zu dem ganzen Popanz dieser vielen traurigen nackten Kaiser einer Hauptstadt voller Dilettanten.

Peng. Puff. Aus der Traum. Kein Olympia in Berlin. War schon von vorneherein klar, wenn auch nicht zu so einem frühen Zeitpunkt, so dass wir dieses Mal zur nächsten Stufe, die hier in der Stadt vor Volksentscheiden traditionell gezündet wird, gar nicht kommen werden: Die dicken Plakataufsteller auf den Mittelstreifen. Die Werbespots. Die Radiojingles. Die Postwurfsendungen. Finanziert von Adidas, Vattenfall und dem unvermeidlichen Hans Wall. Und dazu immer noch mehr flankierende Artikel in der Jubelpresse, noch mehr Jubelberichte im rbb mit einem hemmungslos begeisterten Ulli Zelle, die wie zufällig wirken, und noch ein paar weitere fingierte Umfragen ausgewählter Probanden, um Begeisterung für eine Sache vorzutäuschen, für die ums Verrecken keine Begeisterung herrschen mag.

Das alles sparen wir uns jetzt. Toll. Ich freue mich. Aber nur halb.

Denn jetzt liegt der Ball in der Hälfte von Hamburg. Viel Erfolg, schöne Grüße und einen langen Atem.



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Schöne Grüße bei der Gelegenheit auch nach Frankfurt. Der Protest gegen eine Bankenrettungspolitik, die seit mehr als sechs Jahren eine blutige Schneise quer durch ganze Gesellschaften dieses Kontinents brennt, ist nicht nur legitim, sondern dringend notwendig.

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Und schöne Grüße auch nach Athen. Mut und Widerstand, endlich mal Mut und Widerstand. Wie habe ich das vermisst.

Dienstag, 17. März 2015

Filmtheater am Friedrichshain feat. Mein lilalaune Zipfelmützenbezirk



Ich habe noch gar nicht mein Lieblingskino vorgestellt. Es ist natürlich ein Teil der Yorck-Gruppe, die die Fackel der Kultur im Morast der Multiplexe hochhält, und ich kann außerdem zu Fuß hinlaufen. Perfekt.

Die Yorck-Gruppe betreibt einige kuriose unkoventionelle Lichtspielhäuser in Berlin, weit abseits der dicken glitzernden Multiplexe. Ihre Kinos sind etwas für Liebhaber, sie versuchen den Spagat zwischen Kunst und Kommerz und belegen damit eine ausgeglichene Mittelposition zwischen den winzigen, von Enthusiasten betriebenen Hinterhofwohnzimmerkinos, die die neuesten mit einer altersschwachen Digicam aufgezeichneten Kassengifte der örtlichen Antifa oder die experimentellen Versuche der so verkrachten wie verlebten ewigen Studenten aus der Nachbarschaft (oder schlimmer: aus der UdK) zeigen, und den durchkommerzialisierten Multiplexen mit ihren ewiggleichen Blockbustern für das sagenhaft debile Ohne-besoffen-zu-sein-Nacho-mit-Käse-Fresser-Publikum aus den intellektuell hoffnungslos vernachlässigten Randbezirken.

Das Filmtheater am Friedrichshain gehört auch dazu. Also zu den Guten. Bei denen kein Ronny mit peinlichen Tribals und Ohrtunneln zum Fusselbart und auch keine Schakelyne mit drei verschiedenen Haarfarben in einer Frisur das ästhetische Gleichgewicht zerfickt. Gut, ab und an laufen hier tatsächlich öde Kassenschlager für den Massengeschmack, allerdings gut ausgewogen im Verhältnis zu den kleinen Perlen, gerne auch von unbekannten Filmschaffenden aus Osteuropa (Bydgoszcz, Chisibubikaio, wissen Sie ja), die auf dem westlichen Massenmarkt nicht den Furz einer Chance haben und in denen ich manchmal alleine zusammen mit einem alten rotbeschalten Lehrerehepaar sitze, die beide die Frisur von Albert Einstein haben und den ganzen Film mit Daumen und Zeigefinger an ihrem Kinn rumzubbeln. Wahrscheinlich schreiben die für ein marginalisisertes Kulturmagazin, das keiner liest. Oder sie bloggen, was auch keiner liest.

Nein wirklich, das Publikum ist so entspannt, dass ich hier tatsächlich auch woanders als immer nur in der letzten Reihe sitze, in der mir keiner den ganzen Film lang in den Rücken treten oder seine keimigen Käsemauken auf der Sitzlehne neben mir platzieren kann. Die peinlich-primitiven palavernden und popcornschmeißenden Pestbeulen von Bild-Lesern und RTL2-Glotzern, deren Kaaba das unerträgliche Cubix am Alexanderplatz ist, sucht man zwar nirgendwo wirklich, aber wenn, dann hier auf jeden Fall vergeblich.

Und damit das Bild nicht wieder so abstoßend positiv und lebensbejahend ist, habe ich auch einen Schatten am Revers des Lieblingskinos: Das Popcorn ist grottig. Wirklich übel. Keine Ahnung, wie lange das schon in dieser Vitrine liegt, aber wie von heute dieser Woche diesem Monat schmeckt es nie. Eher wie Styroporkugeln. Abgestandene Styroporkugeln, deren Salz (oder für Geschmacksgehandicapte: Zucker) sie schon lange verlassen hat und sich auf dem Grund des Sees Popcorntanks in skurrilen Vewehungen sammelt. Aber hey, hier ist Prenzlauer Berg, wahrscheinlich isst das sowieso nie einer außer mir. Alle anderen bringen sich ihre Dinkelkekse, Biolachsbagel, Tofuwürste und Sojaschnittchen wahrscheinlich im Jutebeutel selber mit. Ich kann nichts für meine Nachbarn hier im Hip Hip Hipsterbezirk.


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Filmtheater am Friedrichshain
Bötzowstraße 1
Prenzlauer Berg

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Ein alter Qype-Text. Aus Anlass eines wieder einmal gelungenen Abends ausgegraben und immer noch wahr. Nur der grottige Smartphoneschnappschuss ist neu. 

Ja, es ist ein schönes Kino, einer der verbliebenen Orte meines Bezirks, vor denen ich nicht schnell weglaufen mag. 

Der Text ist von 2010, was Sie auch daran merken, dass ich Prenzlauer Berg als Hipsterbezirk bezeichne. Das ist inzwischen Unsinn. Die Hipster haben Prenzlauer Berg schon längst verlassen, weil Prenzlauer Berg der letzte Heuler und viel zu uncool zum im Cupcake-Café hinter dem Macbook mit riesigen Kopfhörern auf den Ohren wichtig-dumm in der Gegend rumposen geworden ist. Ehrlich, niemand von Verstand mag mehr mit Prenzlauer Berg in Verbindung gebracht werden, die wenigen Leute mit der seltenen Fähigkeit zu einer realistischen Reflektion ihrer selbst und ihres Umfelds behaupten inzwischen, dass sie in Pankow wohnen, wenn sie nach ihrem Zuhause gefragt werden, weil sie keine Lust mehr auf die Lacher und die Witze über Biowildlachs, Bärlauchpesto und schmallippige Dachgeschossökos ohne Sexualleben abseits ihrer Vermehrung haben, meine Güte, Prenzlauerbergisierung ist schon das anerkannte und gern genommene Synonym für ungesunde Stadtentwicklung geworden, denn überall machen sie sich Sorgen darüber, so monoton und geleckt "wie Prenzlauer Berg" zu werden, so seelenlos, glatt und ungesund gesund wie dieses abschreckende Beispiel einer städtischen Dorfidylle, diese betongewordene Gesellschaftsmutation abgehobener Salatfresser mit Concierge, Jugendstil und Rollgatter, deren bräsige Bewohner nur mehr Gespött einer ganzen Nation sind, und jeder diese ungewollte Karikatur eines Spießerghettos wahlweise hasst oder mindestens lächerlich findet - vom Münchner Stammtisch bis zur hanseatischen Skatrunde, und ich bin mir sicher, dass sie selbst in Stuttgart Witze über Prenzlauer Berg und die Vollidioten, die sie dorthin verklappt haben, machen, während sie selbst in der chronisch superkorrekten Grünwählerpostille taz schon voller Begeisterung auf dieser traurigen Peinlichkeit von Oberklassen-Schnöselparadies und seinem narzisstisch-exzentrischen Personal mit ihren ewigen Zipfelmützenproblemen herumhacken. Was soll denn da noch kommen?

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Filmtipp bei der Gelegenheit: Wir sind jung. Wir sind stark., der die Schande von Rostock-Lichtenhagen noch einmal beklemmend in Szene setzt.

Samstag, 14. März 2015

Azubis am Rande des Zusammenbruchs



Übermorgen ist wieder Montag und mit der Sicherheit eines Sonnenaufgangs ruft auch dann wieder ein Azubi an und meldet sich krank. Das derbe Montagsfieber. Übles Ding, ich kenn' das.

Azubis können sich nicht einfach so krankmelden wie normale Menschen, Azubis röcheln am Telefon als hätte John Wayne sie gerade mit Kugeln durchsiebt und sie haben sich kurz vor dem Abnippeln gerade noch einmal zusammengerissen - für einen letzten Gruß an das liebe Mütterchen.

"Krrrrk ... Herr Stevenson .... krrrrrk .... guten Morgen, Stefan (ächz) Chowanowski hier (röchel), ich .... krrrrrrk .... bin leider krank heute. Eine fiese Erkältung (seufz) hat mich (krächz) erwischt und ich kann nicht zur .... krrrrrk .... (stöhn) zur Berufsschule (hust) gehen."

Nach diesem Satz folgt ein metastatisches Lungenkrebshusten direkt aus der Abnippelabteilung der Charité.

ROMBOMBOLLERBOMBODROMBOMOBOM ACHA ACHA ACHA 

Dann ein Schnauben der Nase. Das ist elementar für die Glaubwürdigkeit.

BÖÖÖÖÖÖK.

Völlig klar, der junge Mann (ja, endlich, wir haben wieder einen, der fehlerfrei den Weg gefunden hat, weiß was wir hier im Borgwürfel eigentlich machen und immerhin eine bessere Allgemeinbildung als eine Packung Toastbrot hat!) ist kurz vor dem Exitus, mit der letzten Kraft greift er zum Hörer, nicht um den Notarzt oder gleich den Abdecker zu rufen, sondern seinen Ausbilder. Vorbildlich. Ich rassel' also mein geheucheltes Sätzchen runter "Kein Problem. Gute Besserung, erholen Sie sich gut.", auch wenn ich ihm natürlich kein Wort glaube. Sie lügen, täuschen und tricksen alle in dem Alter und sie glauben, ich merke das nicht. Haha, die Noobs. Ich habe das doch auch alles so gemacht wie sie. Durchgesoffen, durchgekifft und durchgedaddelt bis zum völligen körperlichen Zusammenbruch und wenn es morgens aufgrund von zwei Stunden oder gar keinem Schlaf vor lauter Counterstrike, feinstem Gras aus dem Märkischen Viertel, Poppers und dosenpalettenweise Hansa Pils mit Jack Daniels Cola wirklich gar nicht mehr ging, dann stand nur noch ein Telefonat zwischen mir und dem Paradies:

"Che-hef (röchel), hier spricht ... (seufz) Stevenson. Wie Sie hören bin ich ... krrrrrk ... halbtot, mein Leben (krächz) hängt nur noch ... krrrrrk ... an einem halbgerissenen (ächz) Faden, an dessen anderem Ende ein (gulp) Klavier hängt. Ein Arm ist ab, die Blutung noch nicht gestillt (hust), aber wie Sie hören rufe ich Sie trotzdem an, tapfer wie ich bin, von den Pfeilen der ... acha acha ... ach ... acha ... Comanchen durchbohrt liege ich (stöhn) darniedergestreckt hier mit dem Telefonhörer in der letzten ... bööööök ... Hand, die mir geblieben ist und ... krrrrk ... kann nicht anders als mich leider leider leider, ich kann kaum an mich halten, nichts fällt mir schwerer, denn ich muss mich leider leider ... oh weh ... krank melden." (Stimme erstirbt in einem Husteninferno aus der Abnippelabteilung des Urban Krankenhaus', acha acha böööök und so weiter...)

Montag. Unsere Azubis. Tag der Helden. Alles Invalide. Von Pfeilen durchbohrt und Kugeln durchsiebt. Ich bin fast froh wenn sie so sind. Besser ein wenig Rebellion als gar keine. Man wird ja bescheiden mit den Jahren.


Freitag, 13. März 2015

Lass mal netzwerken - Links vom 13. März 2015



Teilweise episch ausufernde Kommentierung der Links heute, dafür kein ausuferndes Vorwort, crap happens. Read this:


FeynsinnLos, sei lustig!
Ein Spiegel, ein Spiegel. Endlich kann ich mir in die Fresse speien. Ich könnte vor Freude glatt eine Runde ritzen.

WirtschaftsWocheSexuelle Übergriffe: Männer häufiger von Übergriffen im Job betroffen als Frauen
Jetzt muss ich für solche Informationen schon die blöde WiWo lesen. Und ich dachte schon, ich wäre ein Alien oder meine Selbstwahrnehmung im Eimer, denn je mehr Frauen bei uns im Borgwürfel in die Schalt-, Schlüssel- und Führungspositionen aufsteigen (wir haben kaum noch fähige Männer als Nachwuchs), desto relevanter wird das Thema.
Es mutet manchmal an wie Geschichten aus den 60er-Jahren - nur mit vertauschten Rollen. Im Vorbeigehen auf den Arsch hauen? Na klar, je vertrauter das Verhältnis desto wahrscheinlicher. Normal. Frauen dürfen das. Geht als ironisch durch. Hab dich nicht so. Ihr Männer mögt das doch. Ist doch nur Spaß. Bizeps antatschen? Sicherlich auch das, gerne mit Kennerinnenblick: "Olala, Sie machen viel Sport, mh?" Von den Kulleraugen-Azubis, die Blicke auf freigelegte Titten gegen gute Noten tauschen wollen, will ich gar nicht wieder anfangen. Normalzustand. Sicher, davon stirbt keiner, ich am wenigsten, also kein Grund für die bei Twitter so bezeichnend verpönten Male Tears, zumal Sie sich als Mann mit solchen Anekdoten tatsächlich nur wahlweise lächerlich oder unglaubwürdig machen.
Es herrschen eben fühl- und erlebbar doppelte Standards, wenn bei der einen Seite ein Verhalten zunehmend selbstverständlich wird, das bei der anderen selbstverständlich sanktioniert wird.
Je länger ich bei einem kontinuierlich weiblicher werdenden Arbeitgeber mein verdammtes Geld verdiene, desto klarer wird mir: Es sind stets die abfallenden Machtverhältnisse, die übergriffiges Verhalten begünstigen und das vollkommen unabhängig vom Geschlecht. Über Büroflure wandelnde Charakterfehler mit mehr Macht in den Händen als gut ist, haben eben immer öfter keinen Penis und der bessere Mensch ist nun mal nicht per se weiblich wie mir das Pädagoginnen, Politik und Medien mein Leben lang schon bei jeder Gelegenheit suggerieren.
Wie würden Sie eigentlich reagieren, wenn die schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr jugendliche Projektleiterin, von deren Bewertung Sie abhängig sind und die Sie jederzeit aus dem Projekt kanten kann, auf Geschäftsreise abends mit eindeutigen Absichten und einer Champagnerflasche in der Hand vor Ihrem Hotelzimmer steht? Und Wochen später mit einer neuen Flasche vor Ihrer Haustüre? Reinlassen? Na klar, hab' ich auch gemacht. Ich bin ja nicht bescheuert und beende meine Karriere bevor sie richtig angefangen hat.
(Link gefunden via Genderama, wie so vieles)

Digitale NotizenPure Vernunft darf niemals siegen!!!
Über die Schwierigkeiten, online einen Musiktitel zu kaufen. Der Irrwitz ist, dass Sie jeden Titel schon vor dem Release auf irgendwelchen russischen Seiten in guter Qualität kostenlos runterladen können, er aber vor einem ominösen offiziellen Release der Plattenfirma nicht legal zu erwerben ist. Das ist vollkommen bescheuert. Die Musikindustrie lernt nicht, sie lernt einfach nicht.
Noch krasser finde ich das Gebaren bei Video-on-demand. Ich müsste, wenn ich die Angebotspalette der Offline-Videothek um die Ecke haben wöllte, Accounts nebst Abos bei zehn verschiedenen Streaminganbietern einrichten, weil kein Film auf allen Plattformen zur Online-Ausleihe angeboten wird, sondern nur auf ausgewählten, manchmal nur bei einer.
Diese künstliche Verknappung ist völlig krank und zwingt die Kunden nach wie vor zu den illegalen Seiten, auf denen es die Filme kostenlos und noch vor dem DVD-Start gibt. Das ist vollkommen bescheuert. Die Filmindustrie lernt nicht, sie lernt einfach nicht.
(Link via Schwerdtfegr)

DudentityEs grünt so grün...
Sie kennen vielleicht meinen Ansatz, lieber kleinere Blogger statt den sowieso schon bis zum Erbrechen vernetzten großen Bloggern oder gar die alte Holzpresse zu verlinken (es gibt Ausnahmen, ja doch, s.o.).
Hier haben wir wieder ein ganz frisches Blog mit Käseschmiere hinter den Ohren und ich gebe gerne ein wenig Starthilfe. Ich habe mich, als ich damit angefangen habe, ins Internet zu schreiben, auch gefreut als mich mal einer mit größerer Reichweite verlinkt hat. Jetzt wo das Blog hier ein wenig mehr Leser als die drei besoffenen Kumpels und eine Handvoll russischer Spambots hat, kann ich wenigstens auch mal etwas Aufmerksamkeit weitergeben.
Der hier nennt sich Dudentity und macht viel mit Links und eingebetteten Videos, bringt aber auch eigenes wie hier, wenn er über diese regelungswütige Biedermeierpartei schreibt, die alle meine leidenschaftlich mülltrennenden und joghurtbecherauswaschenden Nachbarn wählen (die Biofritzen über mir tragen jetzt wieder Birkenstocksandalen, habe ich heute beim Post holen gesehen, kein Witz, das Grauen ist auferstanden, uargh, der Ghul lebt).
Sie liest sich gut, die Mischung auf dem Blog, ausgewogen, sehr abwechslungsreich, nicht immer das Gleiche, keine bloße Linkschleuder, viele eigene Gedanken. Ich bleibe dabei.

Annika10 Dinge, die Chefs nie machen sollten
Ich kann das ergänzen:


  • Wedeln Sie nie mit Ihrer Gehaltsabrechnung vor der Nase Ihrer Mitarbeiter herum, deren Auszahlungsbetrag der Hälfte von Ihrem entspricht, und mokieren sich gleichzeitig über die miese Bezahlung des Ladens.
  • Wenn Ihr Mitarbeiter ein Körbchen mit Äpfeln im Büro vorhält, dann bedienen Sie sich nicht mit den Worten "Oh lecker Äpfel", sondern fragen, ob Sie vielleicht einen Apfel nehmen dürfen. Gleiches gilt für Süßigkeiten.
  • Lehnen Sie zum Unterschreiben nicht den Werbe-Kuli Ihres Untergebenen ab und zücken theatralisch den MontBlanc-Füller mit dem Kommentar, dass Sie mit nichts anderem unterschreiben können.
  • Wenn es brennt und der Feueralarm losgeht, dann suchen und sammeln Sie bitte diejenigen, für die Sie auf dem Papier die Verantwortung tragen, und rennen nicht raus, um im Café um die Ecke einen Latte Macchiato und ein Croissant zu bestellen.
  • Sitzen Sie als Frau mit Ende 20 nicht auf einer Führungsposition, die Sie über Beziehungen bekommen haben, und jammern einem untergebenen Mann Mitte 30 vor, wie schwer das Leben als Frau ist.
Soziopathen. Ich sag's ja immer.

Gay WestGay Pay Gap
Sehr schön, wir bekommen das nächste Gap und Adrian hat eine einleuchtende Erklärung dafür.

ExportabelWo Stimmann eine ideologische Erektion bekommt: der neue BND
Viel Wahres zur architektonischen Katastrophe Berlins.

Pieces of Berlinberlin - der ralf
Der Ralf weiß wie die Dinge stehen. Und sie stehen nicht gut.

Frau IndicaNeues Museum I
Frau Indica war auch im Neuen Museum.

Burks' BlogDeutschland
Geklaut Mit freundlicher Genehmigung repostet zwar, aber es ist ein wirklich fantastischer Schnappschuss.

WortvogelDer Wortvogel wir memefiziert
Why so serious? Ja, da fehlt ein Buchstabe in der Überschrift. Das 18te Zeichen, um genau zu sein. Wenn Sie ein Klugscheißer sind, der gerne auf Schulbänken herumrutschend mit dem Finger schnippt, um den dicken Klaus zu korrigieren, der wieder "Expressomatschiato" gesagt hat, dann denken Sie sich jetzt bitte Ihr dickes fettes "sic!" (nie ohne Ausrufezeichen, das Ausrufezeichen ist das Fingerschnippen des Internets) selbst dazu. Ich schreib's nicht. Wegen des 18ten Zeichens.

Na? Noch Hunger?

Schöner Tag noch!"The Italian" Burger mit Salsiccia, Rucola und Tomatenpesto


Mittwoch, 11. März 2015

Junkfraß aus der Industriehölle (7)



Das da sind Tortilla Chips. Übelste Tortilla Chips.

Tortilla Chips sind die ehrlichsten Snacks der Welt. Die tun wenigstens nicht so als wöllten sie etwas besseres sein. Nur Salz und Fett, der Grundstein einer jeden Alkoholikerernährung. Keine Kompromisse. Kein anderer Junk.

Inzwischen treffen Sie ja bei Partys immer öfter diese so unheimlich gewollt stilvollen Snacks. Die von ganz oben im Supermarktregal. Oder aus irgendwelchen Spezialgeschäften mit kindischen Namen, in denen sie dummen Touristen und noch dümmeren Einheimischen das Geld in Bündeln aus dem Jutebeutel ziehen. Oder das Zeug kommt gleich aus dem Bioladen. Oder sogar vom Kollwitzplatzer Wochenmarkt. Irgendwas Handgebackenes, etwas mit Liebe und Gutem von glücklichen Minzbauern aus der Uckermark, das Minty Green Honey & Mustard Finn Crisp with a sidekick of cinnamon from the beautiful bay of Chisibubikaio heißt. Und Grüner-Tee-Extrakt verarbeitet hat. Und Mate. Dazu gibt es Balsamico Red Pepper Crusticellis. Rosmarin-Gruyère-Sticks mit Soja. Seitan-Wasabi-Bällchen mit Süßkartoffeldip. Und dann wird natürlich noch Rohkost gereicht. Der Gesundheitshype einer Jugend, die keine Exzesse mehr kennt, hat nun auch immer mehr Partys erreicht. Irgendwann werden sie alle nur noch 2,5%iges trinken. Hugolimonade. Blubberbier mit Dragon Fruit geküsst vom zarten Hauch einer Brombeere. Oder gleich Tee. Ingwer mit Rosmarin. Und selbstgestampftem Stevia zum Süßen. Zur Biokresse aus Transnistrien im Spreewälder Bärlauchbett statt den Herzinfarkt-Salzkeksen.

Hey! Die Gesichter waren cool.

Ja, die Gesichter.

DIE Gesichter.

Diese Gesichter, als einer der unbelehrbaren ewiggestrigen Dinosaurier, der das Führen eines gesunden Lebens für einen Charakterfehler hält, diese Tortilla Chips mit diesem unerträglich künstlichem Laborkäse bei dieser Party letztes Wochenende auf den Tisch gepackt hat. Erst Unglauben, dann Erkennen, dann Freude und zuletzt Gier. In einer Viertelstunde war diese riesige XXXL-Packung leer, die aus dem prekären Teil des Weddings hierher nach Prenzlauer Berg geschmuggelt wurde. Und das Glas mit dem Laborkäse, der riecht wie der morgendliche Spritti in der S-Bahn aus dem Arsch, war ausgekratzt bis zum letzten Pseudopaprikafetzen. Als die Chips zum Dippen leer waren, haben sie die schönen selbstgebackenen Dinkeltaler mit den liebevoll geschroteten Kürbiskernen zum Auskratzen genommen. Und als das weg war die Finger für die letzten schon fast angetrockneten Käsereste. Der Alkohol macht es möglich. Denn im Suff schmeckt Junk immer noch besser als jeder Rucola. Jede Gurke. Jeder Gruyère. Alte Sifferregel. Ich kenn' das ja.

Danke an mich fürs Mitdenken. Für die Tortilla Chips. Und den Zombiekäse. Weil ich weiß.


Montag, 9. März 2015

Retrospektive: Bahnhof Lichtenberg



(1997)


"Warst du schon mal in Moskau?" Tomasz nimmt einen Schluck Wodka. Immer wenn er angeschossen ist wird er ganz ruhig und eindringlich. Und macht wichtige Miene. Kopf geneigt, eine Augenbraue hochgezogen. Gesprächspausen, in denen er Worte wirken lässt.

Es ist spät. Die russische Kneipe signalisiert die letzte Runde. Der Wodka wird hier in schweren Wassergläsern ausgegeben. Natürlich.

"Ich war noch nie in Moskau." Ich spüle mit einem Schluck Bier nach und zünde mir eine Benson an, deren Schachtel im Schein der Kerze das Glas mit dem Beluga vergoldet. Ein blechener Chor singt Katjusha. Die Matrone hinter der Bar faltet Geschirrtücher. Ich bin schon lange angezählt und weiß nicht, welche Kraft mich noch auf dem Barhocker hält. Das Ende ist nicht mehr weit. Ein Wässerchen. Vielleicht zwei. Nächte wie diese werden mein Untergang sein ist eine Wahrheit, die noch zu weit weg ist, um entsetzlich zu sein.

"Ich würde gern mal nach Moskau."

"Ich auch."

"Wollen wir nach Moskau fahren?"

"Wie denn?"

"Ich weiß wie."

Tomasz schaut wie er immer schaut, wenn er mit einem Plan schwanger geht, der in Kürze eingerahmt von theatralischen Pausen keine Fragen offen lassen wird. Polnische Gründlichkeit. Ein Mann, der weiß wo wann und vor allem wie die Dinge geschehen werden, die geschehen sollen.

"Ich weiß wie."

"Jetzt?"

"Sicher, jetzt. Die fahren vom Bahnhof Lichtenberg ab. Ich weiß das. Hab' da mal einen Zug gesehen. Für die Rote Armee. Von da fahren die ab. Die fahren alle da ab. Jeden Tag. Um 4, um 5 so. Ticket kannst du im Zug zieh'n. Visum auch."

(...)

"Alter, ist das der Zug nach Moskau?"

"Weiß ich nicht. Steht nix."

"Doch. Russisch. Hier. Aber da steht nix von Moskau."

"Der muss nach Moskau fahren. Von hier fährt alles nach Moskau."

(...)

"Gute Nacht."

"Gute Nacht, morgen sind wir mindestens in Warschau. Oder Minsk. In Minsk wird das Radgestell gewechselt. Auf russische Breitspur. Da werden sie uns wecken."

(...)

Was tut da weh? Was ist das für ein Geräusch? Lebe ich noch? Tomasz hat Schweißfüße aus der Hölle, ist das eklig. Mein Kopf hämmert. Die verdammten Fenster sind beschlagen. Ein Zug? Wir sind in einem Zug. Was zur ... ja, da war was. Ja. Minsk. Warschau. Frankfurt an der Oder. Moskau. Wo sind wir hier?

Ah.

Der Bahnhof Lichtenberg.

Das Abstellgleis.