Dienstag, 28. Juni 2016

Gregorianischer Ohrfick mit Panflöte




Auf einer Bahre liege ich. Unter meiner Lende ein fleckiges Fangopaket. Das schon seit einer Viertelstunde nicht mehr warm ist. Vorher haben mich heilende Hände durchgewalkt und mir ein "Schlafen Sie gut" zugeraunt. Verdammter Rücken.

Rumliegen. Ich kann das nicht. Nichtstun bringt mich um. Weil ich dann nichts tun kann. Und ich muss was tun. Immer. Ich muss immer was tun. Was tun. Tun. Jetzt.

Also wippe ich mit dem großen Zeh. Im Takt von Metallica. Master of puppets.

Come crawling faster
Obey your master
Your life burns faster
Obey your master
Master

Eine Sinfonie. Ein Meisterwerk. Meine Zehen machen auf Lars Ulrich. Doch ich komme aus dem Takt, weil im Hintergrund meditatives Gedudel läuft. Zimbelmusik. Mit Meeresrauschen. Best of Physiotherapeutin. Und nie ohne Panflöten. Ich hasse Panflöten. Immer wenn ich auf dem Alexanderplatz diese dämlichen Panflötenindianer rumdudeln sehe, packt mich der Hass. Einlullmusik. Akustisches Sedativum. Esoterische Kackscheiße. Immer schön friedlich bleiben. Man sollte sie mit Cradle of Filth beschallen. Aus Lautsprechern so groß wie Doppeldeckerbusse. Auf dass der Bass ihnen den Herzmuskel aus dem Takt bringt und danach nur noch ihre Ohren flöten. Argh. Alter. Komm klar. Konzentrier' dich auf Metallica.

Master
Master
Just call my name, 'cause I'll hear you scream
Master
Master
Mo
Ma


Das wird nix mehr. Diese aufdringliche Esozimbelmucke zerfickt mir das Solo, das ich versuche mit den Fingern unter der Wolldecke nachzuspielen, in die man mich fixiert hat wie in eine Zwangsjacke. Ich muss etwas anderes tun. Etwas tun. Tun. Dinge machen. Bewegen. Doch hier eingewickelt wie Fleischabfall im Bratwurstdarm bleibt nicht viel zu tun. Ich verwerfe den Gedanken, mir vor Langeweile einen runterzuholen, denn wenn mich die Physiotherpeutin spontan aufdeckt, während der Stehpuller gerade meine Unterbuxe in ein Zelt verzaubert, kriege ich noch ein Verfahren an den Hals.

Zimbel. Dengel. Flöt. Dudel. Ist das furchtbar. Gibt es Menschen, die bei sowas entspannen? Geht bei mir komplett daneben. Mich wiegelt das auf. Ich könnte jetzt Barrikaden bauen. Mollis werfen. Schaufensterscheiben eintreten. Einen Pennymarkt ausräumen.

Ich spanne die Arschbacken an. Erst links, dann rechts. Dann zweimal links, dann zweimal rechts. Dann dreimal links und nur einmal rechts. Ich setze hier auf der Liege ein klares politisches Zeichen gegen rechts, indem ich die rechte Arschbacke klar benachteilige. Ich stelle mir in meiner exponentiell ansteigenden Debilität vor, wie die rechte Arschbacke vor Gericht zieht und auf Gleichbehandlung klagt. Und Schadensersatz wegen Diskriminierung. Darauf, ein oder zwei zusätzliche Runzelbewegungen zugesprochen zu bekommen. Oder drei. Doch dann erkläre ich mich einfach zum Richter und entscheide natürlich wieder gegen rechts. Weil ich das Antifa-U-Boot in der ganzen korrupten Arschrunzeljuristerei bin. Ha!

Flöt. Dudel. Dann wieder Wellenrauschen. Puh. Mein Hirn wird weich. Weicher. Monsterweich. Ich warte darauf, dass mir verflüssigte Hirnmasse aus dem Ohr läuft und auf den Teppich tropft, auf dass sie nach ein paar Tagen anfängt nach Leiche zu stinken wie der alte Spritti, der in den 90ern neben meiner Bude verreckt ist und den sie zusammen mit dem Sofa, mit dem er im Laufe seiner körperlichen Zersetzung untrennbar zusammenwuchs, das Treppenhaus runtertrugen.

Kiffen wär jetzt schön. Das ist gemeinsam mit diesen kleinen knuffigen Rezeptpillen, die jeder gute Verticker aus dem Märkischen Viertel in seiner Schublade hat, das Einzige, das mich runterkommen lässt, wenn der Bewegungsdrang mich die Wände hoch treibt. Doch natürlich sprechen auch dagegen wieder Gesetze. Alles was Spaß macht verbieten sie. Demnächst verbieten sie extatisches Ficken. Des Rausches wegen. Alles Hirnwichser. Bürokraten. Nannys. Die füllen Formulare aus statt zu ficken. Freudlose Protestanten. Zimbel. Dengel. Flöt. Ich wackele jetzt mit dem Kopf in der Hoffnung, mich zu betäuben. Wenn das Gehirn wie beim Headbangen immer wieder gegen die Schädeldecke klatscht, entsteht vielleicht so etwas wie eine sanfte Matschbirnigkeit, die mir hilft, das Panflöteninferno hier zu überstehen und die verhindert, dass ich jemals wieder über andere Menschen und ihre Unerträglichkeit nachdenken muss.

Dengel. Fidel. Hosannaaaa. Aaaaaaaaah ich glaub' das nicht, jetzt ergänzen gregorianische Gesänge die akustische Dauerfolter. I nomine Christi Amen. Death. Kill. Headshot. Gedärmemassaker. Ich hasse gregorianische Gesänge noch mehr als Panflötenindianer. Als ich ganz klein war, lief Enigma im Dudelradiosender hoch und runter. Fickmusik für komplett Verblödete. Die ganz Verstrahlten haben solche Musik später beim Date aufgelegt. Zusammen mit Bon Jovis Dreckssong "Bed of roses". Oder Sade mit "Smooth Operator" als Gruß aus der 80er-Gruft. Die Verwegenen kamen mit Madonnas "Justify my love" um die Ecke, ein unfassbar schlechter Stöhn-und Ficksong, über den sie sich heute in Zeiten von Pornhub und XHamster auf dem Schulhof totlachen würden, würde man ihnen erzählen, dass sich die Generation vor ihnen mit so einem Schrott stimuliert hat. Die 90er - ein Jahrzehnt voller Müll. Wir hatten ja nix. Sade, dis moi. Hosannaaa. Du-dudeldu. Was habe ich es gehasst. Später verschwanden die gregorianischen Gesänge zu Recht aus der Öffentlichkeit und fristen seitdem ihr Dasein in den zwölf Millionen Yogastudios von Prenzlauer Berg. Und hier. Bei meiner Physiotherapie.

Hosannaaa. Aaaaaaaamen. In Coooorpus Christianaaa.

Ich könnte ihnen als Rache die Hütte vollfurzen. Faulgase habe ich genug am Start, denn heute gab es Chili Cheese Fries vom Burgermeister am Schlesischen Tor. Mit einer Wagenladung gedünsteter Zwiebeln obendrauf. Zum Hack. Und weil das nicht reicht, knallen sie da immer noch diese perverse Chemiekäsesoße aus dem Kino drauf, die Ihnen den Darm so richtig ins Endstadium kontaminiert und Gas in einer Menge produziert, mit der ich den Borgwürfel in den Orbit sprengen könnte, würde ich furzen und rauchen gleichzeitig.

In Spiriti Sancti. Deeeeeeum.

Ich will jetzt nicht mehr, ich sprenge jetzt die Ketten, ich befreie mich aus dem Wolldeckenknast und hole mein Smartphone aus der Hose. Age of Conquest. Ich erobere gerade als Sioux die verdammten Nord- und Südstaatler. Beide gleichzeitig. Zweifrontenkrieg gegen die weißen Eroberer. Mein ganz eigener Beitrag zum Antiamerikanismus: Ich lasse einfach die Indianer gewinnen. Können sie mal sehen, was ...

"Naaaaaaaaaaaaa? Entspannt?" Meine Nerven. Die Therapeutin kehrt zurück.

Naaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa? Mein Lieblingshasswort. Mit mindestens fünfzehn 'a' hinter dem N. Und nach hinten raus höher werdend. Ja was soll ich auf "Naaaaaaaaaaaa?" antworten? "War toll, ich kann jetzt 'Masters of puppets' mit den Zehen nachspielen." Oder: "Fantastisch. Ich gehe jetzt gleich zu diesem blöden Nonnenkloster auf der Schönhauser Allee und knüpfe ein paar gregorianische Sänger an der Laterne auf."

"Wie war's?"

"Erschießen Sie mich bitte, ich bin völlig runter mit den Nerven."

"Was?"

"Nein. War toll. Ich habe meine innere Mitte gefunden."

"Supi."

Ja, "Supi" auch noch. Natürlich. Frauen in den 40ern sagen alle "Supi". Und "Tutti". Und "Urst". Am besten noch "Urst tutti". Oder gleich "Supi urst tutti naaaaaaaaaaaaaa?"

"Na denn is ja alles tutti für heute. Tschö mit ö."

Tschö mit... so. Jetzt ist Schluss. Alkohol. Und Drogen. Viel davon. Jetzt. Und danach spring ich vom Schwedter Steg. Mit dem Kopf voran. Auf die Gleise. Mit Metallicas "Master of puppets" im Ohr. Ich bin wundgefiedelt. Panflötenohrgefickt. Gregorianisch über Limit. Blep Blep. Hirn. Hirn.


Sonntag, 26. Juni 2016

Förder my ass / Borgwürfelblues




Der Förderdschungel ist in den Borgwürfel gewuchert. Der Buchhalter hat einen Weg gefunden, einen EU-Fonds abzugreifen. Zur Frauenförderung. Die Mittel liegen halt da rum, also holt er sie ran und finanziert damit eine Reihe von Maßnahmen, für die wir schweineteure externe Dienstleister einkaufen: Es gibt deshalb jetzt Fortbildungen, die vermitteln, wie Frauen eine Rede halten sollen, wie Frauen Mitarbeiter motivieren sollen, wie Frauen Entscheidungen treffen und wie Frauen richtig untereinander kommunizieren sollen. Ergänzend gibt es ein Mentoringprogramm, in dessen Rahmen sie Leute suchen, die einer Frau die Fertigkeiten beibringen, die ihr helfen sollen, Männer in verschiedenen Positionen auf verschiedenen Ebenen zu ersetzen.

Mentoring. Soso. Der Subtext solcher Programme lautet ja stets, dass einem privilegierten Teil der Gesellschaft (Männer) alle Fertigkeiten automatisch in die Wiege gelegt sind, während der vernachlässigte Teil (Frauen) aufwändig gefördert werden muss, weil er es alleine nicht schafft (das Patriarchat, gläserne Decke, alte Zombies in Vorstandsetagen, die den ganzen Tag nichts besseres zu tun haben als Frauen vom Aufstieg abzuhalten). Diese Weltanschauung ist natürlich ein Konstrukt und hat wie jede andere Ideologie mit der Realität nichts gemein.

Das mag jetzt banal klingen, aber es scheint nicht mehr überall bekannt zu sein: Männer wissen, wenn sie noch ganz klein und dumm sind, auch nicht wie die Dinge funktionieren. Oft genug sind wir unsicher. Oft genug müssen wir irgendwas tun, obwohl wir die Dinge noch nie getan haben. Ich erinnere mich an meinen ersten Vortrag vor rund 300 Leuten. Da war ich 25 und keiner sagte mir wie ich das machen soll. Wie ich mich vorbereiten soll. Wie ich mich beruhigen soll. Nichts. Kein Mentoringprogramm. Keine Fortbildung. Warum auch? Zu Typen wie mir sagten sie immer schon nur "Mach mal" und dann muss der Mann eben mal machen, egal ob er das kann oder nicht. Mich hat auch nie jemand gefragt, ob ich das will. Ob ich das kann. Ob ich überhaupt irgendwas will, was sie mich tun lassen wollen. Wie ich mir vorstelle, das zu schaffen. Und wie ich mich dabei fühle sowieso nicht. Das machen sie bis heute nicht, wenn ich irgendetwas Neues/Schwieriges/Beschissenes übernehmen soll, das in unserem Laden noch nie jemand gemacht hat. Ein schwieriger Kunde. Einen Bericht beim Vorstand. Einen Außentermin in Sachsen, den sich keiner zutraut. Doch doch. Mach mal. Mach das. Du machst das schon. Bau mal auf. Zieh mal durch. Mach das klar. Wie? Willst du Ponyhof, dann geh weg. Denn hier ist nur Stahlbad. Niemand packt dich in fluffige Wolle. Niemand legt dir ein Förderprogramm auf. Und einen Mentor gibt es auch nicht. Mach jetzt.

Wenn Sie wissen wollen, wie ich die erste Zeit überstanden habe, in der ich nicht wusste, ob ich das alles hinkriege, was sie in der Knochenmühle (danke Schirrmi) erwarten, dann könnte ich Ihnen jede Menge Mist erzählen über Selbstbeherrschung. Intristische Motivation. Hypnotischer Zustand. Yoga, Tschakka, Fitnesstraining oder so. Oder ich erzähle Ihnen das, was tatsächlich half: Es war eine kluge Auswahl an Drogen. Sie waren in der Zeit des Drucks bei gleichzeitiger Unsicherheit ein guter Ratgeber beim Halten der ersten großen Vorträge vor vielen wichtigen Leuten. Was reinpfeifen. Zum Runterkommen. Ein wenig Selbstvertrauen in die Blutbahn pumpen. Als Vehikel. So lange bis ich selbst laufen konnte. Und nein, ich rate Ihnen nicht dazu. Ich erzähle Ihnen nur, was ich gemacht habe. Ich war komplett drauf. Es lief gut.

Sie haben mich tatsächlich gefragt, ob ich Mentor werden will. Ich habe abgelehnt. Ich bin gerne Mentor für Menschen, die eine Ausbildung brauchen, aber nicht für eine gesellschaftliche Gruppe, die trotz abgeschlossener Ausbildung auch nach Jahren im Berufsleben in ein Bällebad gepackt und von anderen mit einer Sänfte in ihre Funktion getragen werden muss, in der sie dann im Zweifel auch noch über mich verfügen wird. Das hat nichts damit zu tun, jemandem den Aufstieg nicht zu gönnen, das hat was damit zu tun, jemanden den Aufstieg selbst machen zu lassen, wenn es denn ein Aufstieg sein soll. Ich sehe mich da nicht in der Verantwortung, die Stufe einer Treppe für jemand anderen zu mimen.

Diese Nichtbeteiligung am von der Borgwürfelführung theatralisch über Aushänge und Rundmails in die Büroflure geblasenen Frauenmentoringprogramms war vermutlich für jegliche noch ein wenig weiterführenden Karriereambitionen taktisch unklug. Gender gehört inzwischen in vielen Bereichen zum Werkzeug, das Sie lernen müssen, wenn Sie ab einem bestimmten Punkt weiter kommen wollen. Ohne diese Fingerfertigkeit geht es auch, ist aber schwieriger. Der gesellschaftspolitische Wind bläst stark.

Ich weiß nicht, ob es diese ganze millionenschwere Frauenförderung bringen wird. Vielleicht tut sie das. Irgendwas werden sie sich dabei sicher gedacht haben. Sie kostet sehr viel Geld, sagt der Buchhalter, er holt da ziemlich was rein, also sollte es auch was bringen. Überhaupt - sagt er - würde ich mich wundern, was die Molochs dieses Kontinents so alles durch die Gegend subventionieren: Konferenzen für Sesselfurzer, Reisen in liebliche Kurorte an der Adria (zwecks Konferenzen), Abende in schweineteuren Restaurants (im Nachgang zu Konferenzen, sie nennen das Ice-Breaking-Evening), in denen jeder Gastronom den gesoffenen Alkohol für die Abrechnung in Mineralwasser und Cola umetikettiert. Als Büromaterial abgerechnete Kaffeevollautomaten. Sonderprämien. Spesen. Elektronik nach Bedarf. Und damit das alles keiner merkt, darf sich der Fördernehmer selbst einen Wirtschaftsprüfer ausuchen, der unter die Farce seinen Stempel knallen muss. Ballyho. Schwippschwager anyone? Wir hätten da ein eigenes Büro voller BWLer im Haus. Ach ja? Kein Problem? Na super.

Der Fördermoloch. Wer da eintaucht, möchte entweder den ganzen Eiter ausbrennen oder stumpft völlig ab und nutzt was er kann. Wie der Buchhalter. Der nutzt was er kann.

Im Moment liegt der Fokus des Förderfonds auf den Frauen. Sie kriegen fast alles gefördert was Sie einreichen. Meetings. Seminare. Ganze Konferenzen. Und ich finde es seltsame Zeiten, in denen eine Gesellschaft Millionen über Millionen für eine ihrer Gruppen aufbringt, deren in Talkshows herumgereichte Vertreter eben diese Gesellschaft zugleich ein Patriarchat nennen, das sie unterdrückt. Ein Widerspruch. Gibt es die Frauensporthalle in Marzahn eigentlich noch, die von meinen Steuern bezahlt wurde und die ich nicht betreten dürfte, selbst wenn ich wollte? Na sicher. Check die Privilegien, Digger.

Na? Schlechte Laune? Bitte nicht. Denn so ein Puff wie mein Borgwürfel schreibt auch schöne Geschichten. Solcherlei hält mich über Wasser. Meine frühere Auszubildende steigt jetzt auf. Dreht auf. Bekommt Einfluss auf die Dinge. Sie war mal drei Monate bei mir. Sie war die Beste. Mit Abstand. Klug. Sympathisch. Kreativ. Innovativ. So ungewohnt gut. Und mit Blick auf die anderen. Wäre sie nicht hier, könnte man sie sogar sozial nennen. Eine Ausnahmeerscheinung. Denn oft genug habe ich nur Blender und Brüste. Oder Schlümpfe.

Jetzt steigt sie also auf. Mit Mitte 20. Sicher, die Fördermaschine gibt auch ihr Rückenwind, doch sie hätte es auch locker ohne den Popanz geschafft. Manchmal gibt es welche, die sind anders. Gut, erfolgreich, trotzdem freundlich, keine Ellbogen, nie unfair. Was zum Teufel macht die hier?

Jetzt kommen natürlich die Neider, die Ätzer. Tittenbonus, sagen die, die sich früher über sie lustig gemacht haben, weil sie aussieht wie ein Mauerblümchen. Hochgeschlafen, sagen die, die früher trompetet haben, dass die bestimmt keinen abkriegt. Widersprüche über Widersprüche. Der Affenfelsen kräht. Schmutzwäsche über Schmutzwäsche. Kübelweise Häme. Eine Peinlichkeit.

30% der Auszubildenden springen bei uns ab, weil sie es nicht packen. 50% fliegen nach der Ausbildung raus, weil wir viel mehr ausbilden als wir brauchen können, aber nur deswegen, weil es auch dafür wieder irgendeinen Fördertopf irgendeines Subventionsmolochs gibt. 20% bleiben dabei und werden Cyborgs, an die sich schon morgen keiner mehr erinnert. Ich bin einer davon.

Doch ab und zu packt es jemand und ist anders. Startet durch. Bekommt ein Gesicht. Gibt mir das Gefühl, dass es vielleicht doch ein wenig besser werden kann. Zumindest vorübergehend. Denn vermutlich kriegen sie alle irgendwann klein.

Ich kann nicht sagen, wie groß der Anteil eines Ausbilders daran ist, einen Menschen auf einen guten Weg zu bringen und wie viel davon Veranlagung, gutes Elternhaus, ein vernünftiger Lehrkörper ist, doch kommen, wenn ich tatsächlich mal Ergebnisse der Mühen sehe, auch hier an so einem Ort leichte Anzeichen von Sinn auf, wenn nicht alles, was ich so den ganzen Tag tue, für die Tonne ist und mir die immergleichen Blender und die immergleichen Brüste einfach nur Zeit stehlen.

Und weil ich sowieso gerade in einer seltsam rührseligen Stimmung bin, habe ich tatsächlich noch eine rührende Geschichte, auch wenn im Moment gar kein Weihnachten ist. Sie schlägt genau in diese Kerbe. Sie handelt von dem Sinn der Dinge.

Ich habe vor einigen Jahren mal viel Zeit in einen Jugendlichen investiert, der bei uns kurz vor dem Absturz war. Falsche Ausbildung ausgesucht. Verrannt. Abgekackt. Zusammengebrochen. Depression. Sinnlosigkeit. Diese fiese Leere, wenn die eigene Zukunft wie ein weites Land im Dämmerlicht wirkt, vor der man paralysiert steht und nicht weiter weiß.

Wir saßen über mehrere Tage zusammen und haben geredet. Ich habe mir viel Zeit genommen, es gab viel Kaffee und ich habe sogar ein wenig von mir erzählt, von dem Versuch, ein Leben zu führen, das nicht mit 30 endet. Wir haben zusammen Möglichkeiten skizziert. Neigungen gesucht. Und Beschlüsse gefasst. Er hat bei uns abgebrochen. Was Neues gemacht. Er wäre draufgegangen. Wir haben ein Exit-Szenario gebastelt. Eines, mit dem er das Gesicht wahren kann. Und ich habe eines der besten Arbeitszeugnisse meines Berufslebens geschrieben. Weil ich mir sicher war, dass es gut werden wird.

Vor ein paar Monaten hat er sich bei mir bedankt. Er wird jetzt Arzt. Geschickt hat er ein Foto, das ihn in einem Operationssaal zeigt. Er strahlt. Offenbar lernt er jetzt etwas, das ihm sinnvoll erscheint.

In solchen Momenten scheint kurz die Sonne über meinem Arbeitsplatz, dessen Existenz und seine ganzen Subexistenzen in diesem Gebilde, das ich aus purer Verzweiflung und unter Vorschützen plakativsten Galgenhumors Borgwürfel nenne, an normalen Tagen die reinste Obszönität sind. Selten scheint die Sonne. Selten. Aber muss. Sonst bleibe ich irgendwann morgens einfach liegen.


Samstag, 25. Juni 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 25. Juni 2016




Ich bin noch was schuldig. Ich habe endlich das Buch Der beste Suizid ist immer noch, sich tot zu leben von Candy Bukowski gelesen. Candy ist Kiez, Candy ist Leben, Candy ist Gefühl, und Sex, sicher, Sex, jede Menge davon.

Starke Geschichten. Starkes Buch. Starke Autorin.

In ein paar Tagen erscheint ihr zweiter Aufschlag Wir waren keine Helden und ich weiß jetzt schon, dass es gut sein wird. Möglich, dass ich es dieses Mal schaffe, zwischen Kauf und Lektüre kein Jahr vergehen zu lassen. (Die Zeit, die Zeit, ich hab' ja gar keine.)

Es irritiert mich jedoch, dass einige ihrer Texte inzwischen aus ihrem Blog verschwunden sind. Es waren Geschichten, die ich sehr mochte, die ich verlinkt und gerne mal wieder zwischendurch noch einmal gelesen habe. Sie sind nun weg, was dafür spricht, dass sie auch bald als Buch erscheinen werden. Ich finde das Löschen von etwas bereits Veröffentlichtem ausdrücklich schade. Natürlich kann es sein, dass ich im Moment auch zu zerkatert bin, diese Texte wieder zu finden, doch ich fürchte, das ist es nicht.

So. Die Nachrichten.

Finden Sie es eigentlich schlimm, dass gestern ein Teil der Europäischen Union beschlossen hat, nicht mehr Teil der Europäischen Union zu sein? Ich bin da sehr unschlüssig, zu kritisch bin ich inzwischen gegenüber dem medialen Beschuss mit einhelligen Meinungen geworden, die alle prophezeit haben, dass nun der Untergang folgt. Institute. Banken. Wirtschaft. Die Bild. SPD. Alle warnten. Drohten. Baten. Geht nicht. Wählt richtig. Das hat nicht geklappt. Sie gehen trotzdem. Schuss inne Bux. In letzter Zeit habe ich sowieso den Eindruck, dass die AgitProp-Maschine der althergebrachten Eliten gerne mal das Gegenteil von dem bewirkt, was sie erreichen will.

So wie ich das lese, freuen sich die Finanzmärkte über das Ergebnis überhaupt nicht. Sie sind verunsichert. Besorgt. Verängstigte Anleger bibbern sich in ihre Schnuffeldecke. Mich lässt das Ergebnis völlig kalt. Von mir aus können die alle jumpen, die Fuckers der Finanzgeier. Je höher desto besser. Ich habe inzwischen gelernt, dass es für mich Mittelschicht nicht gut ist, wenn die Finanzmärkte sich freuen, denn es bedeutet weniger Geld für alle, nur nicht für die Finanzmärkte. Daraus folgt in der Konsequenz, dass es gut für alle sein könnte, wenn die Finanzmärkte sich über eine Sache ausdrücklich nicht freuen. So wie hier. Im Ergebnis kann es also so schlimm nicht werden.

Ich verstehe sowieso schon wieder die Hysterie nicht. Dann gehen sie eben nun weg, die Briten. Dann machen sie eben was anderes mit dem Rest des Kontinents. Irgendwas wie die Schweiz. Oder Norwegen. Island. Sowieso habe ich nichts davon, wenn die Wirtschaft ab nächster Woche ein paar Autos weniger auf der Insel verkauft. Ich habe mich festgelegt: Die Welt wird nicht untergehen. Egal wie sie schreien. Wir werden weiterleben. Versprochen.

Es kann sogar sein, dass sich die Sache mit dem vereinigten Europa endlich mal zum Vorteil für Leute wie Sie, mich, Papa Günther und Omma Kowalke entwickelt. Dann überlegen die ganz großen Raddreher vielleicht mal, ob sie aus Europa nach den ganzen Stahlbädern mal was anderes machen als eine eiskalte neoliberale Freihandelszone unter der Kuratel der Banken mit einer Zentrale als wuchernder geldscheißender Moloch auf meine Kosten, der das Land mit haarsträubenden Fördermitteln für Parteigänger, Günstlige und Interessensgruppen überzieht.

Die Briten sind also raus aus dem Puff. Hat eigentlich schon jemand Putin die Schuld gegeben? Nein, noch nicht, doch sehet wie er sich ins Fäustchen lacht. Ein übler Kerl. Letztens fiel mir ein Brocken Blumenerde aus der Mülltonne auf meine weißen Chucks. Hab jetzt einen Fleck. Dieser verdammte Putin. Ich hörte ihn aus Moskau feixen.

Zur ganzen Hysterie um den Abgang der Insel ausnahmsweise (Sie wissen, ich verlinke lieber Blogs mit weniger Reichweite) mal ein Link zu Krautreporter: Zeit zu gehen, Großbritannien (via Burks). Ja. So. Ungefähr so. Das geht in eine nachvollziehbare Richtung. Noch ein gutes Statement hier: Einhalten! Oder das von Herrn Rose.

Und auch mein seit vielen Jahren konkurrenzloser Lieblingscomiczeichner hat was dazu.

So. Sonst noch was? Ja. 36 Grad scheint die Temperatur zu sein, ab der es sogar in der Berliner S-Bahn endlich niemanden mehr gibt, der mit einem empörten Seufzer die Klappfenster zu macht.

Sonst noch Links? Sicher. Read this:


Leonie-RachelKein Wort, keine Tat, Nichts. Nur Blicke.
Na? Würden Sie eingreifen? Hätten Sie eingegriffen? Ganz bestimmt, oder? Auf jeden Fall. Nicht? Doch. Jaja. Das sagt sich so leicht als Tastatursuperheld vor dem Monitor. Konfrontiert mit der realen Gewalt wird Sie als erstes immer die Schockstarre überfallen. Die Gewalt wird Sie in den meisten Fällen überraschen und lähmen. Dann werden Sie als erste fühlbare körperliche Reaktion Angst bekommen. Wenn Sie ein Mann sind, zieht sich der Schwellkörper zwischen Ihren Beinen zusammen als stünden Sie bis zum Bauch im Eiswasser. Die Haare stellen sich auf. Der Instinkt drängt auf Fliehen. Erst wenn Sie das alles wegstecken gelernt haben, sind Sie einer, der eingreifen könnte. Die Überwindung ist schwer genug und bei Ihrer ersten Begegnung mit der Gewalt nicht zu stemmen. Unterschätzen Sie Ihren Körper und seine ausschüttbaren Stoffe nicht. Letztlich will er zu allererst sich selbst erhalten. Sich der nackten Gewalt entgegen zu stellen ist viel schwerer als im Internet vollmundig zu behaupten, dass man ja wohl auf jeden Fall eingreifen würde und eine Runde auf Twitter rumzuposaunen, wie schamlos das Verhalten derer ist, die es nicht gebracht haben. Natürlich sollten Sie auf lange Sicht lernen, einzugreifen. Doch Ihnen muss klar sein, dass das unangenehm werden wird. Sie werden viel Kraft aufwenden müssen. Es kann sein, dass Sie sich nicht durchsetzen werden. Vermutlich wird es sogar weh tun. Seelisch oder auch körperlich. Sie werden beschimpft werden, kann sein, dass Sie auch geschlagen werden. Das müssen Sie als Möglichkeit einpreisen. Wenn Sie das hinkriegen und dazu gehört Übung Übung Übung und Überwindung Überwindung Überwindung - dann klappt es auch mit dem Helfen. Viel Erfolg.
(via sunflower22a)

Gay WestBis hierher und wie weiter?
Über Weiterentwicklung und den alten Scheiß, der früher mal geschrieben wurde. Hut ab. Falsch gelegen. Eingeräumt. Reflektiert. Und dann scheißt ein alter Troll aus dem alten Leben in die Kommentarleiste.

Christian Buggischs BlogInfluencer Marketing und das Märchen von der Authentizität
Wie schön. Sie kaufen sich jetzt Blogger und YouTuber, die sie Influencer nennen. Und ich habe mal wieder meinen Feedreader ausgemistet. Getroffen hat es dieses Mal die letzten paar noch verbliebenen stadtmagazinportalartigen Berlin/Hamburg-Blinkeblogs mit den Twitterfacebookpinterestbuttons und Klickelifickpopups, die ich nicht mehr sehen kann, weil es nur noch als reines Productplacement unter Autofeuer daherkommt. Fürchterlich.

Ins gleiche Horn:

Frau Meike sagtGeschwüre, egal
Frau Meike weiß sowieso Bescheid.

Berlin rechtsaußen"Wir sind die erste Reihe des patriotischen Widerstands" – Die "Identitäre Bewegung"
Ich kann nicht sagen warum, doch ich habe vor denen immer noch keine Angst. Keine Ahnung, zu wirr, zu doof, zu wenige, zu lächerlich. Das wird keine Bewegung. Niemals. Das sind nur Clowns.

{berlin:street}Die Schlacht am Nolli
Opa erzählt von der ArdennenOffensive am Nolli. 1982. Wow. Das war noch Protest, der den Namen verdient. Was? Das Ding kostete Sympathien in der Bevölkerung? Hey, ich bin auch Bevölkerung. Bei mir würde das keine Sympathien kosten, gäbe es so etwas heute noch. Aber sowas gibt's ja nicht mehr. Sie haben sie kleingekriegt.

ahoi polloi(1525)
Mistgabeln raus zum Gebet.

Dark Angel Mira SunMein Problem mit Fahrradfahrern
Süß.

Kurz vor Schluss noch ein wenig Telekolleg:

KrawutziSicher im Internet: Daten sicher löschen

Kochen? Björns Zeug? Mag ich:

starkimarmRezept: Himmel und Erde

So, ich bin raus. Im Topf schmort seit einer von avisierten fünf Stunden der Hammer-Sugo, ein liebliches leichtes Sommergericht, ideal für diese Temperaturen. Gnarf Gnarf. Who cares. Das Kind will Nudeln mit Tomatensoße, das Kind kriegt Nudeln mit Tomatensoße.


Donnerstag, 23. Juni 2016

Ein Stück Filet




Sie sehen ein Stück Hochrippe für 60 Euro. Der Rest von 500 g. Nix dazu. Außer ein paar grobe Stücke Salz. Ich bin in einem Laden namens 'Filetstück'. Schönhauser Ecke Danziger. Home of the Touristenpulk. Center of the incredible hand-blown bicycles. Bio-Epizentrum. Hier nennen sich vermutlich sogar die Bäcker Brotmanufaktur, weil nur 'Bäcker' viel zu profan für diesen Ort wäre.



Steakhäuser finde ich oft problematisch. Ich muss immer mit relativ viel Einsatz Roulette spielen und weiß nie, ob ich das bekomme, was ich will, und vor allem wie ich es will. So bestelle ich mein Leichenteil stets medium rare, erhalte es aber zu oft durchgebraten. Oder auch mal kurz vor roh.

Dazu entspricht mein Fleisch gerne mal nicht dem, was für den Preis durchaus erwartet werden kann. Gerne mal sehnig, gerne mal durchzogen wie die Krampfaderbeine von Omma Kowalke, zäh, oll, nichtssagend und dann eben auch von Stümpern behandelt.

Steakhäuser finde ich zuletzt auch deshalb problematisch, weil Sie als Gegenleistung für Ihre gerne mal locker dreistellige Rechnung allzu oft einen Service wie in irgendeinem filzigen Studentenschlumpfladen bekommen - quälend langsam, verpeilt wie auf Dope, selten zu sehen und so kodderig wie möglich. Berlin, dein Personalproblem. Das zieht sich bis hoch.



Der Laden hier hat offenbar Erfolg. Sie haben Probleme, einen Platz zu bekommen. Ohne Reservierung haben Sie gar keine Chance. Vermutlich treffen sich hier die ganzen verstreuten zwangsvegetarisierten Ehemänner der hiesigen Biomütter, die sich, wenn der birkenstockbewehrte Hausdrachen gerade mal auf Pekip-Feldenkrais-Yoga mit Wocochinotopping im Dinkelbett die homöopathischen Chakren fließen lässt, aus dem kunterbunten Altbauknast schleichen, um heimlich an einem zentimeterdicken blutigen Steak zu lutschen, auf dass sie sich ganz kurz nur wieder so spüren wie früher mal, als sie noch am Leben waren. Ugga Ugga. Das Fleisch kehrt zurück nach Bionadeland Zentrum. Und ich sehe schon Selleriestückchen aus Richtung Café Anna Blume fliegen.

Wie das Fleisch ist? Sensationell gut. Natürlich. Muss es ja für den Preis. Selten so gut bekommen. Ganz ehrlich. Wenn Sie die Möglichkeit haben, solch Zeug über das Spesenkonto Ihres Borgwürfels abzurechnen, dann kann ich Ihnen das empfehlen. Privat nicht. Privat fahren Sie mit Block House locker genauso gut. Mit Maredo nicht. Maredo ist wie Autobahn. Geht gar nicht.



Ein großes Problem habe ich bereits nach wenigen Minuten identifiziert: Das Publikum in diesem Laden ist furchtbar. Grauenhaft. Zum Wegrennen. Wenn Sie in der Mitte des Raums sitzen, haben Sie in allen Himmelsrichtungen diese neue Oberschichten-Prenzlschickeria herumlungern, die zwischen Choriner und Kollwitzstraße gerade die alten alternativ-filzigen Biohansel ablöst, die vorher die Künstler und Studenten abgelöst haben und die bisher alleine für den desaströsen Ruf des Ortsteils verantwortlich waren. Was jetzt hier rumsitzt, ist schon nicht mehr lächerlich, sondern schlicht grausig. Affektiert. Gelangweilt. In permanenter Pose. Und zu viel Geld ohne Idee wohin damit.

In meiner östlichen Richtung schnöselt eine Schnepfe, dass Sie heute die U-Bahn nehmen musste, weil der Wagen in der Werkstatt ist. Dieser Straßenzeitungsverkäufer. Der stank vielleicht. Widerlich. Sie hat ihm nichts gegeben. Widerlich. Du machst dir keine Vorstellung. Dass sich Leute so gehen lassen müssen. Wi. Der. Lich. (Ich wünsche dir einen Meteoriten in dein Dachgeschoss und einen lavaspeienden Erdriss in deine Tiefgarage. Und auf jeden Fall Armut wünsche ich dir. Deine Hände im Container. Und im Mülleimer da draußen. Ist da Pfand? Pfand. Ja? Ist da Pfand?)

Hinter mir sitzt ein dummer Engländer, einer von der Sorte, von der sich jeder wünscht, dass er heute mit Leave stimmt und nie mehr wieder kommt. Er mokiert in einem zum Töten elitären Singsang, dass sein Entrecote am Rand ein wenig Fett vorweist. Hören Sie, ich musste was wegschneiden. Sehen Sie. Hören Sie. Hier. Wegschneiden. Ich musste was wegschneiden. (Ich möchte dir auch was wegschneiden, du dummer Arsch. Mit einem Teppichmesser.)

Und weil es nicht nur beim beschissenen Publikum bleiben kann, fällt als Krönung der Service gegen Ende des Abends aus der Rolle. Die Rechnung von knapp 800 Euro, die sich ob ihrer Länge auf dem Tisch zusammenrollt, müssen wir dritteln. Die Abrechnung. Die Abrechnung. Denkt denn keiner an die Abrechnung? Nobody expects the holy Schwellenwert.

Doch mit derlei ist der Service überfordert und koddert: "Wat? Soll ick dit jetzt auseinanderpfrimeln?" Geistesgegenwärtig sagt einer: "Ich bitte darum. Pfrimeln Sie."

Auseinanderpfrimeln. Das Stück Fleisch 60 Euro. Aperitif. Wein. Antipasti. Irgendwelche Beilagen. Einmal die Karte hoch und runter. Knapp vor 800 Euro. Und dann sagt der, ob er dit jetzt auseinanderpfrimeln soll? Pfrimeln? (Ja, du Held, pfrimel mal. Wenn Ihr hier schon Geld nehmt als würdet Ihr im Kometenschweif vom Gendarmenmarkt herumeiern, dann bringt bitte auch das Auftreten vom Gendarmenmarkt, sonst passt das nicht zusammen.)

Als dann auch noch Kartenzahlung gewünscht wird, verdreht er als kleine Einlage theatralisch die Augen und stöhnt zu allem Überfluss noch auf, als hätte noch nicht längst jeder gemerkt, dass seine Gäste ihn ankotzen. Und weil das noch nicht reicht, gehen nicht mal die Espressi aufs Haus, sondern in die Rechnung ein. Mir doch egal. Ich zahl's ja nicht. Dennoch: Ein Trauerspiel. Bei diesem Anspruch. Bei diesen Preisen. Dem verdammt guten Essen. Was könnte das für ein Premiumladen sein. Wenn der Auftritt stimmen würde. Doch das muss er nicht. Die Leute kommen auch so.

Nein, besser doch nicht noch einmal. Nicht für den Preis. Nicht mal auf Spesen. Nächstes Mal besser gleich Konnopke auf 'ne Curry gegenüber. Die sind immer so schön freundlich. Und haben nie ein Problem mit Auseinanderpfrimeln.

Als ich zuletzt das Espressotässchen (mit dem zugegebenermaßen hervorragenden Kaffee) hebe, wird der Abschluss dann doch noch schön lakonisch:



Stimmt. Nichts ist für die Ewigkeit. Ich und der Laden hier auf keinen Fall.


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Filetstück
Schönhauser Allee 45
Prenzlauer Berg
http://www.filetstueck-berlin.de

Montag, 20. Juni 2016

Schwarz-rot-gulp


Kaum gestohlen schon in Polen
Volksmund


Ich stehe an der Ostseestraße und wünsche mir ein Fahrrad, mit dem ich in einen abbiegenden LKW fahren kann, damit ich keine EM-Reklame mehr lesen muss.



Denn es herrscht Europameisterschaft und sie foltern mich wieder mit Wortspielen. Wahrscheinlich haben sie in der billigen Werbebutze im Hinterhof Nähe Senefelderplatz wieder einem dieser schlimmen Praktikanten den Auftrag von Media Markt auf den Katzentisch gepfeffert: Los! Macht doch mal was mit EM. Fußbooooll.



Der Praktikant ist mit Sicherheit BWLer, diese Pest aller unterfinanzierten Flachhochschulen. Wenn jemand eine Scheißidee hat, ist es meistens ein Jurist oder ein BWLer. Sowieso herrscht irgendwie immer noch BWLer-Schwemme, so dass diese Typen immer öfter auch in Exotenecken wie der Werbebranche zu finden sind, wo sich schon alle anderen Sorten gescheiterter Halbakademiker wiederfinden, die für einen ehrlichen Beruf wie Taxifahren nicht moralisch genug sind. EM schon, denn schon. Sagt er. Das ist wirklich unterste Schublade. Übler geht nicht mehr. Das ist schon kein Wortspiel mehr, das ist Wortwaterboarding. Wortwürgereizprovokation. Wortabgrund. Wortabsturz. Wortgenickschuss. Man sollte den BWLer an ein Flipchart nageln und mit unausgegorenen Konzeptpapieren füttern. Und gurgeln darf er mit einem Sud aus ausgemusterten Laserpointern, den Leggins der Vorzimmerkraft und dem Hornhautabrieb vom Chef, den jemand in einer Flasche abgestandener Rhabarberschorle von der letzten Prenzlmüttertombola verklappt und reifen hat lassen. So hängt ihn doch endlich höher, den Zerobrainer.

EM schon, denn schon. Hihihi. Gnarf Gnarf. So toll. Ein Knaller von Wortspiel. Ich will auch:

Trau, schau, EM

Ehre EM Ehre gebührt.

EM andern eine Grube gräbt fällt selbst hinein.

Ein EM kommt selten allein.

Lirum Larum Löffelstiel, EM nichts sagt der weiß nicht viel.

Applaus Applaus. So. Da nich für. Her mit meinem Honorar.

Mein Hirn...



Ach Deutschland, euer Deutschland. Die Grüne Jugend hat vor ein paar Tagen ein miesepetriges Statement zum überbordenden Fahnenmeer, dem Sie an keiner Supermarktkasse, keiner Tankstelle und nicht mal mehr beim Bäcker (Europameisterbrötchen) entkommen können, in die Welt geblasen.

Sie machen sich Sorgen, die jugendlichen Grünen. Das Fahnenmeer grenze aus. Es überhöhe. Und führe letztlich zu Gewalt.

Das Echo war enorm. Erwartbar enorm. Vermutlich sogar kalkuliert enorm. Die Mehrheit, die das Land gerade mit ihren drei Farben überzieht, sah sich gegängelt. War nicht begeistert. Amüsiert schon gleich gar nicht. Gesinnungsterror. Meinungsdiktatur. Vaterlandslose Gesellen.

Okay, was stört es mich, es trifft die Grünen. Das geht klar. Ich habe grundsätzlich kein Problem damit, wenn eine der beiden Hartz IV-Parteien Tritte in die Eier bekommt. Für was auch immer. Egal. Kein Problem, Veggiday, Heizpilze, Glühbirnen, Dosenpfand, Deutschlandfahnen, macht euch unbeliebt, soll mir recht sein. Meine Nachbarschaft ist komplett grün. Freut euch schon drauf, wenn die mal regieren. Ihr werdet euch wundern. Der Scheiß, mit dem die derzeit in die Presse kommen, ist erst der Anfang. Gängelei ist kein Bug, Gängelei ist Programm. Mein giftgrüner Nachbar wohnt in drei ehemaligen Mietwohnungen, die er zu seiner zusammengeführt hat und verbringt seine Tage damit, im Hof zu kontrollieren, ob der Müll ordentlich getrennt ist. Und die Zettel, die er schreibt, wenn wieder jemand die falsche der zehn verschiedenen Mülltonnen für die Batterien und die Glasflaschen genommen hat (ich war das, ich bin das immer) sind in eine bizarre Sprache vergendert, die in jeder Hinsicht unlesbar ist, selbst für Typen, die diesen Schwachkopf aus irgendeinem Grund mögen. Grün. Grüner. Mein Nachbar. Ich fresse lieber die unfassbar stinkende Biotonne mit einer Plastikgabel restlos leer als auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, grün zu wählen. Wenn solche Typen die Macht übernehmen, gründe ich eine Guerillagruppe, die Sabotageakte gegen die dann raumgreifende Wohlverhaltensüberwachung verübt. Öffentliches Schnapstrinken. Rohes Fleisch fressen. Selbst geschlachtet. Mit einem Buttermesser aus dem Rinderleib gefetzt. Ich klebe mir Plastiktitten an den Körper. Und fange an zu rauchen. Warte Warte. Nur ein Weilchen. Dann fälle ich mit dem Hackebeilchen den brasilianischen Ökoscheißbaum im Hof, dessen Intensivpflege durch einen gottverdammten Gärtner sie mir tatsächlich auf die Betriebskostenabrechnung umlegen. Oder ich schütte einen Kanister Frostschutzmittel ins Erdreich. Scheißding.

Soweit zu den Grünen. Ich bin deren Freund nicht, wie Sie sehen. Warum sich jedoch genau diejenigen von so einer politischen Randgruppe plötzlich meinungsverfolgt fühlen, die von den Küchenfenstern über die Balkone bis zu den Autos, Haaren, Gesichtern und den über die Speckbäuche gespannten Uwe-Mundlos-Gedächtnishosenträgern nun wirklich alles, was sie in die Hände kriegen, schwarz-rot-gottstehmirbei dekorieren, versteh ick nich. Ich bin doch derjenige, der in den Supermärkten mit dem Einkaufswagen Slalom um mannshohe Türme aus schwarz-rot-grundgütigen Kartoffelchips, Bierdosenpaletten, Plastikklatschehändchen, Vuvuzelas und unfassbaren Schminksets fahren muss und vor dessen Schlafzimmerfenster der Schalalapulk sein Schalala brüllt. Ich bin der, den sie auch gerne mal anmalen. Mit ihren Landesfahnen.

Nein, wirklich, würde ich es streng sehen, würde ich sagen, dass ich der bin, der meinungsverfolgt wird. Das liegt daran, dass ich Freunde habe, die das EM-Fieber schüttelt. Verstehen Sie mich nicht falsch, meine Freunde sind toll, nur leider mögen sie Fußball. Treffe ich mich mit ihnen, um ihnen den Gefallen zu tun, gemeinsam ein Spiel ihrer Mannschaft zu sehen, dann fällt ihnen auf, dass ich gar nicht dekoriert bin und sie beginnen damit, mich anzumalen. Sie haben da dieses Triple-Farbstiftding, mit dem sie mir einmal über beide Wangen fahren. Dann noch die Stirn und ich sehe endlich komplett lächerlich aus.

Denn es kann ja nicht angehen, dass ich gänzlich ohne Markierung, ohne den gemeinsamen Code am Spielgeschehen teilhabe. Über diese Dinge schaffen sie Gemeinsamkeit, auch mit jemandem, der damit nachweislich nichts anfangen kann, der aber nie auf die Idee kommen würde, ihnen ihre lächerlichen Fahnen auszureden. Und das Tönnchen mit den Chips. Die Klatschehändchen. Käppis. Autofähnchen. Diese Luftschlangen in schwarz-rot-gloryhalleluja.

Manchmal schleppen sie mich zum Public Viewing in einen Hipsterstall voller Idioten. Irgendwo nach Mitte. Komm doch mit. Na komm schon. Wird lustig. Komm mit. Und dann stehen wir in einem Overkill aus Schwarz-Rot-Wopa-Gangnamstyle und es ist ihnen peinlich, dass mich leider schon wieder nichts an meinem Körper als Deutschlandfreund ausweist. Und dann bekomme ich ein schwarz-rot-glubgola-farbenes Schweißband ans Armgelenk. Oder ein DFB-Käppi aufgesetzt. Nee, echt mal, so ganz ohne kannst du da nicht reingehen. Du musst schon auch. Kannst ja nicht der Einzige ohne was sein. Die denken nachher noch du bist Pole.

Um mal zu testen wie die Reaktion ist, habe ich kürzlich mal beim Bier fallengelassen, mir ein Polentrikot für die EM besorgen zu wollen. So ganz ohne Farbenfirlefanz ist ja wirklich blöd und rot-weiß ist ja keine so ganz üble Farbkombi. Pommes dazu und gut. Haha. Nein? Nicht gut?

Nein, es kam nicht gut an. Sie fanden das nicht so witzig wie ich. Das Verständnis dafür war nicht da. Sie kündigten sogar an, mich so nicht mitnehmen zu wollen in ihr Fahnenmeer. Ist peinlich. Geht gar nicht. Deutschland. Du bist doch auch Deutscher. Irgendwie. Zumindest vom Pass her. Magst du unser Land nicht? Wo ist das Problem mit schwarz-rot-gold?

Dass ich im Borgwürfel aus Teambuildingsgründen bei einem gemeinsamen Tippspiel angemeldet wurde, ist da nur eine Randnotiz. Ausgerechnet ich, der Ihnen nicht sagen kann, ob Albanien besser als Portugal ist oder die bitterbösen Russen Chancen gegen die Iren hätten. Oder die Dänen. Die Griechen. Oder ob Griechenland überhaupt mitspielt. Meine neuen Teammates haben jetzt Fähnchen auf dem Schreibtisch. Ich wollte keines.

Soweit bis hier. Merken Sie es? Das Schleichende? Das Drängende? Der sanfte Druck? Diese drohende Ausgrenzung? Ich, der unbeteiligt ist wie jemand unbeteiligt sein kann, ich, der in die Welt geschissene multiethnische Bastard ohne nennenswerte Wurzeln, kann einen Ort nicht betreten ohne einen Code anzunehmen. Die Farben zu tragen. Oder zumindest fruchtlos Diskussionen zu führen, die selten gut enden, würde ich nicht recht schnell nachgeben und mich von ihrer Welle assimilieren lassen. Ich soll mich hingeben. Mitmachen. Mitschwimmen. Und verdammt nochmal mitjubeln. Der Kollektivgedanke, der mir so fremd ist, fordert stets die Positionierung. Unbeteiligt schauen geht in dieser Gesellschaft nicht. Wieso jubelst du nicht? Deutschland hat ein Tor geschossen. High five. Jetzt jubel doch mal. Im Halbfinale der WM 2014 boxte mir jemand, den ich gar nicht kannte, unfreundlich in die Seite, weil ich auch beim 6:0 nicht wie alle anderen komplett gerastet bin. Offenbar bestand der Verdacht, dass da jemand zu wenig Partypatriotismus beging.

Es wirkt zunehmend verstörend, wie wichtig es immer mehr Leuten wird, dass andere bei ihrer Sache mitmachen. Wie ernst es beginnt zu werden. Es fängt ja erst an. Farben über Farben. Wird das noch mehr? Muss ich bald noch öfter als immer nur alle zwei Jahre deklarieren, wo ich stehe? Ist neutral zu den Dingen zu stehen - eine Position, die ich sehr mag - bald nicht mehr so bequem möglich wie früher?

Soweit bis dahin. Das meinen die jungen Grünen, wenn sie von drohender Ausgrenzung sprechen. Ich verstehe sehr gut, was sie sagen wollten, nur versteht das der Hackemob natürlich nicht. Es wurde sowieso zur Unzeit kommuniziert, ist höchst missverständlich formuliert und kommt wieder einmal mit dem ewigen erhobenen Zeigefinger und überhaupt so spröde-lustfeindlich-säuerlich daher wie so ziemlich alles aus dieser Ecke. Man weiß ja, wer da spricht und von denen kam selten Gutes. Eher Gängelei. Es weht der Ruch der Verbotspartei. Gedankenpolizisten. Mülltrenner. Analfixierte Korinthenzähler. Kontrollfreaks. Gendertröten. Sprachpanscher. Umerzieher. Da kommt so ein Ding gerade recht. Steilvorlage und ab in die grüne Fresse. Und damit endet eine vom Grundgedanken her recht vernünftige Mahnung zur Zurückhaltung ganz schlicht im Boulevard zur Ausweidung. So ist das eben. Wenn die B.Z. einmal dein Ding als Aufmacher bringt und die Blasen werfende Volksseele von der Leine lässt, kannste auch heute immer noch nach Hause gehen und gepflegt abkacken. Und mit so einem mit Anlauf in den eigenen Arsch geknallten Eigentor sowieso. Taktisch klug war's halt nicht. Aber das ist jetzt auch schon wieder egal. Acht Tage her. Acht Tage sind eine Ewigkeit.

Rot-weiß olé. Polska goła. Schalala. Lala. Gulp. Ist Polen noch dabei oder schon wieder ausgeschieden? Ich habe keine Ahnung. Nichts könnte mich weniger interessieren.



Weiterführendes

Samstag, 18. Juni 2016

Spiekeroog


Die grüne Insel wird sie genannt.



Sie ist die Schönste der Nordseeinseln.



Finde ich.



Nicht nur wenn die Sonne über dem Wasser untergeht.



Grün ist sie, sauber ist sie, ruhig ist sie.



Überall kackende Hunde als Aufsteller, auf denen 'No' steht. Ob das auch in Berlin hilft?



Sie betten die Besiedelung sanft in die Landschaft ein.



Nachhaltigkeit ist hier nicht nur Gerede. Oder Hype.



Ich bin zu Fuß unterwegs. Zu Fuß. Immer zu Fuß. Keine Autos. Auch kein Fahrradverleih. Kein Massentourismus.



Auch keine Strandpromenade.



Ich kann sehr lange laufen. Keine Sau da.



Nur ein Kühlschrank.



Und die Reste Schiffbrüchiger.



Und eigenwillige Kunstwerke.



Ein schöner Ort.



Und nur wenig Polizei. Was würde geschehen, meldete man die revolutionäre 1. Mai-Demo hier an? Beim Fahrradpolizisten. Dem ohne Wasserwerfer.



Eine Pferdebahn verbindet die ...



... City ...



... mit der Küste.



Nur wer oder was ist ein Melksett?



Und gibt es das Damenpad auch mit USB? Und Allnet Flat? Haha. Funny crap. My brain shrinks.



Das ist übrigens der Utkieker.



Er kiekt ut.



Keiner da. Nur ich und ein ... Rebhuhn? Perlhuhn? Fasan? Ein Pfau? ... ach was weiß denn ich? Bin ich verdammter Biologe?



Der Grabstein eines Seemanns, der 56 Schiffbrüchige gerettet hat. Ist schon ne Weile her. Was steht da? 1845? Auch egal.



Doch. Ich kann es hier aushalten. Tagelang. Wochenlang. Dann bin ich wieder fit für mein Zuhause: Die dreckigste, stinkendste, hässlichste und dabei doch beste aller Hauptstädte, die bis ins letzte Detail das Gegenteil dieser Insel ist.


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Sie lasen gerade einen uralten bebilderten Text, den ich mal für Qype geschrieben habe. Irgendwann 2010 oder so. Qype war ein recht knuffiges Bewertungsportal, wurde jedoch von einem seelenlosen aalglatten anderen Bewertungsportal geschluckt und ausgeweidet. Den Text hier haben sie damals - und ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen warum - tatsächlich prämiert. Mit einem speziellen Button in meinem Profil. Sie hatten ja Buttons für jeden Mist, die von armen Irren ohne Leben wie wild gesammelt wurden, indem sie wahllos Stromkästen, Bushaltestellen und Gullideckel bewertet und beschrieben haben, nur um die Voraussetzungen für einen neuen Button im Profil zu erfüllen. Lauter Irre. Eine schöne Zeit.


Donnerstag, 16. Juni 2016

Die Schelle




Im Auge von Prenzlauer Berg. Ich sitze auf einer Bank eines Spielplatzes und ruhe. In der Hand ein Eis von Hokey Pokey. Ein wenig Sonne scheint. Die Welt ist gut. Da kollidieren aus dem Nichts die Welten. Ein in Batiktücher gehülltes Pärchen mit diesen schrecklichen und aus irgendeinem Grund wieder modern gewordenen braunen ausgefickten Birkenstocksandalen trifft ein paar Meter weiter auf den Hackemob in Gestalt eines verwahrlosten Penners mit Hund.

Der Penner brüllt den Hund an.

"Du Kackvojel! Komm her! KOMM! HER! WAS HAB ICK JESACHT? KOMM HER DU FOTZENKÖTER! WAS HAB ICK JESACHT? WAS HAB ICK JESACHT? KOMM HER! SCHEISSVIEH HERKOMMEN HAB ICK JESACHT!"

So geht das schon eine ganze Weile. Er schlägt ihn nicht, doch er brüllt. Der Hund ist komplett eingeschüchtert und versucht, in den Ritzen der Gehwegplatten zu verschwinden während der Penner sich unverdrossen die Goldkrone aus dem Hals brüllt. So sehet: Das alte Berlin trifft auf das neue Prenzlauer Berg. Ich kenne das alte Berlin fast gar nicht mehr, zu selten ist es hier im Schnöselkiez der pastellfarbenen Fassaden, der ausgebauten Dachgeschosse und der Garagen für die Jaguars noch zu sehen. Wenn hier jemand brüllt, dann ist er unter drei Jahre und zahnt. Oder steht auf dem Weg nach Weißensee vor meinem Schlafzimmerfenster. Oder fährt Fahrrad und will Platz auf dem Bürgersteig. Sonst wird nur wenig gebrüllt hier in Bionadeland, lieber wird mit schneidender Sägestimme insistiert, bei allem und jedem, in einer Tonlage, die jede Milch sauer werden lässt, doch nicht gebrüllt, nein. Die Kinder. Hier denken alle an die Kinder.

"FOTZENKÖTER! KACKVOJEL!"

Der weibliche Teil des Pärchens hat beschlossen, einzugreifen und packt die Sägestimme aus: "So sollten Sie nicht mit dem Hund reden. Schauen Sie doch mal wie eingeschüchtert der ist."

Oh nein, es sind Missionare. Sie wollen bekehren. Adäquates Verhalten herbeisägen. Das kann nicht gut gehen. Und so ist es. Der goldbekronte Konter lässt keine Sekunde auf sich warten.

"DET JEHT DICH NEN SCHEISS AN! FAFATZDA!"

"Sie sollten den Hund nicht anschreien. Auch ein Tier hat das Recht auf Respekt."

Respekt. Sie hat wirklich Respekt gesagt. Zum Hackemob. Rockin'. Das verspricht spannend zu werden. Ich wünsche mir Popcorn. Nachos mit Käse und Jalapenos. Coke Zero dazu. Und eine 3D-Brille. Liegesessel wie im Zoo Palast. Ich schlage ein Bein über das andere. Welcome to the show.

"WAT HAB ICK JESACHT? DU SOLLS DA FAFATZ'N! ICK SCHMEISS DICH IN'N CONTAINA!"

Oh ja. Es eskaliert schnell.

Der bemitleidenswerte Partner der Sägestimme steht derweil etwas abseits herum und interessiert sich auffallend für das versiffte Gebüsch, unter dem die Köterkackwurstproduktion der letzten Tage vor sich hin gammelt.

Mit "Schatz, sag auch was!" wird er aus seiner gnädigen Unbeteiligung gerissen. Er will nichts sagen, doch er muss jetzt und betritt unsicher die Arena.

"Ich finde das auch nicht in Ordnung. Seien Sie doch mal freundlicher. Dann ist man auch freundlicher zu Ihnen."

"Fafatzda. Hab ick jesagt. Pimmeljesicht."

Der Penner dreht sich um, geht zu dem Hund und zerrt ihn am Halsband weg.

"Hey! Wir reden mit Ihnen" ruft die Sägestimme ihm hinterher und "Mach was!" zu diesem armen Schwein von Kerl, der jetzt wahrscheinlich lieber in einem russischen Knast, in einem U-Boot am Nordpol oder besser gleich auf dem Mond wäre. Und dort auf der Rückseite. Vergraben unter Mondstaub. Und Weltraumschrott.

Er wird jetzt nichts tun, denke ich. Niemand würde jetzt noch was tun. Es bringt auch nix, er bekommt womöglich nur aufs Maul. Der Penner sieht aus als hätte er schon ein paar Mal in seinem Leben Schellen verteilt und ist ganz klar auf Goldkronenaggro. Klar ist nur, dass hier heute niemand mehr bekehrt wird. Der Befehlsempfänger sollte es jetzt gut sein lassen und ausnahmsweise mal eine der Weisungen verweigern.

Lässt er nicht. "Hey, bleiben Sie stehen!" ruft er, rennt jetzt, hält den Penner an der Schulter fest. Der reißt sich los. Der andere stellt sich vor ihn. Wird zur Seite geschubst. Der andere hält ihn an der Jacke fest. Und dann wirbelt der Penner herum und bringt sie. Die Schelle. Pam! Astreines Ding. Da war Kirmesboxen drin. Mindestens. Ganz alte Schule. Nicht K.O.-würdig, eher so ein Ding, wie es in den 90ern auf den Schulhöfen noch toleriert wurde, damit sich selbst Typen wie ich einen Moment Respekt verschaffen konnten. Ein Brett eben. Eine Schelle.

Und dann läuft der Penner einfach weiter. Sein Kackvojel trottet hinterher.

Nun Stille. Die anderen gehen in die andere Richtung. Wortlos jetzt.

Ich stehe auf. Ich brauche noch Wirsing von Kaisers. Und Lammhack. Für das muss ich wieder nach Wedding zu Euro Gida. Das kriegen Sie hier nicht mehr. Ich könnte bei der Gelegenheit gleich noch Schafskäse mitbringen. Und Sucuk. Die ist alle.



Dienstag, 14. Juni 2016

Bärenstark wie Berlin




Oh Hirn. Oh degeneriertes Hirn. Diese Vorlage kann ich nicht ungenutzt lassen.



Ein sinnloser Shampoohersteller macht Werbung mit dem sinnlosen Spruch "Bärenstark wie Berlin."

Nein, ich brauche nun wirklich keinen Beweis mehr, dass Werber zu ihrem überwiegenden Teil nicht die Windboe Ahnung haben wovon sie reden. Haar. Berlin. Stark wie. Klasse. Doch. Gerne schieße ich den Elfmeter, bitte sehr, Ball auf den Punkt gelegt, Anlauf genommen und der verdiente Tritt:

Wovon reden die eigentlich? Was meinen die mit 'bärenstark' im Zusammenhang mit Berlin? Vielleicht fantasieren die Texter das Haar so bärenstark wie die Berliner S-Bahn herbei. Dann müsste es konsequent ausfallen. Und irgendwo auf dem Weg liegenbleiben. "Wegen einer Störung am Fahrzeug muss die S 42, Ringbahn über Gesundbrunnen, leider entfallen. Sehen Sie zu wie Sie zu Ihrem Termin kommen. Und jetzt ficken Sie sich doch selber, Fahrgastpöbel. Ihre Entgelte, unser Versagen. Wir sind Berlin. Wir scheißen auf Ihr Wohlbefinden."

Vielleicht wird das Haar durch die Verwendung so eines Shampoos ja auch so bärenstark wie die Berliner Verwaltung. Bewegungslos. Starr. Verkrustet. Ums Verrecken nicht zu formen. Da bewegt sich nix. Und einen Termin zum Frisiertwerden bekommen Sie auch nicht. Haha. Eine Haarpracht wie ein Bürgeramt. Überlaufen, untergegangen, komplett in Agonie. Lauter lausige Lebewesen lümmeln lustlos in irgendwelchen Zwischenräumen rum und werden an einem unwirtlichen Ort wie diesem alt. Ohne dass etwas passiert. Ist doch geil. Nur ein Shampoo brauche ich dafür nicht.

Oder hey, bitte, nehmen wir Berlins Straßen. Bärenstark kaputt. Marode. Vernachlässigt. An Orten, an denen das Prekariat neben der abgehängten Mittelschicht wohnt und die nie ein Tourist besucht, liegen gerne mal noch vom Reichsarbeitsdienst im Zuge des Germania-Programms verlegte Asphaltplatten herum. Mit Löchern wie Schießscharten. Abseits der Hauptverkehrsachsen produziert die Stadt Bilder wie aus Tadschikistan: Der Winter ist seit einem halben Jahr vorbei und sie kriegen die Straßen nicht repariert. Bald kommt der neue Winter und macht neue Löcher. Oder der Sommer schmelzt den räudigen Asphalt zu Wellen, weil sie wieder den billigsten Anbieter für die Dienstleistung genommen haben, weil sie in Berlin immer den billigsten Anbieter für eine Dienstleistung nehmen, es sei denn ein Parteifreund ist Teilhaber oder ein Baulöwe hat kräftig in irgendeine Bezirkskasse einer der Oligarchenparteien gespendet, die seit Jahrzehnten die Stadt unter sich aufteilen. Also bitte sehr, viel Spaß mit Ihren verkackten Haaren. Sie würden sich wünschen, sie wären einfach ausgefallen. Oder abgebrannt. Verdampft. Egal, Hauptsache weg statt so verrottet wie Berlin.

Möglich, dass das Haar ja auch so bärenstark wie der Berliner Wohnungsmarkt werden soll. Dann müsste das Shampoo das Haar konsequent trocken legen wie die SPD den sozialen Wohnungsbau der Stadt. Oder das Haar müsste Blasen bilden wie der ganze Spekulantenzirkus, der die Stadt überzieht. Russen. Chinesen. Norweger. Ich kenne keine Nationen mehr, nur noch Käufer. Kaufen Sie. Kaufen Sie. Schaffen Sie Eigentum. Mitte. Moabit. Sogar Lichtenberg. Bis hoch nach Französisch-Buchholz. Altbau. Maisonette. Glaskasten. Alles nach Gusto. 300. 400. 500. Tausend. Nach oben geht alles. Wir sind noch nicht München, aber bald. Was? Sie sind Geringverdiener? Aufstocker? Kompletthartzer sogar? Bitte gehen Sie weg. Für Sie gibt es vielleicht was in Hönow. Hohen Neuendorf. Ahrensfelde. Oder irgendwo jenseits von KW. Hauptsache Platte. Hauptsache Pampa. Und alle anderthalb Stunden kommt ein Bus. Hoppla hier kommen wir. Wir gentrifizieren jetzt sogar Marzahn. Und Sie sind nur im Weg.

Geht noch einer? Na klar, einer geht immer: Kann ja auch sein, dass das Haar wuchern soll. Und hoffnungslos verfilzen. Wie die ganze bärenstarke Berliner Politik, dieser Haufen aus Dilettanten, Verantwortungsabdrückern und Nichtskönnern, denen außer der Protektion ihrer rückgratlosen Parteigänger nichts einfällt und schon gar nicht irgendwas, was diese Stadt voranbringt. Dieser Sumpf hat die Stadt nach LaGeSo, Flughafen, S-Bahn und dem Untergang der Berliner Bürgerämter inzwischen so weit gebracht, dass sie Gefahr läuft, im September nicht mal mehr ordentliche Wahlen durchführen zu können. Hier kurz vor Polen existiert somit eine Großstadt als dauerhaftes Krisengebiet, deren Agonie nicht durch einen Bürgerkrieg, ethnische Konflikte, Putin oder irgendwelche Selbstmordattentate herbeigeführt wurde, sondern ganz von oben in dieser für die Stadt so typischen Mischung aus Vorsatz, Dummheit und Ignoranz. Ich lebe also in einer Art Operettenstadt ohne funktionierende gesamtgesellschaftliche Basis, die man mit Rücksicht auf die Bürger, die das ertragen müssen, in der Tat unter die Verwaltung der Vereinten Nationen stellen sollte. Blauhelme. Ich fordere Blauhelme. In jeden Bezirk ein Bataillon. Und die OSZE soll die Wahlen organisieren. Denn wir können es nicht.

Bärenstark. Wie Berlin.

Ach nee, danke, reicht, lass doch mal gut sein, der Ball ist längst im Netz, weil der Gegner gar nicht angetreten ist, er hat das Honorar kassiert und ist ab durch den Wind. Und dem Shampoohersteller bleibt der Spott. Was sich Werber denken, wenn sie so etwas schreiben? Na nichts. Es ist wie immer. Sie denken nichts. Sie denken nie was. Sie nehmen einfach ein dralles It-Girl-Halligalli-F-Promikind, das sonst auf den roten Teppichen der dekadenten Berlin-Mitte-Schickeria erbarmungswürdig vor sich hin posiert, schreiben Berlin drunter, addieren ein Alliteration gewordenes Adjektiv, das in seiner gnadenlosen Unkreativität wieder nur dem Praktikanten eingefallen sein kann, und verkaufen das an einen dummen Shampoohersteller, der keine Ahnung von Berlin hat, sonst würde er ihnen den untauglichen Slogan bei der Präsentation der neuen Kampagne zusammen mit ihrem Hochglanzexposee ob der Lächerlichkeit ganz tief in den Darm schieben und den ganzen Idiotenstall danach mit Torfspaten und Stahlrechen vom Hof jagen.


Sonntag, 12. Juni 2016

Mittags. Pause in Schnösel City (2)




Darauf beruht unser System: Auf Männern, die ihren Job hassen.
William Gaddis (via)


Die Mittagspause ist der einzige Zeitpunkt an meinem Arbeitstag, an dem ich tatsächlich einen Hauch innerer Ruhe habe, an dem ich keine Maske trage, nah bei mir bin, an dem ich nicht freundlich zu Menschen sein muss, die ich nicht leiden kann, an dem ich keine banalen Geschichten aus noch banaleren Leben ertragen muss, die mir andere ungefragt aufnötigen, weil sie denken, ich sei ein großer Freund von Zerstreuung durch Small Talk. Dabei ist das nicht so. Dieser Wust an sinnlosen Informationen, die nie einer angefordert hat, wirkt wie schleichendes Gift an meinem seelischen Gleichgewicht. Ich beginne die zu hassen, die es mir ins Ohr schütten. Im Flur. In der Teeküche. Fahrstuhl. Im schlimmsten Fall S-Bahn. Auf dem Weg nach Hause. Wenn mich einer am Bahnsteig abfängt, um mir Informationen über sich zu geben. Kuckemal. Hier meine Kinder. Hier mein Auto. Hier meine Beförderung. Hat Ihr Haufen auch diesen Monat den Teambonus erhöht bekommen? Nein? Ui.

Hier in der Mittagspause muss ich niemanden beeindrucken, hier muss ich mich mit niemandem messen, mich von niemandem bewerten lassen und hier muss ich vor allem kein sinnloses Geseier sinnloser Menschen über einen sinnlosen Zeitraum hinweg ertragen. In Zeiten, in denen niemand mehr einfach das Maul halten und Stille ertragen kann, ist das ein echter Gewinn. Und so selten. Stille. Diese Stille.

Immer geht das nicht. Ich muss zumindest einmal in der Woche mit den anderen Pinguinen Mittagspause machen. Sonst fällt das auf. Den Windmachern, den Pseudoteamworkern, den Stuhlsägern, den Intriganten, den Vorne-freundlich-sein-und-dann-hinten-Stinkbomben-Legern, den rückgratamputierten schleimenden Azubis, den paranoiden Nichtskönnern von Führungsfiguren. Fingerspitzen. Eiertanz. Diplomatischer Prozess. Jemand wie ich darf sich nicht dauerhaft separieren, sonst fressen sie jemanden wie mich auf. Machen mich ein. Scheißen mich aus. Am Arbeitsplatz separiert zu sein, ein Sonderling zu werden, ist auf lange Sicht ein beruflicher Bankrott. Also gehe ich mit ihnen mittagessen, lausche ihren unerträglichen Geschichten über unerträgliche Menschen, die gerade nicht im Raum sind, oder über unerträgliche Prominente, die ich nicht kenne, oder den stinkenden Hausmeister, den sie alle nicht leiden können, weil er der letzte ist, der noch raucht und mit Sport nichts am Hut hat. Der steht bestimmt auf kleine Jungs, wird über die Vierkäsepizza hinweg kolportiert. Dann gemeinsames Lachen. Schluck aus der Cola. Serviette.

Ich habe einmal gesagt, dass ich den Hausmeister gut finde, weil er nicht so ist wie alle anderen. Sie haben es nicht verstanden und geglotzt wie Kühe. Ich habe es seither nicht noch einmal erwähnt. Es bringt nichts, Dinge zu sagen, die niemand versteht. Es bringt nichts, sie glotzen zu lassen wie Kühe. Ich bin kein Missionar, war ich nie. Sie verstehen es sowieso nicht. Niemand versteht solche Dinge hier, also habe ich auf Schauspieler umgeschult. Ich grinse blöd über dumme Witze dummer Vorgesetzter. Ich schaue mir dumme Babyfotos dummer Schnepfen an. Sage, dass das aber auch wirklich ein hübsches Baby ist, obwohl ich Albträume von dem Gnom bekommen werde, den sie mir da ins Gesicht hält. Ich gratuliere Menschen zum Geburtstag, die mir scheißegal sind, alles Geburtstage, an die mich mein Smartphonekalender erinnert, weil ich mir diesen Morast aus überflüssigen Terminen nicht eine Sekunde merken könnte. Dann die Umarmungen. Bussi-Bussi-Scheiße. Furchtbarer Kuchen, der nur vom furchtbaren Kaffee übertroffen wird, aber der immer gelobt wird. Schmand. Zucker. Tiefkühlhimbeeren. Boar ist der lecker. Der ist aber lecker. Leckeeeer. Ja. Hallo. Das bin ich. Ich spiele die Klaviatur sozial erwünschter Verhaltensweisen wie ein Großmeister. Ich kann das total gut. Jedes meiner Lächeln wirkt so echt, dass auch Sie mich mögen würden. Sicher. Es gehört zu Jobprofil. Würde es kein Geld dafür geben, würde ich es nicht tun. Wäre ich gar nicht hier. Sie zahlen gutes Schmerzensgeld für den Mist hier. In dieser Gesellschaft. Sonst macht den Job doch keiner.

Den Rest der Woche, wenn ich die stupide Simulation von gegenseitiger Sympathie in einer idiotischen Herde voller mittagessender Lackaffen vorzugsweise bereits am Montag hinter mich gebracht habe, verbringe ich für gewöhnlich alleine die Mittagspause. Nur ich, ein Teller asiatische Pampe, ein grüner Tee und Musik im Ohr. Ich sitze in einem nachrangigen Lokal mit Absicht ein wenig abseits vom Borgwürfel. Ich muss weiter laufen bis ich hier bin, doch meistens lohnt es sich. Selten ist jemand da, den ich kenne, also muss ich kein Geseier ertragen, kein Gerede, kein Getratsche über irgendwas, das ich schon zehn Sekunden später vergessen habe, weil es Unsinn ist, Blech, Wortmüll, oder Small Talk wie sie es nennen - Small Talk, dieser fiese soziale Kitt jeder Arbeitsstelle. Routiniertes Schaffen von Gemeinsamkeit. Machen sie alle gerne. Nur ich nicht. Bei mir erzeugt ziellose Kommunikation nur Abneigung. Labern Sie mich voll, werde ich unvermittelt damit beginnen, Sie zu hassen, weil Sie mir mit Ihrem Geseier körperliche Schmerzen bereiten, ich bekomme Ausschlag, ein Exzem am Arsch, Hirnkrebs, Hodenlepra, und so eine Lust, den ganzen Laden mit einem Glas Single Malt in der Hand in einem Lavasee absaufen zu sehen, wenn sich doch nur die Erde auftäte und diesen Zirkus der Eitelkeiten endlich verdampfen ließe. Ich würde zu gerne am Rand des Lochs stehen und hysterisch lachen wie ein Irrer.

Leider geschieht es nicht.

Manchmal denke ich, dass ich der Einzige bin, der so denkt, solche Dinge denkt, der den ganzen Laden verdampfen sehen möchte, doch dann denke ich wieder, dass ich gar nicht der Einzige sein kann, sondern nur meinesgleichen nicht gut genug erkenne. Meinesgleichen, die es hassen, dass die Dinge so sind. Dass sie alle so sind. Die den ewigen Kuchen hassen. Babyfotos hassen. Betriebsfeiern hassen. Gespräche über das Wetter hassen. Staubige Kekse auf öden Meetings hassen. Eitle Erzählungen eitler Vorgesetzter hassen. Diese ganzen Simulationen hassen. Die Ellbogen. Die Intrigen. Die Haifische. Ich kann nicht der Einzige sein. Ich weigere mich zu glauben, dass ich der Einzige bin. Noch jemand da? Irgendwer?

Der innere Konflikt zwischen dem, der ich bin und dem, der ich sein soll, ist zu drastisch als dass er allein durch das Geld, das sie zahlen, befriedet werden könnte. Alkohol hilft da. Und alle anderen Drogen natürlich. Vorzugsweise Aufputschzeug. Um die Maschine am Laufen zu halten. Wenn Sie keine stabile Familie auffängt, haben Sie nicht viele Möglichkeiten. Manche machen Yoga. Bergsteigen. Tiefseetauchen. Oder werden religiös. Ich habe keine Ahnung.

Der Horror ist, wenn sich einer der kuhärschigen Führungskräfte zu mir ins Abseits verirrt. In mein Exil. Mein Lokal. Zu meiner asiatischen Pampe. Weil er doch mal weiter als immer nur um die Ecke ins wundgescheuerte Borgwürfelhurenlokal gelaufen ist, in dem sie alle sitzen. In dem sie immer alle sitzen. Und dann steht der da rum. An der Tür. In meinem Lokal. Meinem Exil. Und wenn ich ihn schon da an der Türe den Raum scannen sehe, drehe ich mich weg, weil ich nicht will, dass sich dieser elende Wichtigtuer neben mich setzt. Weil dann zwangsläufig Gespräche übers Wetter folgen. Oder seinen beschissen teuren letzten Urlaub. Sein neues Auto. Und seine verfluchten Kinder, deren Schicksal mir nicht egaler sein könnte. Oder er kommt mit Benchmark-Buzzwords aus der Cluster-Matrix für proaktive Milestone-Evaluierer angeschissen. Jobsprech. Technokratenfinnisch. Luftschauflerlatein. Immer wenn sich so einer nähert, sollte ich eine Tasche auf der Eckbank deponieren, auf die ich Bedauern heuchelnd verweisen kann. Sorry. Besetzt. Leider leider besetzt. Untröstlich. Bin ich. Da kommt bald noch wer. Jaja. Und dann mache ich vor lauter Euphorie kulinarischen Lärm. Das ist gesellschaftlich akzeptiert, seit wir Besuch aus China hatten, denn alles, was aus China kommt, finden wir gut. Also wird die Suppe geschlürft, mit dem Tee wird im Mund herumgegurgelt, kurz aufgestoßen und zu allem Überfluss läuft der iPod in einer Lautstärke, die mir selbst Angst macht, damit selbst der empathieloseste Teamleiter, der sonst nie was rallt, begreift, dass er stört.

Aber nein, so läuft es nicht. Auf keinen Fall läuft es so. Ich lächle. Rutsche. Biete den Platz an. Lausche während ich das Essen schlinge irgendwelchen Dingen, die keine Rolle spielen. Clustermilestonebenchmarkfickmichweg. Und spiele in Gedanken die Optionen für die nächste Mittagspause durch. Noch eine Straße weiter runter ist eine Trattoria. Vielleicht kann die was. Und viel wichtiger: Vielleicht schaffen sie es nicht dorthin.

Ich habe früher mal gedacht, dass sich die an den Schaltstellen Herumdilettierenden eigentlich schämen müssten, wenn ihnen bewusst wird wie wenig sie können, wie nackt sie sind, wenn der Maschinenraum mal wieder eine ihrer Fehlentscheidungen ausbügeln muss, die sie mit ihrem Vierfachen vom Netto des Maschinenraums so unbedarft fabrizieren. Nix. Gefehlt. Weit gefehlt. Tun sie nicht. Sie schämen sich nicht nur nicht, sondern finden sich selbst ausdrücklich gut. Als Führungskraft, deren Mist andere wegräumen. Vermutlich fühlen sie sich ihrer Leistungen wegen sogar zu wenig honoriert. Sind nicht zufrieden. Weil sie keiner für ihre Existenz würdigt, sondern ihnen nur allzu offensichtlich in den Arsch kriecht, um ein wenig von der Sonneneinstrahlung der Macht zu profitieren. Um zu zecken. Nachzufolgen. Angehoben zu werden. Auf einen höheren Ast des Baums zu wechseln. So ist unser Terrarium. So ist es hier. Jeder Affenfelsen hat mehr Klasse.

Sie haben mir kürzlich zum zweiten Mal angeboten, einer von ihnen zu werden. Sie suchen Leute, die Dinge können, die ich kann. Und die deshalb anderen Leuten sagen, dass sie Dinge tun sollen. Oder nicht mehr tun sollen. Rechts um. Links um. Zwo. Drei. Für mich eine Weggabelung. Ein Abzweig führt nach oben. Mehr Geld. Weniger Zeit. Mehr Frankfurt. Unendliche Pinguine inmitten von noch mehr unendlichen Pinguinen, die unendliche Pinguindinge sagen. Vorträge. Berichte. Fristen. Neue Zielmarken. Und vor allem mehr Mittagessen mit Unsympathen. Und mehr Weisungsempfänger, die dann mit mir essen gehen müssen, um sich nicht zu separieren und deren Namen, Anzahl der Kinder, Vorlieben, Fähigkeiten und Unfähigkeiten ich mir auch noch merken muss, um den Puff, für den sie mir die Verantwortung gegeben haben, am Laufen zu halten.

Ich habe es wieder nicht gemacht. Der Zug ist noch einmal vorgefahren, hielt kurz an und ich bin nicht eingestiegen. Wieder nicht eingestiegen. Denn es schüttelt mich, irgendwann einer von ihnen zu werden. Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch in den Spiegel schauen könnte oder doch nur das Spiegelschauen verlernen würde, um mir stattdessen ein Bild von mir zu machen, das nicht dem gleicht was ich geworden bin.

Nur mit Kindern als Begründung kommen Sie in einem Laden wie unserem mit so etwas durch. Sogar als Mann. Inzwischen geht das. Kinder. Sie sind der einzige Grund, den Sie vorschieben können, warum Sie die Hand, die sie Ihnen reichen, nicht ergreifen. Kinder. Zeit. Kümmern. Ich bin untröstlich. Leider nein. Dann sind Sie zwar ein Sonderling, doch Sie dürfen bleiben was Sie sind. Sie dürfen überhaupt bleiben.

Im Moment setzt sich keiner von ihnen mehr neben mich. Sie haben mich im Moment nicht als einen der ihren gebucht. Ich fliege unter ihrem Radar. Keine Wettergespräche. Keine Buzzwords. Kein Promi-Flash. Keine Windmacherei. Vermutlich auf absehbare Zeit keine Angebote mehr. Game temporary over. Ich habe gewonnen. Zeit.




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Mittags. Pause in Schnösel City


Samstag, 11. Juni 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 11. Juni 2016




Blauer Stern. Ein kleines Off Kino im kleinen Ortsteil Niederschönhausen. Eine alte Frau fragt mich:

"Entschuldigen Sie, läuft hier der Film 'Vor der Morgenröte'?"

Ich bin sehr freundlich, lächle und sage "Ja, Sie sind hier richtig."

Sie insistiert: "Hier läuft doch der Film 'Vor der Morgenröte'?"

"Ja. Hier sind Sie richtig."

"Wissen Sie, ich bin hier zum ersten Mal."

"Ich auch. Aber das ist Kino 1. Hier läuft 'Vor der Morgenröte'."

Als ich mich setze, fragt sie jemand anderen ob hier der Film "Vor der Morgenröte" läuft. Sie wäre ja zum ersten Mal hier. Der Antwortende antwortet beide Male anständig und setzt sich.

Dann läuft sie raus. Vermutlich fragt sie die Kassenkraft, ob "Vor der Morgenröte" tatsächlich hier in Kino 1 läuft.

Vor der Morgenröte. Schachnovelle. Oberstufenhorror. Hader mal anders. ZZ. Ziemlich zäh.

Die Links. Read this:


ZDF neoNeo Magazin Royale - Folge vom 02.06.16
Sommerpause. Und er verabschiedet sich mit ganz viel Musik, einem Best Of quasi. Mit Orchester. Ganz groß. Künstlerisch ganz groß. Die Collabo mit Dende war leider nicht dabei, deswegen hier noch einmal separat weil ja Sommerpause ist:

YouTubeNeo Magazine Royale - Eine deutsche Rapgeschichte
Legende, Digger, Legende. Ick raste aus.

Wir bleiben heute ein wenig bei den Clips:

YouTubeFuck everything - Dan Bull
Genau. Endlich sagt's ma eina. (via Boerge)

YouTubeFuck everyone - Edward Norton
Tirade ist gar kein Audruck. (nochmal via Boerge)

YouTubeGrossstadtgeflüster - Ich rollator mit meim besten
Okay, die verunglückte Referenz an Hafti geschenkt dennoch kein übler Track. Ging mir nicht sofort ins Ohr, brauchte drei, vier Runden. Jetzt gut.

Genug geglotzt, bitte lesen Sie wieder:

KiezschreiberDanke, liebe Muslime
Brett.

Candy BukowskiWarum haben wir uns nicht...?
Montagmorgen ist der Kiez scheußlich.

{berlin:street}Verkehrsrowdys
Der hat Polizei, der hat, der hat Polizei.

gnaddrig ad libitumBrubbbelbrubbelSCHNAAARRRRZZZZZ
Alt werdende Männer und ihr dämliches Motorrad - an Lächerlichkeit nur schwer zu toppen.

Hirnfick 2.0Kurz angemerkt zur diesjährigen Europameisterschaft im Männerfußball
Je früher sie ausscheiden, desto früher sitzen die Schalala-Assis wieder auf ihrer Couch anstatt vor meinem Fenster.

Tanos Katzentisch...: Braucht wer Eier...?
Meine Nerven, bloß nicht den Videoclip schauen, auf keinen Fall schauen, Sie kriegen das nie mehr aus dem Kopf...

Ackerbau in PankowMaterialien zur Sexualisierung des Grundschulunterrichts
Hihihi Penis.

Und nun noch ein Spiegelei aus dem Backofen. Krass, so krass:

Arthurs Tochter kochtDas perfekte Spiegelei samt brauner Butter - 15 Dos & Don'ts