Mittwoch, 30. Juli 2014

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (25)


Ich latsche an manchen Wochenenden mit einer halb ausgesoffenen Whiskyflasche irgendwohin. Meistens zu einer Party, von der ich weiß, dass es wieder nur Jägermeister, Feigling, Pfeffi oder irgendeinen anderen Alkoholmüll gibt, den ich nicht hinterkippen kann ohne mich danach stundenlang duschen zu wollen. Und weil ich zu später Stunde immer bei diesen unsäglichen Saufrunden mitspielen muss, in deren Rahmen sie sich im Minutentakt dieses mit üblem Industriearoma verfeinerte Frostschutzmittel in die Kehle knallen, sorge ich vor, indem ich halb ausgesoffene Whiskyflaschen von zuhause mitbringe, die endlich mal plattgemacht gehören. Glenlivet. Jameson 12. Etwas Sanftes zum Hinterknallen. Mit Stil, doch nicht zu nobel, um den Rahmen zu sprengen. Damit komme ich durch. Damit darf ich mitspielen und muss nicht den Scheiß trinken, den sie vorhalten. Den Apfelkorn. Sauerkirschwodka. Schiercker Feuerstein. Schiercke. Harz. Brocken. Bargh. Die Erinnerung an die Ghule in der Dampflok kehrt zurück.

Mit einem halb leeren Bowmore 12 aus der hauseigenen Minibar in der Hand entere ich eine Tankstelle am Eichborndamm. Es empfiehlt sich, immer auch ein paar Nüsse einzustecken. Nic Nacs und so. Oder Cashews. Cracker meinetwegen. Denn auf so einer Party haben sie meist nur Chips. Lidl-Bitterpaprika, Reagenzglas-Sour Cream, Pringles Glutamatpappe und ähnliche Verbrechen. Oder gleich den Gipfel der Perversion: Chemie-Käsebällchen. So viel kann ich gar nicht kiffen, dass das zu schmecken beginnt.

Rein in die Tanke. Zweimal Nic Nacs, einmal Tuc. Zahlen und raus aus der Tanke. Will ich. Doch weit gefehlt:

"Haste die von hier?" fragt mich die mit miesen Tattoos und billigen Piercings zugehackte Dumpfbirne mit Brandenburger Bikolore auf dem Kopf und deutet mit ihren quietschbunten Plastikschaufeln auf den Bowmore.

"Nein, sicher nicht."

"Sieht aber so aus."

"Die ist halb leer. Wann soll ich die denn getrunken haben? Auf den zwei Metern zwischen Regal und Kasse? Außerdem haben Sie die unter Garantie nicht im Sortiment. Bei Ihnen ist bereits mit Jim Beam der lukullische Gipfel erreicht."

"Muss ick schau'n jeh'n. Wie heißt dit Teil wat du da hast?"

Und schaut.

Notiert Bowmore.

Nach zwei Minuten Kramen im Regal, während ich ob der Absurdität der Situation einfach nicht aufhören kann zu grinsen, gibt sie grünes Licht: "Is in Ordnung. Kannste behalt'n."

Und ich so: "..."

Was ist das Haupt-Einstellungskriterium von Tankstellen? Dass man ohne Hilfe das Klo findet, damit man den Job ohne Erwachsenenwindeln machen kann?

Jaja. Honk. In da house. Glückwunsch.


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Epilog: Nicht alles im Harz ist Sülzfleisch, dummes Hexenpüppchen oder mieser Kräuterlikör. Sie machen tatsächlich ausgesprochen guten Whisky dort, der es in die kleine Reihe meiner unbedingten Favoriten geschafft hat. Der Vorteil: Damit kann man den Schiercker Feuerstein-Pappnasen verkaufen, dass man wie sie einen Harzer Dödelsuff trinkt, obwohl man das in Wirklichkeit gar nicht tut. 

Disclaimer, ohne den es offenbar nicht mehr geht: Nein, auch für diese Werbung gab's kein Geld und keinen kostenlosen Puffbesuch, nicht mal 'ne Flasche Glen Els für lau. Ich verdien' hier nix, ich bin so verrückt und glaub' an den Scheiß, den ich empfehle.

Dienstag, 29. Juli 2014

Neulich in Eberswalde


Eberswalder Untergrund Soldaten. EUS. Willkommen in Brandenburg. Vielleicht sollte den Kids von Eberswalde mal jemand sagen, dass Crew-Tags, die so leicht nach den drei Z (Zwickau, Zschäpe, Zündvorrichtung) klingen, gerade nicht so en vogue sind.

Samstag, 26. Juli 2014

Lass mal netzwerken - Links vom 26. Juli 2014


Vorab ein Nachruf. Das Blog "die Schrottpresse", das ich hier gerne und immer wieder verlinkt habe, gibt es nicht mehr.

Der Schritt, so ein kleines über Jahre gepflegtes Internet-Zuhause, in dem man sich nicht mehr wohlfühlt, einfach kommentarlos abzufackeln, verdient meinen Respekt, denn es gibt auch welche, die, wenn sie mal wieder die Schnauze voll vom bösen Internet haben, einen Riesenblogpost voll eitler Selbstreferenz schreiben, sich vom Kommentariat feiern und vor allem bitten lassen, doch zu bleiben ("Oh nein, bitte spring nicht!"), um dann tatsächlich gnädigerweise, nachdem sie sich vergewissert haben, dass sie angemessen wichtig sind, zu bleiben (surprise surprise), um das Spielchen mittelfristig erneut abzuziehen.

Eine coole Sau hingegen macht die Tür hinter sich zu, wirft das Streichholz in die Benzinlache und geht. Einfach so. Kein Text. Keine langatmige Abrechnung. Kein Rundumschlag. Kein Tschüß. Kein eitler Scheiß. So hat es die Schrottpresse gemacht.

Damit verabschiedet sich nach Mrs. Mops "Die roten Schuhe" innerhalb kürzester Zeit das zweite Blog von der Bildfläche, dessen Verschwinden mir zusetzt. Und wieder ist es ein nicht unwichtiges Politblog. Bleiben werden auf der anderen Seite wieder zu viele Phrasendrescher, verbohrte Ideologen, Superlustige-Video-Widerkäuer, Werbenutten, Gewinnspielverloser, Linkschleudern, SEO-Spacken, Trittbrettfahrer, Parteisoldaten, Anscheißer und die ewig humorbefreiten Arschgeigen aller Himmelsrichtungen, während gleichzeitig Blogs aus der Reihe derer verschwinden, die unterhaltsam und anspruchsvoll sein können.

Ich habe der Schrottpresse mal ein bescheidenes Denkmal in dieser kleinen Nische gesetzt, das ich bei dieser Gelegenheit noch einmal verlinken möchte. Sonst bleibt mir nur zu sagen: Schade. Mach' es gut, Digger.

Aufgefallen ist mir darüber hinaus folgendes:

NovemberregenBlogging November - 994
Frau Novemberregen, wohnen Sie in Berlin? Und treffen die gleichen Honks wie ich? Und überhaupt: Wissen Sie, wo die alle immer herkommen und warum sie sich so gerne tageweise ballen oder gleich im Pulk auftreten?

Das KraftfuttermischwerkPrenzlauer Berg: Sommerdusche der Feuerwehr erbost einige Anwohner
Ich habe meinen Bezirk mal geliebt, dann fand ich ihn schrullig, dann seltsam, zuletzt ärgerlich, aber so langsam beginne ich ihn zu hassen.

Was weg mussIkea muss weg
Von einem, der auszog, seine Form wieder zu finden, auch wenn er dafür vom Stuhl fallen musste.

PoliticoMagazineThe Pitchforks Are Coming… For Us Plutocrats
Okay, das Ding ist so geil, dass es Fake sein muss. Kein Plan, was das für eine obskure Seite ist, auf die ich da verlinke, aber es liest sich gut, dass sie Angst haben. Sollten sie auch. Es wird noch locker eine Generation dauern und ich werde es mit etwas Glück halbsenil im Altersheim miterleben während mir unterbezahlte Pfleger die Windel wechseln, da ich wieder dünne Suppe eingekackt habe, weil ich außer ungezuckertem Haferschleim nix mehr essen darf, aber es wird knallen, irgendwann wird es knallen und dann werde ich die Flasche Glenlivet öffnen, die ich zu diesem Zweck ins Heim geschmuggelt und ganz hinten im Schrank bei meinen verkeimten Jogginghosen versteckt habe, an die sich die unterbezahlte Putzkraft aus Angst um ihre Gesundheit nie hintraut.
Das Bild mit den Mistgabeln gefällt mir sehr gut, ich finde, man sollte auch wieder zum Teeren und Federn zurückkehren. Und dann die Plutokraten auf Balken zur Stadt raustragen. Wie bei Lucky Luke. (via fefe)

PPQHFC-Ultras: Saalefront, dann heult doch!
Ich bin ja kein Freund vom kreuzbraven Hertha-Friedhof im Olympiastadion (vor allem wenn ein Gegentor fällt) und mag es gerne atmosphärisch im Stadion, seit ich einmal den Betzenberg erleben durfte, aber in Halle wurde es offenbar zu krass zuletzt. Jetzt hat man die, die es übertrieben haben, ins Abseits gestellt und sie weinen jetzt.

Pimpi-MEL-aKommentarfunktion
Jetzt auch bei den Foodbloggern: Abgeschaltete Kommentarfunktion. Hier allerdings nicht wegen Genervtheit aufgrund akuten Trollbefalls, sondern wegen Genervtheit aufgrund von Spam. Das ist tragisch, denn die Kommentarfunktion abzuschalten ist eine Kapitulation vor dem Feind.

Zuletzt wie immer das Rezept, sehr einfach, sehr schön und passend sommerlich:

HighfoodalitySpaghetti al Limone mit Ziegenkäse und Basilikum

Freitag, 25. Juli 2014

Brüllereinflugschneise


Ich wohne in einer der traditionellen Brüllereinflugschneisen Prenzlauer Bergs. Ich weiß nicht, wo sie herkommen und ich weiß nicht, warum sie gerade durch meine Straße laufen, aber in jeder Nacht von Freitag auf Samstag sind sie da und halten mich wach, wenn ich mich gerade hingelegt habe.

3:30 Uhr: Fotzeeeeeeeeeee! Fick dich doooooch Fotzeeeeeeeeeeeeeee! Komm do heaaaaaaa Fotzeeeeeeeeeeeeeeeee! Fafatzdadoch Fotzeeeeeeeeeeee! Sach doch ma watt Fotzeeeeeeeeee! Halt die Fresse Fotzeeeeeeeeeeeee! ...

Dass er sich jetzt innerhalb seiner Fotzentirade wiederholt diametral widersprochen hat, scheint ihm nicht aufzufallen, denn das geht in dem Tenor etwa fünf Minuten weiter, bis er sich endlich trollt. Richtung Weißensee. So lange war der Platz unter meinem Schlafzimmerfenster seine Bühne. Doch weiter geht's:

3:50 Uhr: Also weißt du da hab ich ihm gesagt das geht so nicht weiter entweder besprechen wir unsere Probleme endlich mal offen-solidarisch oder ich muss mich von ihm trennen aber er redet nicht mit mir er redet einfach nicht er kommt nach Hause brummelt was in seinen Bart und geht Computerspielen das geht doch nicht oder nicht wahr das geht doch nicht so kann man doch keine Beziehung führen das ist doch keine Beziehung mehr meinst du nicht ich weiß nicht wie lange das noch so ...

Die Sabbeltasche, die sich unter meinem Schlafzimmerfenster eingenistet hat (ich stelle mir vor, dass sie einen selbstgestrickten Pulli in olivgrün trägt, dazu eine Batikleinenhose und Espandrillos), fragt also etwa drei Minuten am Stück nach der Meinung ihrer bedauernswerten Begleitung und sabbelt dann einfach weiter ohne sich diese anzuhören. Ohne Satz- und Leerzeichen. Irgendwann nach weiteren fünf Minuten Monolog im Leier- und Nöltonfall (ich weiß jetzt warum der Typ so gerne Computer spielt) geht es weiter Richtung Weißensee. Um dort andere Ohren bluten zu lassen.

4:00 Uhr: O Sooooooooooole Mio!!!! Am Arsch von Rio! Lalalalalalalaaaaaaaaaaaa!

Der Sänger. Na klar. Ohne den geht es auch nicht. Nie. Der hat Sitzfleisch und verharrt gerne eine ganze Viertelstunde unter meinem Schlafzimmerfenster. Zwischendurch prostet er sich selbst mit den zwei Bierflaschen zu, die er dabei hat - klirr - und singt dann weiter. Italienische Schlager, Roy Orbison, Herthafangesänge, alles dabei. Bis er sich trollt (Weißensee, Sie wissen schon) und sein Singen langsam in der Ferne verhallt.

Die restlichen Untoten in der Nacht von Freitag zu Samstag sind optional und abhängig von diversen Faktoren:

Die hysterischen Italiener (Ragazze! Ragazze! Vafangulo! Sie wissen schon) werden nur von April bis Mai und von Oktober bis November gegeben, wenn easyjet die billigen Berlinflüge im Portfolio hat. Es gibt sie auch in der spanischen und portugiesischen Variante, nur dann nicht ganz so aufgeregt.

Die Herthabrüller (Oleeeeeee Ole Ole Oleeeeeeeeee Super Hertha Ole Oleeeeeeeeee! Bööööorps!) kommen nur, wenn Hertha an einem Freitag spielt und zwar völlig unabhängig davon, ob Hertha gewonnen oder verloren hat. Spielt Hertha nicht an einem Freitag, kommen sie eine Nacht später. Spielt Hertha an einem Sonntag, kommen sie gar nicht. Des Montags wegen. Offenbar haben meine Herthafans die Frühschicht zu Wochenbeginn, was mir eine Pause verschafft bis der nächste Patient eine Rast unter meinem Schlafzimmerfenster einlegt.

In unregelmäßigen Abständen wälzen Paare hier in unendlich langen Schachtelsätzen ihre unlösbaren Beziehungsprobleme, beste Freunde erzählen bei einem Joint ihre übertriebenen Fickgeschichten oder ein besoffener Engländer/Skandinavier/Portugiese, der sich auf dem Weg zum Generator-Hotel an der Landsberger Allee, dem einschlägigen Sauftouristenpuff, verlaufen hat, kotzt, gestützt von seinen nicht minder besoffenen Kumpels, in meinen Hauseingang und hört sich dabei an als hätte er einen Steckschuss in der Lunge.

Die früher mal obligatorischen Pub Crawls, die meine Haustüre eine ganze Dekade lang zur gelben Pissrinne gemacht und als eigenwillige Form der Visitenkarte immer eine andere Sorte Wodkaflasche hinterlassen haben, deren Scherben sich morgens beim Brötchenholen in das Gummi meiner Chucks bohrten, sind selten geworden, seit das eingewanderte Spießbürgertum im Verein mit den Zipfelmützen aus dem Bezirksamt die Kneipen- und Clublandschaft von Prenzlauer Berg nicht nur erheblich ausgedünnt, sondern in eine Wüste verwandelt hat. So hat also auch das sein Gutes irgendwie.

Bitte sehr. Das ist mein Schlafzimmerfenster in der Nacht von Freitag zu Samstag. Hier ist Berlin noch Berlin. Assig. Laut. Derb. Manchmal wild, manchmal romantisch, manchmal hässlich, aber nie leise.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Verarsch mich doch (22)


Oh, Amazon schreibt:

---

Guten Tag!

Leider benötigen wir weitere Informationen für Ihr "Verkaufen bei Amazon"-Zahlungskonto.

(...)

Es ist sehr wichtig, dass Sie diese Informationen bereitstellen, damit Sie weiterhin an unserem Programm Verkaufen bei Amazon teilnehmen können. 

Wenn Sie die erforderlichen Informationen nicht innerhalb der nächsten 15 Kalendertage bereitstellen, können Sie Ihr "Verkaufen bei Amazon"-Zahlungskonto nicht eröffnen, und Sie können demnächst nicht mehr bei Amazon verkaufen.

---

Ich habe vor Jahren einmal ein Verkäuferkonto bei Amazon eröffnet und meine regalfüllende DVD-Sammlung via Amazon vertickert - gerade noch rechtzeitig, bevor DVDs uncool wurden und die keiner mehr haben wollte. Jetzt will Amazon irgendwas von mir. Ich habe nicht reingeschaut, was ihnen genau auf den Nägeln brennt, weil der Zugang seinen Zweck erfüllt hat, aber so wie es klingt wollen sie mehr Daten von mir haben. Und wenn sie die nicht kriegen, werden sie mein Konto dichtmachen.

Ist okay, können sie ja machen. Deren Plattform, deren Regeln. Doch was ich den absoluten Heuler finde, ist die Wortwahl. "Leider" schreiben sie. Ist mir schon öfter aufgefallen, dieses Nullwort. Alles ist jetzt "leider". Als stünde eine finstere Macht hinter dem Schreiber, die ihn zwingt, Dinge zu tun, die er eigentlich gar nicht will:

"Leider müssen wir wieder wie jedes Jahr die Überschussbeteiligung Ihrer privaten Rentenversicherung kürzen, die Sie leider in einem Moment besinnungsloser Dummheit bei uns abgeschlossen haben. Heuer leider auf null, der drohenden Negativzinsen wegen, Sie wissen ja, leider leider, oje oje.", "Leider wird Ihre S-Bahn-Monatskarte schon wieder teurer, weil diesen Monat leider mehr Züge denn je wegen Materialmängeln liegen geblieben sind, deren Wartung wir uns leider so gerne sparen. Wir sind untröstlich." oder "Leider ist Ihr Schadensfall von Ihrem Versicherungstarif nicht abgedeckt, das können Sie in Ziffer 375 Absatz 67 Buchstabe m) Fußnote 388 dritter Halbsatz nachlesen, den wir leider reingeschrieben haben, damit wir Arschlöchern wie Ihnen nix zahlen müssen. Leider leider. Mir kommen die Tränen. Freundliche Grüße, das Krokodil."

Hey Ihr Heuler, euch tut das alles gar nicht leid, was Ihr den ganzen Tag so schreibt. Ihr habt euch den Scheiß ja ausgedacht, den Ihr da kommuniziert, und mein Gefühlshaushalt interessiert euch einen Dreck. Woher ich das weiß? Ich schreibe so einen Bullshit selber, ständig, eat this: "Leider muss ich Ihnen für die Stelle in unserem Hause absagen, da wir sie anderweitig vergeben mussten."

Leider?

Mussten?

Haha, ja klar, leider kannst du mich am Arsch lecken, du Gesichtsfünf, dich habe ich nach einmal Querlesen auf den Haufen mit den Vollpfosten gelegt, die nicht mal zwei Sätze ohne Fehler schreiben können, weil deine Bewerbung daherkommt wie die von einem verdammten Junge-Union-Mitglied. Da brat mir doch einer einen Siegelring, du wohnst auch noch in Dahlem, hast eine blitzsaubere Biographie ohne diese interessanten Brüche wie sie Menschen mit Charakter haben und unter "Sonstiges" prahlst du mit dem Reitverein, dem Protokollamt beim Rotaract Club und deinen beschissenen Tenniserfolgen. Deine Bewerbung stinkt aus allen Papierfasern nach Protektion und deine Referenzen klingen wie von Papa über die Kanäle der Rotarier frisiert. Und wenn es das Letzte ist, das ich tue: Dich schlage ich erst zur Einstellung vor, wenn alle potenziellen Bewerberblindschleichen zwischen Ducherow/Mecklenburg und Borna/Sachsen tot umgefallen sind oder anstatt sich auf diesen Schleudersitz hier im Borgwürfel zu bewerben doch lieber was Seriöses arbeiten wollen (Kneipe, Zirkusclown, Waffenschieber, Auftragskiller). Dir ziehe ich jeden dahergelaufenen Schlumpf vor. Jeden Schlurch. Jeden Trinker. Sogar einen Sachsen, den keiner versteht, und bei dem sich alle auf dem Boden kugeln vor Lachen, wenn er zu sprechen beginnt. Live und direkt aus Borna. Motherfucker.

Ach ja, fast vergessen: Leider natürlich. Ich bin untröstlich, Ihnen absagen zu müssen und wünsche Ihnen alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg.

Wünsche ich natürlich nicht, aber ich schreibe es - für den Fall, dass Sie dumm genug sind, so ein Geseier zu glauben. Oh schon so spät, ich muss weg, einen Bürokaffee trinken, mein Magengeschwür wird kleiner und das geht so nicht.

So ist das. Ab und zu müssen irgendwelche Honks irgendwelchen anderen Honks schlechte Nachrichten überbringen, die sie zu allem Überfluss auch noch selbst verursacht haben. Und damit die Scheiße, die sie vermitteln müssen, besser klingt als die Situation ist, schreiben sie Wellness-Bullshit rein, so etwas wie "leider", so als hätten sie Verständnis für ihre Gegenüber und es zwänge sie der Beelzebub persönlich mit vorgehaltenem Dreizack zum Verfassen dieser Zeilen, die ihnen persönlich eigentlich voll zuwider sind.

Ob Sie verkrachten Gestalten wie uns tollen Briefeschreibern die Heuchelei im Übrigen abnehmen oder nicht, spielt gar keine Rolle, denn in Wirklichkeit sind Sie uns scheißegal wie nichts sonst, zumindest wenn man von einem überlaufenden Gulli im deutsch-polnischen Grenzgebiet oder einem in Chisibubikaio vor einen LKW gelaufenen weißrussischen Imker mit Mundfäule absieht. Im Zweifel wissen wir gar nicht, dass es Sie gibt oder vergessen Ihren Namen innerhalb von Zehntelsekunden, sollte er tatsächlich mal zwischen einem Becher Wiener Melange und diesem schweineteuren Lachsbagel mit handgeraspeltem Meerrettich von dieser geilen hippen Espressobar nebenan unser Sichtfeld kreuzen. Es ist nur Bullshitbingo mit Nullwörtern gegenüber Menschen, die uns nicht interessieren. Und keine Sorge, von den Nullwörtern gibt es noch viel mehr. Wir jonglieren damit wie diese dreadbelockten spanischen Arbeitslosen mit ihren Footbags an Kreuzberger Ampeln, bei denen wir das Scheibenwasser anwerfen, wenn sie unser Geld wollen.

Also, netter Versuch, Amazon, fast hätte ich geglaubt, du magst mich.

Nee, hätte ich nicht.

Verarsch mich doch.

Montag, 21. Juli 2014

Lass mal netzwerken - Links vom 21. Juli 2014


... und die letzten Tage aufgefallen ist folgendes:

kattaschaBabyboomer, was geht?
Jugend. Zornig. Bitter. Und sowas von gerechtfertigt. Das habe ich lange vermisst von jenen, die nach meiner Generation kommen und es eigentlich besser machen sollen. Was freu' ich mich. Endlich mal neue Töne, endlich mal was anderes als immer nur das kreuzbiedere Geseier aus der Stromlinie oder Vorschriften aus dem Verhaltenskommissariat.

Schmalenstroer.netDamals, als FAZ-Autoren noch jung waren…
Und noch einer bricht die Lanze und filetiert den Aufhänger.

Das Nuf AdvancedUm ehrlich zu sein...
Ein schöner Text über die Frage, wie viel Ehrlichkeit eine Beziehung zwischen Menschen verträgt. Viel, denke ich, doch Ehrlichkeit geht auch manchmal überhaupt nicht: So wird im Borgwürfel geheuchelt was das Zeug hält. Keiner mag den anderen, aber das verdecken sie unter einer dicken Soße von vorgeblicher Teamharmonie. Wer dieses Schweigekartell nicht mitträgt, katapultiert sich unversehens ins Abseits, an dessen Ende gerne mal die Suche nach einem neuen Job steht. So kann es auch gehen.

Frau Haessy schreibtEmpörung
Ein weiterer Text zu einem Dauerbrenner. Wenn ich das alles, was in den letzten Monaten in den Blogs und Zeitungskommentaren dazu geschrieben wurde, richtig deute, erzeugt der Dauersirenenton der Berufsbetroffenen, die zwischen Lattecafé, Salatbar und dem eigenen Wohnzimmer pendelnd ihre aufgesetzte Twitterhysterie verbreiten, inzwischen einen fundamentalen Widerwillen bis tief in den progressiven Teil der Gesellschaft hinein. Die mag einfach kaum mehr einer lesen. Sie haben die Empörungsschwelle erfolgreich verhornt. Zeit wurde es.

wymeDas Wort "Yo" reicht nicht aus, um zu beschreiben, wie behindert diese App ist
Damit kommen wir auch schon zum nächsten Trauerspiel und es ist das ständige Hypen irgendeines Schwachsinns, was gleichzeitig eine Zustandsbeschreibung dessen abgibt, was sich mal hoffnungsfroh Blogosphäre nannte und es eigentlich mal ganz anders machen wollte. Stattdessen das: Kaum ein Alphablogger, kaum eine Linkschleuder in meinem Feedreader, die nicht aufgeregt über den gecrowdfundeten Kartoffelsalat berichteten oder über die hirnlose App "Yo". Oder meinetwegen auch über einen Otter auf einem Skateboard/Surfbrett/Fahrradsattel (Nichtzutreffendes bitte streichen).
Der Trend geht - zumindest in den Blogs mit mehr Reichweite als die Filterblase gelangweilter Berliner Oberschichtenmütter - noch mehr als früher zum stumpfen Rebloggen fremder Inhalte, zum reflexartigen Weiterverlinken gehypter Banalitäten, die schon vorgestern durch Twitter genudelt wurden, oder gleich zum Einbinden all der ganzen superlustigen viralen Videos, die inzwischen auch mehrmals parallel von verschiedenen Absendern über die Smartphone-Messengers kommen - wie früher die ganzen superlustigen Powerpointdateien via E-Mail. Und wenn der Zenit des von ihnen mitgetragenen Hypes erreicht ist, weil in logischer Konsequenz bild.de und SpiegelOnline auf den Zug aufgesprungen sind, machen die Initiatoren ihren Schrott zu Gold, wenn sie nicht ganz blöd sind.
Zu oft hat das, was sie einbinden, auch gleich einen unverbrämten Werbehintergrund: Hey Leute, das hier ist zwar ein Commercial für Budweiser, aber trotzdem cool, zieht's euch rein.
Der Blog als Durchlauferhitzer und individualisierte Facebookpinnwand, viel mehr machen sie oft nicht mehr, lesenswerte eigene Texte abseits von runtergerotzten Kurzpositionierungen zu Allgemeinplätzen oder zu irgendwelchen von Twitter rübergeschwappten Hysterien gibt es nur noch selten, dafür florieren Gewinnspiele mit irgendeinem Scheiß, den man ihnen zu Werbezwecken geschenkt hat.
Möglich, dass man das alles mal mit dem Begriff Schlecky Silbersteinisierung umschreiben und sich danach mit Grausen abwenden wird wie von den blinkenden Geocities-Seiten aus den 90ern heute.
Vielleicht habe ich aber auch nur zu viele überflüssige Blogs im Reader und sollte mal wieder ausmisten, kann auch sein.

YouTube"My man is a loser"
Wow. Ein neuer Film mit der immergleichen Message "Kuckt mal was für Idioten Männer sind" kommt in die Kinos. Den Trailer können Sie sich schenken. Es ist ein Film über tumbe dickliche Deppen ohne Selbstachtung, die lernen, wie sie ihren Frauen besser dienen können - Fußmassage inklusive. Und das Ganze vollkommen ironiefrei, das ist das Schlimme.
Das Erfrischende an dem Link sind die Kommentare, auch wenn es YouTube - die Gosse des Kommentariats - ist. Ich finde es dennoch angenehm, mich nicht mehr als der Einzige zu fühlen, den diese permanente Herabwürdigung nach Geschlecht ankotzt. Vielleicht hat die Ära der Misogynie ja tatsächlich ihren Zenit erreicht und ab jetzt wird alles gut.
(haha...)

Leise TöneVergniesgnaddelt
Wer soll denn bitte über so etwas schreiben wenn nicht Blogger...?

Candy BukowskiSchnick-Schnack-Schnuck
"Ich möchte gerne sagen können, ich habe ein Höschen beim Glücksspiel verloren." Wieder ganz groß, Candy, ganz groß.

ExportabelDer Gott der Bundeswehr
Über den Standortältesten. Zum Fürchten archaisch. Jetzt mit Panzer-Uschi an der Spitze frage ich mich: Wie gendert man das in Zukunft?

Kraskas StaunmeldungenIch überlebte das Lächeln Enver Hoxhas!
Ausnahmsweise ein ganz altes Ding, aber es ist einer meiner Lieblingstexte aus einem meiner Lieblingsblogs, der leider nicht mehr allzu häufig aktualisiert wird, den ich aber schon lange mal verlinken wollte. So soll es also ein Weckruf sein: Magister! Du fehlst.

CooketteriaAvocadokuchen find' ich doof....
Nur wer auch mal was Neues ausprobiert, kann so schön scheitern wie hier.

So, Zeit für Süßes:

Barbaras SpielwieseStrawberry White Chocolate Cookies

Samstag, 19. Juli 2014

Hipsterstall killed the Videostore


Quengel.

Nein.

Quengel.

Nein.

Ich will Kakao!

Nein.

Quengel.

Nein.

Ich will aber Kakao!

Ja, ich weiß, dass du den willst, aber es gibt hier nur diesen Hipsterstall, dieses Konzentrat an allem, was ich in diesem Bezirk nicht mag: Aufgeblasene Mütter mit zu viel Tagesfreizeit, die um ihr Kind, das immer einen exotischen Scheiß-Doppelnamen trägt, kreisen wie Satelliten, kuhäugige, vollbärtige und sichtbar mit easyjet aus Barcelona/Napoli/Lissabon hierher eingeflogene Hipster hinter alten Laptops, blasierte Schnepfen mit ihren ewigen Ray Ban-Sonnenbrillen, die sie, weil sie so cool sind und einen Modeblog beim superfreshen Neonmagazin oder - nicht ganz so fresh - bei Brigitte haben, auch in-house tragen, und eine ominöse Schnittmenge aus Bermuda-Shorts-Touristen und schafgleich sanftmütigen Erasmus-Studenten, die hier ihr Geld in teuren Espresso mit zu viel Milch und immer zu viel Sirup anlegen.

Quengel? Nein? Quengel? Nein? Ach was, so läuft es natürlich nicht, denn ich, der Papa, kippe viel schneller um:

Quengel. KAKAOOOOOO!

Tilt. Tilt. Oh nein, das Kind quengelt. Was nun? Oh toll, ein Hipsterstall. Super, gibt so wenige davon. Prima, lass uns reingehen, denn wenn die eines haben, ist es Kakao. Wenn du magst mit Zimt. Das heißt dann Triple Fudge Chocolate Milk Maniac Cinnamon Soft Touch Flic Flac Flavor Chikadee Chikadoo New York Rio Tokyo Style Yahoochino Hooray for Boobies Venti. Name vergessen? Macht nix, nächste Woche nennen sie den Scheiß sowieso anders. Das simuliert umtriebige Kreativität.


Ich kann mir nicht helfen, ich fühle mich hier nicht wohl. Vielleicht bin ich auch inzwischen allergisch gegen künstlich auf alt getrimmte Lokale, in denen in Wirklichkeit viel Geld steckt und an denen sich mit viel Aufwand einer der vielen prekären Designfritzen aus Mitte Friedrichshain Kreuzkölln Lichtenberg ausgetobt und doch nichts neues erfunden hat.


Ich kann auch keine Lüftungsrohre mehr sehen. Lüftungsrohre sind Nullerjahre. Lüftungsrohre sind vorsätzlicher Industriecharme der billigsten Masche. Aufgesetzt. Gewollt. Unglaubwürdig. Anbiedernd auch. Hey, kuckt mal alle ganz doll her, wir hatten keine Kohle, die Decke abzuhängen, deswegen sieht das hier so halbfertig aus, wir sind wirklich voll proletarisch und voll prekär, kuckt mal Lüftungsrohre. Jaja.


Halbfertig pseudoverratzt wie dieser Unsympathenhonigtopf hier auszusehen ist in Wirklichkeit eine Menge Arbeit. Auch diese irrwitzig großen Löcher in den Tisch zu bekommen geht nicht ohne großen Aufwand. Eine Fräse muss da schon her, Bohrmaschine unter Umständen auch, denn jedes Loch muss individuell bearbeitet werden, damit keines wie das andere aussieht. So ergibt sich eine Reihe Löcher, die zufällig aussieht, aber es nicht ist.

Vielleicht kaufen sie auch einfach nur Massivholz aus der Ausschussecke von Holz Possling und lassen sich den Scheiß extra von eingeflogenen polnischen Tischlern nach Feng Shui-, Chi Gong- oder Chiang Kai-Shek-Gesichtspunkten zusammenzimmern, was weiß denn ich.

Das Wichtigste ist sowieso die Message: Hey, hier nochmal die Durchsage vom Betreiber. Wir haben keine Kohle und sind voll vintage, also mussten wir diesen alten Tisch von der Resterampe holen. Der Resterampe aus Minsk, Ulan Bator, Phnom Penh oder auch nur von Oma Bolle aus dem Keller in Moabit, haha. Hip Hip. Voll alt, nicht wahr? Kipp bloß den Kaffee nicht um, sonst muss ich neu ölen. Mit besungenem und mit den Füßen draller Sennerinnen aus dem Allgäu gepresstem Pro Natur Hartwachsöl aus nachwachsenden Bienenstöcken, das den Liter mehr kostet als deine Playstation, du Kretin.


Nein, ich kann mir wirklich nicht helfen, ich komme mit dieser allgegenwärtigen Affektiertheit dieses Bezirks nicht mehr klar, ich kann es nicht mehr sehen, es ist fast wie aus dem Lehrbuch für Hipsterställe: Vergilbte Wände, Kaffeebohnen in Holzspendern. Löcher in den Tischen. Und dann diese unerträgliche Starbucks-Freundlichkeit. Das wanzige Duzen. Das unerträgliche Duzen. Das ewige Duzen. Halten wir an dieser Stelle einmal eine untergehende und vollkommen unmoderne Wahrheit fest: Eine der schönsten Einrichtungen der deutschen Sprache ist das Siezen. Es hält Menschen wie durch Zauberhand auf Distanz. Es dauert normalerweise Jahre und viele vor Tresen versoffene Abende bis mich jemand duzen darf, doch in Ställen wie diesen tun sie es einfach so. Wie bei Ikea. Kuchenladen. Salatbar. Eistheke. McDonalds. Selbst mein Chef. Jeder Arsch duzt mich. Als würden wir uns kennen. Oder mögen gar. Wie absurd. Der Einzige, der mich noch siezt, ist mein Bankberater und dem traue ich so weit über den Weg wie ein Pottwal fliegen kann.

Und weil es hier im Hipsterstall immer noch eine Spur pseudo-Mailand-Coffeebar-Style-Authenzität sein muss, darf auch nicht das ständige Brüllen der fertig fabrizierten Bestellungen quer durch den Raum fehlen - in das immergleiche Publikum, das sich hier wie überall sonst im Bezirk in die Polster fläzt, laut, verwöhnt, exklusiv, alle wichtig. Ganz viele Nabel der Welt. Oooouuuuuuh last week I was at Jewish Museum in Kreuzberg. Not very interesting, apart from the architecture - if you're into it. Pffff.

So.

In dem Duktus.

Mit der Attitüde.

Plus belegter Stimme penetrant-nasaler Tonart, die zum Satzende hin höher wird - so wie sie jetzt alle sprechen, weil sie das für edler halten oder zumindest London-like, dabei finde ich, dass es ein kapitaler Sprachfehler ist, der behandelt gehört. Mit Juckpulver. Oder Rizinusöl. Brennnesseln, wenn hier in der Stadt welche zur Hand wären.

Hier war mal eine Videothek drin. Seit ich zurückdenken kann, gab es die hier. Gut, deren Verschwinden muss niemand beweinen. Filme kommen heute aus der VDSL-Leitung auf Bestellung oder als ... ähem ... Sicherungskopie von der Sicherungskopie von der ... nein, Videotheken rechnen sich nicht mehr, die Zeiten sind vorbei, als Pickelnerds, traurige Bezirksamtsachbearbeiter und ungefickte Scheidungsväter die Pornos aus der Schmuddelecke unter den Mantel gesteckt nach Hause schmuggeln mussten, nachdem sie sich beim Bezahlen vor der studentischen Aushilfe hinter dem Tresen als Röhrenbildschirmwichser geoutet haben: "Lecken in den Dolormiten" hat aber eine Mark Aufschlag, weil ganz neu. Ist das okay? Ja ... ähem, klar.

Vorbei. Den Scheiß gibt es heute als Stream. For free. In jeder Abseitigkeit. BDSM. Füße. Pisse. Kacke. Ärsche. Omas. Sie wichsen heute nicht mehr vor der leiernden Handlung eines VHS-Videos, bei dem der Player kurz vor dem Abspritzen einen Bandsalat in die Spule nudelt, sondern vor dem Computermonitor, wo dann kurz vor dem Höhepunkt der Stream in die Knie geht, weil um 17 Uhr nach Feierabend jeder gerade nach Hause gekommene Bürohengst noch schnell in seine Anzugsocken ejakulieren muss, bevor es Abendbrot gibt, und deshalb die Netzknoten der mit der technischen Entwicklung chronisch überforderten Telekom den Geist aufgeben.

Nein, Videotheken sind tot. Es lebe online. Nur noch die NSA weiß worauf du stehst. Und die wird das nur gegen dich verwenden, wenn du was zu sagen haben wirst in diesem Land.

Was nicht geschehen wird.

Nein, ehrlich, manch alte Dinge, die hier im Bezirk verschwinden, vermisse nicht mal ich, so eine Videothek braucht wirklich kaum noch jemand, außer vielleicht ein paar Nostalgiker, für die sich die Welt permanent zu schnell dreht. Oder Hipster mit VHS-Rekordern und Plattenspielern - beziehungsweise Grammophonen - zuhause, die hier an der Schönhauser Ecke Stargarder an Tischen mit Löchern sitzen.

So gesehen also nicht wirklich schlimm, die Sache. Aber dass es ausgerechnet wieder ein Hipsterstall geworden ist, der sich die frei gewordene Ladenfläche unter den Nagel gerissen hat und der dazu noch aussieht wie alle Hipsterställe von Prenzlauer Berg über Mitte bis Friedrichshain (und bald auch Wedding, wartet nur ab), enttäuscht dann doch. Nichts Neues wächst nach seit Bubble Tea tot ist.

Immerhin: Der Kaffee ist gut.

Und der Kakao zu süß.


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Inspiriert von hier

Spreegold
Schönhauser Ecke Stargarder
Kein Plan, ob die 'ne Webseite haben, ich hab' gar keine Zeit, ich muss jetzt Memory spielen.

Mittwoch, 16. Juli 2014

Unzugehörig (Aufräumarbeiten)


Mit Schminke an Backe und Stirn wanke ich über den Kurfürstendamm. Sie haben mich angemalt. Eingemeindet. Eingenordet. Vor wenigen Minuten ist dieses Land Weltmeister geworden.

Ich bin hier, weil ich Freunde habe, für die das der wichtigste Tag in ihrem Leben ist, an den sie sich den Rest ihres Lebens erinnern werden, Freunde, die beim Abpfiff geweint haben, Freunde, die für ein mittelmäßiges Gehalt in einem Borgwürfel von Bank/Versicherung/Behörde sitzen und sich jeden Tag wieder triezen/gängeln/kleinmachen lassen müssen. Von üblen Kunden, üblen Vorgesetzten, Kollegen auch, Kollegen immer. Doch heute ist ein Freudentag. Heute haben sie gewonnen. Das macht sie glücklich. Ehrlich glücklich. Und das ist kein Witz.

Ich bin tolerant, nachsichtig und sowieso ein guter Freund. Ich feiere mit ihnen, auch wenn mir egal ist, wer so ein Finale gewinnt. Doch das lasse ich mir nicht anmerken. Ich bin wirklich ein guter Freund. Ich tanze mit ihnen, trinke ihre furchtbaren kleinen Feiglinge mit, singe Schalalala und nehme alle in den Arm, die Lust darauf haben, von mir in den Arm genommen zu werden.

Ich habe nicht gewonnen. Ich stand ja nicht auf dem Rasen.

Der Kurfürstendamm brennt. Bengalos, Raketen, Sirenen, Gegröhle. Ein Türke umarmt mich von hinten, nimmt mich in eine Art Schwitzkasten und brüllt mich an, dass "Ihr jetzt Weltmeister!" seid. Ein dicker Bärtiger knutscht mich ab. Sein Bart riecht nach Mettbrötchen mit Zwiebeln, abgestandenem Bier und Puller. Aus dem Inhalt eines solchen Barts können manche eine ganze Mahlzeit zusammenstellen. Für schlechte Zeiten.

Ich bin mir nicht sicher, wie ich das alles hier finden soll. Feiern können sie nicht angemessen, die Deutschen, das fällt mir immer wieder auf, es wirkt so oft so schnell großkotzig, wenn sie sich freuen, so als ziehen sie ihr Wohlbefinden ausschließlich aus der Unterlegenheit anderer. Stille Freude, Understatement, Respekt für den Gegner gar ist den meisten von ihnen fremd. Viel zu oft regiert nur die Schadenfreude. Messi. Wessi. Ossi. Etwa auf diesem Niveau bewegt sich das, mit dem man mich zu Zeiten von Weltmeisterschaften über die Messenger auf dem Smartphone bedenkt. Ich gebe mir Mühe, das lustig zu finden, aber es klappt nicht.

Die deutschen Fußballfans sind im Querschnitt unausgeglichen, denke ich immer, wenn ich sie so sehe. Verlieren sie, versinken sie in Selbstmitleid, kauern auf den Knien, geben dem Schiedsrichter die Schuld, der Deutsche hasst, sowieso werden sie immer gehasst, keiner mag die Deutschen, davon sind sie überzeugt, die ganzen rülpsenden Trikotträger, die mettbrötchenschwitzenden Bockwurstgesichter und die Horden brüllender Teenager aus den prekären Schulen dieser Stadt, die den Grundtenor schon früh in sich aufgesogen haben: Alle sind gegen Deutschland, die Schiedsrichter, die Fifa, die Argentinier, die Italiener sowieso, die Spanier, Griechen, sogar der DFB, die ganze Welt hat nichts besseres zu tun als Deutschland um den gerechten Sieg zu bringen, der ihnen zusteht wie sonst niemandem. Es ist ein armes Land, das immer zu kurz kommt, beherrscht von unterschwelligem Schämen für das eigene Dasein, dessen Wert sie sich immer wieder bestätigen lassen müssen. Magst du mich? Magst du Deutsche? Ja? Bitte sag ja. So wirkt es, wenn die Jubelperser davon schreiben, dass die Brasilianer jetzt für Deutschland jubeln, weil sie die Argentinier hassen oder sie Bilder von tanzenden Türken aus Wedding zeigen, die sich für Deutschland freuen, weil die Türkei nicht qualifiziert ist. An solchen Dingen hängen sie sich auf. Es kommt mir vor wie ein Land ohne gesundes Selbstvertrauen. Ein Mix aus Minderwertigkeitskomplex und wilhelminischer Großschnauze. Abwechselnd. Mal so, mal so. Auf den Knien oder an der Kehle. Allein, gesund klingt das nicht.

Deutschlaaaaand Deutschlaaaaand. Wenn sie gewinnen kippt die Stimmung von der Depression in die Manie. Wieder in die Übertreibung. Die erste Strophe darf es auch wieder sein. Über alles in der Welt. Wäre Deutschland ein Mensch, wäre er ... nun ja ... manisch-depressiv. Egal was sie sagen, egal was sie schreiben: Dieses Land kann nicht locker, es kennt kein Maß. Wenn sie gewinnen, sind sie alle Kaiser Wilhelm und die kleinen Angestellten, Mechatroniker, Sekretärinnen und Reisebüroknechte schauen selig auf eine Leinwand, auf der ihre Kanzlerin sich an eine Mannschaft heranwanzt, von deren Glanz immer schon genug auf sie abfiel, dass es locker für Mehrheiten bei denen gereicht hat, die es nicht besser wissen können.

Natürlich kommt kurz nach dem Triumph sofort wieder die Angeberei. Die Stunde der Aufschneider schlägt. Es ist wie ein Fluch, Bescheidenheit funktioniert hier nicht. Diese Mannschaft wird auf Jahre hin unschlagbar sein, sagen sie jetzt. Drunter geht es nicht. Das haben sie 1990 auch schon gesagt. Rausgekommen ist nichts. Außer dicke Backen. Und danach jede Menge Depression.

Doch morgen wird dieser traurige Abklatsch von Hurrajournalismus wieder schreiben, wie normal sie feiern konnten, die Deutschen, so als wäre diese Tatsache eine Nachricht wert. Diese verdammte Normalität, die sie nicht können. Wie alle anderen zu sein, das wünschen sie sich, das schreiben sie herbei, das ist ihnen wichtig, glücklich strahlende Ährenkranzzöpfe mit Trikolore im Gesicht, junge Wonneproppen mit roten Backen, kerngesunde Blondinen im Trikot, glucksende Babys auf dem Arm, daneben der Migrant, der integrierte, mit der Fahne, gerne Schwarzafrikaner, den man sonst als Schreckgespenst über den Boulevard jagt, weil er mit Booten über die Seegrenze kommt.

Beim Anblick von denen kann die Stimmung schnell kippen. Wie bei Boateng, der nur dann kein Neger mehr ist, wenn er gut spielt. Oder wie bei Özil. Wehe wenn der Messi ihn ausdribbelt. Dann ist aber Schluss mit der Integration. Wie der schon kuckt. Diese Augen. Und die Nationalhymne singt der Türke auch nicht mit. Was glaubt der, wer er ist. Du bist kein Deutscher, brüllt derweil auf dem Kurfürstendamm einer einen Dunkelhäutigen an, der das deutsche Trikot trägt. Dabei ist es sogar ein neues. Das von Götze. Dem Weltmeistermacher. Dem Torschützen. Was aber keine Rolle spielt, denn der da ist kein Deutscher. Er gehört gar nicht dazu.

Normal. So wollen sie sich sehen, doch so sind sie nicht.

Hier auf dem Kurfürstendamm werfen sie gerne Polenböller in Menschengruppen, erfreuen sich an den kreischend auseinander springenden Frauen, feuern Raketen waagerecht ab, Leuchtspurmunition auch, und giggeln, wenn es jemanden am Bein trifft. Die Tasche irgendeines bedauernswerten Honks geht in Flammen auf, als jemand ein brennendes Bengalo auf sie wirft, Glas geht zu Bruch, Bierflaschen auf Asphalt machen einen Scherbenteppich, friedlich ist das nicht, entspannt schon gar nicht und mit Leichtigkeit hat das auch nichts zu tun, denn die Luft geht mit der Gewalt schwanger. Dieses Land trägt schwer an sich selbst. Und in den Seitenstraßen steht die Hundertschaft. Weil sie weiß, wie das hier enden kann. Pappenheimer und so.

Ich fahre nach Hause. Der Freundschaftsdienste ist genüge getan. In wenigen Stunden muss ich arbeiten. Ich werde funktionieren wie jeder hier im Land. Im Funktionieren sind wir alle Weltmeister und weil Funktionieren alleine auf Dauer nicht ausreicht, gibt es ab und zu etwas für die Seele: Mallotze. Schinkenstraße. Micky Krause. Helene Fischer. Meisterschaft. Bratwurst. Winkelemente. Und unsere Kanzlerin in der Umkleide mit den Jungs. Wie volksnah sie ist. Schau mal.

Da die BVG nicht mitmachen mag beim Funktionieren, was sie fast schon wieder sympathisch macht, ist der Bahnsteig überfüllt wie sonst nur bei der Berliner S-Bahn. Und hier holt mich dann gleich wieder die harte Realität ein: Der Ellenbogen. Das Unentspannte. Die Verkrampftheit. Die dumpfe körperliche Gewalt. Sie lassen die Leute nicht aussteigen, sie stoßen Schwächere beiseite, sie drängeln, schubsen, pöbeln. Die U-Bahn ist überfüllt, ein paar Trikolorehooligans mit absurd großen Fußballmützen rennen mit Anlauf in die Menschenmasse im Wagen, einer Frau fällt die Handtasche auf den Boden, irgendwem eine Brille. Komm rinn, Altaaa, dit passt noch, dit passt noch, und noch ein Schwinger, einen in die Nieren, sie sind sich alle selbst die nächsten. So ist das hier. So kennt man das.

Dieses Land ist Weltmeister. Davon werden sie wieder einige Jahre zehren können, jene, denen das Leben sonst wenige Siege schenkt, vier Touchdowns in einem Spiel für Polk High, sie werden sich daran festhalten können, wenn die Welt wieder grau wird, an ihren Arbeitsplätzen, an ihren Werkbänken, hinterm Informationstresen, beim Kehren des Bahnsteigs, beim Stempeln des Formulars, in Uniform, im Anzug, im Blaumann, vor dem Lohnsteuerjahresausgleich, nach dem Ausstechen an der Uhr - während ihnen andere von Gürteln erzählen, die leider mal wieder enger geschnallt werden müssen. Denn nach der Krise ist vor der Krise. Und wenn sie das nächste Mal nur Zweiter werden, ist bestimmt der Schiri schuld. Der italienische. Der Sauhund.

Ich nehme einen Schluck von meinem Wegbier, das mich unsichtbar macht, weil alle eines haben. Das lenkt davon ab, dass ich kein Trikot trage und auch keine Fahne als Superman-Umhang, hier in Berlin-Gesundbrunnen, wo ich stehe, weil die S-Bahn beschlossen hat, jetzt nicht mehr weiter zu fahren. Ich muss kurz lachen, denn auch ein Weltmeistertitel nebst einer Stadt im Ausnahmezustand hält die gnadenlos kaputtgesparte S-Bahn offenbar nicht davon ab, sich, ihre Linien und vor allem ihren Fahrplan zu verstümmeln. Der Anspruch an sich selbst ist hier keiner mehr. Berlin als unperfekte Hauptstadt einer perfektionistischen Nation. Das hässliche Kind. Die Mutation. Ich finde das manchmal ganz gut, auch wenn mich die Folgen der Vernachlässigung treffen wie jetzt, wenn ich nach Hause laufen muss, weil nichts mehr fährt und kein Taxi zu bekommen ist.

Am Alexanderplatz zündet jemand Feuerwerk, sehe ich von der Behmstraßenbrücke aus, über die mich mein erzwungener Spaziergang nach Prenzlauer Berg führt. Hier ist es friedlich, hier sind sie noch nicht, die umgekippten Mülleimer, die Seen aus Kotze, die Scherben tausender Bierflaschen, die Häme. Ich atme noch einmal durch. Im Player läuft Nick Cave. Die Luft ist frisch. Es hat geregnet. Sie sind Weltmeister.



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Tribute

Dienstag, 15. Juli 2014

Und jetzt abschmücken bitte ...


... und zurück damit in die Abstellkammer, in der bereits die Leucht- und Blinkelemente für Weihnachten auf ihren Einsatz im Oktober warten.