Sonntag, 25. September 2016

Abgetakelt



Yolo Piraten. Better call the Hypertoniedoktor. 1,7%. Vom Hoffnungsträger zum Splitter. Doch lasst mal nicht den Wuschelkopf hängen. Die Linke nimmt euch gerne. Oder die SPD. Zur Not eben Springer. Oder wenn gar nichts mehr geht, geht irgendeine dubiose Stiftung. Sorry Jan Schrecker, der Wahlkampf war aufopferungsvoll, tapfer, all in, full force, mit dem Mut der Verzweiflung, nur von Beginn an sinnlos. Zu kaputt ist der Ruf. Von innen heraus von kompromisslos eitlen Selbstdarstellern, die jetzt schnell auf ein anderes Pferd steigen, runtergerockt und von außen erst hochgejazzt und dann in einer Gnadenlosigkeit runtergeschrieben, wie es einheimische Journalisten stets nur mit der Opposition machen. Jetzt ernten die, die euch so lustvoll abgefrühstückt und jedem Spinner sein Podium gegeben haben, eine ganz andere Opposition als euch. Jetzt kriegen sie die AfD. Das Kroppzeug haben sie vermutlich nicht wollen, doch sie haben es bekommen, nachdem alles, was in den letzten Jahren so an vorzeigbarer und aufrichtiger Opposition aufgetreten ist, entweder in die Linie assimiliert oder in Grund und Boden geschrieben wurde. 

Jetzt haben sie die AfD bekommen. Nur das mit dem Runterschreiben klappt bei denen nicht so gut wie bei euch, Piraten. Woran liegt das? Es ist wie ein Fluch: Je mehr sie sich mühen, desto mehr fährt Rechts ein. Euch haben sie in ein paar Monaten mühelos filetiert, die Reputation ins Klo gespült, ein paar Sprallos mit Reisigzweigen über den Hof gejagt, die Ponaders, die Lauers, die Schramms, Höfinghoffs vorgeführt, ausgeschlachtet, verbrannt auf ewig, Skandälchen, skurrile Hinterbänkler, rhetorisch unbegabte Stotterer vor Heute Show-Mikrofonen, Streit zwischen irgendwem über irgendwas auf Titelseiten, das übliche Programm. Toilette auf. Piraten rein. Spülen.

Und die Gestalten, die Ihr in die Verantwortung geschickt habt, haben sich bereitwillig filetieren, vorführen und zuletzt wie Konkursmasse aufkaufen lassen. Mal kurz mit den Titten Bomber Harris danken, einer sterbenden Partei damit medial den Rest geben und jetzt auf dem Ticket der Linken ins Abgeordnetenhaus surfen. Oh, ich habe mein Pferd abgestochen? Egal, hier ist doch ein neues. Nehm' ich halt das.

Das war das Kapitel Piraten. Wenn das jetzt mal nicht der letzte Versuch progressiver, aufrichtiger, kluger und trotzdem nicht an die Verhältnisse angepasste Opposition gewesen war. Denn jetzt marschiert Rechts in die Plenarsäle. Mit Wucht, dem Rückenwind der Chauvinisten und flankiert von den Abgehängten, denen nichts anderes mehr einfällt. Vermutlich hat sich schon mehr als ein Chefredakteur inzwischen die lichten Haare gerauft, dass sie mit euch Piraten nicht so nachsichtig wie mit der Regierung waren. Opposition ist heute rechts. Und Rechts scheißt auf den eigenen Ruf. Es ist wie mit Trump. Jeder Bericht über Unvermögen, billige Provos vom Grabbeltisch, bizarre Statements zu bizarren Themen, skurrile Hinterbänkler, jeder rhetorisch unbegabte Stotterer vor Heute Show-Mikrofonen feuert die Anhängerschaft noch an. Hauptsache gegen die Etablierten, zu denen inzwischen auch die Linken gezählt werden. So ist das. Ein echter Fluch. Hey Hauptstadtjournalisten, Ihr werdet euch die Piraten noch zurück wünschen.

Normalerweise würde ich mir eher aus den alten Socken des S-Bahn-Sprittis, der in seiner eigenen Scheiße liegend besoffen über den Ring fährt, einen Tee brauen als Wahlwerbung von Parteivertretern anzunehmen. Ich nehme nichts. Ich schaue Parteigänger nicht mal an, wenn sie da unter ihren Schirmen stehen und ihre phrasenstrotzenden Faltblätter loswerden wollen. Nehm' ich nicht. Will ich nicht. Wenn ich einen Grill anzünden will, nehm' ich einen Grillanzünder. Nur bei den Piraten habe ich eine Ausnahme gemacht. Weil mir der Zettelverteiler auf der Frankfurter Allee so leid tat.


Gelesen habe ich den Wisch nicht. Kam nicht dazu. Ich wähle ja eh nicht. Ich hatte nur Mitleid, weil keiner die Piratenzeitung wollte und sich der freundliche Pirat so sehr mühte. Schade, wenn nur pures Mitleid bleibt. Mit allem. Mit dem Ganzen. Die eine Legislaturperiode dauernde Geschichte der Piraten ist an Tragik kaum zu überbieten. Pulverisiert. Ausgeknockt. Plattgemacht. Was jetzt noch bleibt, ist Boulevard und Polizeireport, Sackkarren und ein schales Gefühl. Viel Spaß mit der AfD.


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Lesen Sie doch mal Kompa.

Samstag, 24. September 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 24. September 2016



Ist Ihnen schon einmal eine Mehltüte in der Sporttasche geplatzt? Nein? Da können Sie aber froh sein.

Soweit zu meinen Problemen. Ich beginne zunächst wieder einmal mit ein wenig Starthilfe: A Guy Called Classic. Neues Blog. Ganz frisch. Mit Käseschmiere in den Speckfältchen. Finde ich gut. Verlinke ich am Liebsten. Ich verstehe Blogger nicht, die ständig Spiegel Online, fefe, Kraftdingsdawerk und die üblichen werbevollgepflasterten Silberrücken verlinken, die sowieso schon genug Klicks haben. Doch vielleicht muss das so sein. Menschen orientieren sich oft lieber nach oben, seltener nach unten. Ich versuche es umgekehrt. Oft die Kleinen, möglichst selten die Großen. Bitte sehr. A Guy Called Classic. Sogar mit Blogroll. Es wirkt thematisch noch nicht so ganz gefestigt, selbst fasst er sein Schaffen als Stil und Popkultur zusammen. Das Ganze wirkt ein wenig unsicher noch, doch das wird schon und ist immer so am Anfang. Ich bin guter Dinge. Klicken Sie. Die Alten haben genug Leser. Lesen Sie mal was Neues. Bei Feedly - einem recht guten Indikator für die Reichweite von Blogs - hat der nur einen Abonnenten bisher und das bin ich. Das ist schade. Wir sollten das ändern.

(Kein Diss? Doch, klar, hier: Süß ist, dass er denkt, dass die Zugriffe aus dem Ausland auf seinen Blog tatsächlich Leser sind, die sich mit seinem Zeug beschäftigen. Mein Lieber, das sind nur Bots, Crawler und Robots, wenn man von dem einen armen Bolivianer absieht, den Google auf Basis einer absurden Suchkombination auf dein Blog geschickt hat, auf dem er kein Wort versteht, weswegen er schnell weiter zu Pornhub zieht, um sich ein paar Milfs reinzuziehen, die sich mit Sahne einreiben. Sollte ich hiermit im Übrigen wieder einmal Trolle auf den Weg zu neuen Ufern schicken, bitte ich um Nachsicht dafür, die ziehe ich hinter mir her wie ein Hochzeitsauto die Klapperdosen. Do not feed und so, kennze ja...)

Jetzt noch kurz zu einem Kommentar aus den Kommentaren: "Mal darüber nachgedacht, die "Gesammelten Kiezneurosen" zu veröffentlichen?"

Ich verstehe die Frage nicht. Sie sind doch veröffentlicht.

Für neu Hinzugekommene: Zum Thema Buch habe ich schon vor drei Jahren alles gesagt. Das gilt immer noch. Wenn Sie ein Buch haben wollen, machen Sie sich selbst eins aus dem Ding hier. Ich möchte nicht.

Die Links. Read this:


Das mag altmodisch sein, aber ich habe kein Problem damit, dass von meinen Steuern und Beiträgen diejenigen mitgezogen werden, die es aus irgendwelchen Gründen nicht bringen. Das Falsche studiert, krank, alt, Lebenskünstler, meinetwegen auch kein Bock auf Robotten. Ist mir egal. Mache ich gerne. Es ist gut angelegtes Steuergeld, wenn jemand davon satt wird, auch mal ins Kino gehen oder sich eine feine Flasche Bier aufmachen kann. Kein Problem. Finde ich gut. Ziehe ich mit. Geht klar. Nicht gut angelegt ist mein Steuergeld für die Apanage von obskuren politschranzigen Figuren wie diese Nahles. Selber nie produktiv gewesen. Nie etwas hergestellt, das gebraucht wird. Vermutlich auch noch nie geschwitzt. Aber das Maul aufreißen. Ein Leben für die Quasselei, am liebsten über die Faulheit anderer. Immer gerne funktionskonform Leute am schikanieren. Gängeln. Antreiben. Dabei hat sie sich selbst leistungslos von einem Parteiapparat auf einen Schild heben lassen, wofür sie den Gegenwert von locker 20 Hartz IV-Empfängern einsteckt. Mit einer Pensionsberechtigung, auf die ich mit meinem Vollzeitjob auch dann nicht komme, wenn ich mit 80 noch 20 Jahre dranhänge. Nahles. Ihre Maxime ist die alte Leier: Sich selbst den Pool mit Bordeaux füllen und anderen noch das Glas mit abgestandenem Wasser missgönnen (Zitat aus den Kommentaren des verlinkten Texts). Und ich muss für ihr üppiges Auskommen zahlen. Ihr Leben lang. So etwas wurmt mich.

Die Texte von Don Alphonso in letzter Zeit lassen sich mit zwei kleinen Sätzen ganz einfach zusammenfassen: 'Ich hab' Geld und Ihr nicht. Muhahaha.' Trollolo aus dem Eigenheim. Dennoch nett zu lesen. Trotz Attitüde. Ich verlinke den eigentlich nur noch, weil er die dauerempörte Genderilla immer so schön beiläufig grillt. (Oh ich darf Don Alphonso nicht verlinken, weil ... öh ... bitte was ... Nazi? Wie schade, schon passiert. Sind aber auch viele Nazis unterwegs gerade, meine Güte, man sieht gar nicht mehr durch.)

Neuer Trend beim Bloggen: Self-Trolling. Die weißen Tauben alten Trolle sind müde geworden. Oder alle bei Facebook.

Auf derlei Liedgut kann gar nicht genug Schmutz geworfen werden.

Impf den Pimpf. Döp Döp Döp Dö Dö Döp Döp Döp.

WTF? Ich will nicht nach Suhl.

Neue KunstspaziergängeCafeteria
Dekonstruktion. Hab' ich das etwa wieder mit meinen Steuern bezahlt? Naja, besser das als die Nahles.

Das Manifest des ErbrechensUmadumwärngln
Der noch kleinere, verschissene Wichser. Mit Eber-Content.

Zuverlässiger Zulieferer von Scheißecontent ist wie immer Schirrmi. Sie bloggen und brauchen Klicks? Berichten Sie von Ihrem Stuhlgang und Sie landen hier. Schirrmi kennt das.

Rückseite der ReeperbahnDie schlechtesten Cover ALLER Zeiten (2)
Scheißcover! Kackwurst!

Er hat es gemacht! Fucking Scheiß Kohlrabi! Orrrr wat is der hässlich. Und diese Tomate erst.

Arthurs Tochter kochtFlammendes Inferno
Flammkuchen. Schiefjejangen.

Und zuletzt habe ich doch endlich mal wieder gekocht. Das da, geil:


Gebacken auch, der Wahnsinn, hier:

Experimente aus meiner KücheCremiger New York Cheesecake
Ist nix geworden. Die falschen Kekse verbacken. Och. Kuck ma. Stroopwafel. Geht doch bestimmt auch. Nein. Geht nicht. Mein Boden war steinhart. Hammer. Meißel. Scheiße.

Donnerstag, 22. September 2016

Epilog: Touristensuff


Was könnte ich aus Bayern mitbringen? Leberkäse? Wird schlecht bei dem Wetter. Lederhose? Ja klar. Wenn mich mal wieder jemand in den KitKatClub schleppt. Gamshut? Sicher. Und dann glotze ich aus dem Fenster und schreibe Falschparker auf. Oder zeige den Späti an, weil der Sonntags Klopapier verkauft. Oder ich hole Fahrradnazis mit dem Spazierstock von den Rädern. Nein. Es ist Suff. Es ist immer Suff. Ich bringe immer Suff mit. Was sonst? Sie saufen im Bayerischen Wald gerne Bärwurz. Glaubt man Einheimischen wie meiner Wirtin, dann schmeckt der wie in Ammoniak ausgelassene Tannenzapfen mit einem Schuß Achselnässe vom letzten Halbmarathon und einer Prise geraspelter Fußballenhornhaut von der Oma. Uargh.

Ich habe dann doch was gekauft, nachdem ich mich durch Busladungen von Holländern zur Kasse durchgekämpft habe: Lustige Liköre, lustige Geiste, lustige Kräuter. Optisch toll zum in den Schrank stellen und dort vergammeln lassen. Der lustige Papa als harter Schnaps, die lustige Mama als pappsüße Zuckerbrühe. Und die Genderilla tanzt den Mussolini. Mama. Papa. Dunkler Anzug. Rosa Dirndl. Die Höhe.


Nur schmecken tut der Scheiß nicht. Der Papa wie eine Mischung aus Nagellackentferner und Brandblasensekret, die Mama wie Rosenwasser mit Himbeersirup und einem Eimer Rohrzucker. Grässlich. Wenigstens blieb der Bärwurz im Regal. Den stell ich nach dem nächsten Halbmarathon selber her. Aus meinen Laufsocken.

Wenn Sie auch mal wollen (tun Sie es nicht), hier gibt's den Kram:

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Bärwurzerei Hieke Zwiesel
Frauenauer Str. 82

Mittwoch, 21. September 2016

Wait .. what ... Waldwipfelweg?



Ideen haben die hier, von denen ich nicht weiß, ob ich sie gut finde. Ein Waldwipfelweg. Ein Weg im Wipfel vom Wald. Quasi ein Steg, weit oben, höher als ich erwartet habe.

Hässlich, deplatziert und unpassend steht das Ding in der Landschaft. Doch an meinem letzten Tag in Bayern mit einer Aussicht zum gläubig werden. Obwohl, nein, das nicht. Das nie.

Ganz oben auf einer Plattform schwankt das Getüm immer wieder in Intervallen auf seinen dünnen Betonstelen wie ein Schiff umher, nur in 20/25/30/weißichdochnicht Metern Höhe. Wenn das passiert, werden braungebrannte Schnepfen hinter ihren Ray-Ban-Sonnenbrillen kalkweiß im Gesicht und bierselige Rotgesichter plötzlich ganz still. Und mein Kind lacht.


Der Aussicht folgt auf festem Boden ein Naturquizpfad, auf dem ich intellektuell völlig einbreche (ich weiß keine Antwort, gar nichts, dem Kind geht es nicht anders, Berliner Bildung, was will man machen), und ein Pfad mit optischen Illusionen, die mir genau so auch schon mal in einem Physikbuch begegnet sind. Langweilig. Ich hatte in Physik eine Fünf. Ich habe Physik abgewählt. Physik geht mir auf die Nerven. Ich kann kein Physik. Physiker sind mir suspekt.

Am Eingang, am Ausgang, auf den Wegen und auch sonst an irgendwelchen Büdchen lässt mich noch ein letztes Mal die unglaubliche Freundlichkeit des ganzen Umfelds aus allen Wolken fallen. Die sind alle wirklich gerne hier im Bayerischen Wald. Die freuen sich alle. Hackebeilchen Hackebeilchen. Ab morgen schon weht der Wind wieder anders. There will be blood. Berlin. Es wird brutal werden. Sehr brutal.



Dienstag, 20. September 2016

Und drüben am See wacht der Seitenscheitel


Großer Arbersee. Jetzt wird’s national. Wie im Rest vom Land. Berlin-Blankenfelde. Mecklenburg-Vorpommern. Bautzen. Sie sind wieder wer. Nationalismus ist Pop. Und hier begegne ich seinen Wurzeln. Eine Institution namens Deutsche Wacht hat hier ein Denkmal mit Stahlhelm obendrauf und trompetet in schnarrendem Fraktur: "Was deutsch ist, soll deutsch bleiben."


Armer Seitenscheitel. Schlesien gehört jetzt Polen, denn wer verliert, der hat verloren. Versuch' es doch noch einmal und Magdeburg wird bald Grenzstadt sein. An einem Dreiländereck. Zwischen Polen, Dänemark und Frankreich. Tschingderassabum.

Egal. Was scheren mich Nazis… ich bin jetzt schon eine Woche in Bayern unterwegs und noch nicht einmal geneppt worden. Jetzt wird es aber Zeit: Großer Arbersee. Parken für 10 Minuten, um mal kurz den See anzuglotzen: 2 Euro. Eine kleine blaue Lidl-Saskia-Quelle-Scheißbillig-Mineralwasserflasche: 2 Euro + 50 Cent Pfand. Eine irrwitzig kleine Waffel mit irrwitzig wenig fürchterlichem Softeis, das nach irrwitzig fettigem Sahnemus schmeckt: 2 Euro. Eine halbe Stunde Tretboot: 7,50 Euro + 2,50 Euro Pfand. Warum Pfand? Glaubt der, dass die Leute ein Tretboot klauen und über die Berge nach Tschechien tragen? Oder spekuliert der auf die vielen Holländer hier, die das Pfand beim Aussteigen vergessen werden oder es erst gar nicht begriffen haben?

Und überhaupt: Die Mülleimer haben sie sich hier auch gleich gespart, denn die müssten sie ja leeren. Wat dat kost. Und weil sie darauf so stolz sind, weisen sie auf diesen Umstand auch gleich auf unzähligen Klappschildern hin: "Naturschutzgebiet! Wir haben deshalb keine Mülleimer. Nehmen Sie ihren Müll wieder mit." Versteh ick nicht. Naturschutz wäre es, Mülleimer aufzustellen, damit die Leute die Verpackung von dem ganzen überteuerten Souvenirschrott, der hier an arme Irre vertickt wird, nicht umher schmeißen, was sie nämlich tun, wenn es keine Mülleimer gibt. Doof. Alle doof. Doch was rege ich mich auf. Das Panorama des Sees vor dem Berg ist kitschpostkartenlike.

Ich sah eine Gaststätte mit Blick auf den See und habe sie kurz angedacht. Doch nein. Bitte nein. Lass stecken. Ich habe zwar Hunger, doch ich esse hier nix. Ich habe gelernt. Do not eat at Sightseeing Shit. Ich fühle mich für heute schon genug ausgelutscht. Nichts wie weg hier.

Was braucht es noch? Fotopuristen trollen. Es braucht mehr Scheißkameraknipsebilder:












Montag, 19. September 2016

Wickeln auf Damenklos



"Eine Stadt, die es zulässt, dass ein Irrlicht mit Format, Namen und Charisma eines Jürgen Andreas Klaus Michael Müller zu ihrem Bürgermeister gewählt wird, hat den Zustand verdient, in dem sie sich befindet."
Mark Twain

"Jede Aussage im Internet klingt irgendwie besser, wenn ich sie in Anführungszeichen setze und Mark Twain als Zitat zuschreibe."
Konrad Adenauer


Ich bin heute in einem kleinen vernachlässigten Tierpark irgendwo zwischen Bergen. Ganz nett. Wie Hamster. Hamster sind auch nett. Meerschweinchen auch. Nett ist auch der Streichelzoo, obwohl das alles nicht gesund sein kann, denn jeder Zwerg, der hier vorbeiläuft, stopft die Viecher mit dem Fertigfutter vom Eingang voll, so dass die entweder alle hochschwanger sind oder schlicht fett.


Weniger schön ist das Gelände für Menschen, die mit Kinderwagen unterwegs sind. Ohne SUV-Prenzlauer Berg-Geländebuggy mit Allrad und Überrollbügel ist da wenig zu machen, das ist schon fast ein Almaufstieg, den Zwerg in der Armbeuge verkeilt und den Kinderwagen hinter sich herzerrend über Kiesel, Stock und Steine holpernd.

Dafür fällt mir hier etwas auf, was mir sehr oft begegnet und als Mann stets vor große Probleme stellt:


Warum ist es so? Warum sind die Wickeltische in Restaurants, öffentlichen Einrichtungen oder Ämtern, nicht nur in Bayern, meistens, fast immer, in manchen Gegenden sogar ausnahmslos immer auf dem Damenklo? Was machen Sie da als Mensch mit Penis, wenn Sie das Kind wickeln wollen? Na klar, entweder draußen auf dem Bodes des Flurs für alle Beteiligten rückenplagend wickeln oder rauf aufs gottverdammte Damenklo und jede mondgesichtige Schnepfe mit Aschenbecherbodenbrille, Hakennase und Achselnässe, die reinkommt, glotzt Sie an als würden Sie sie gleich hier auf dem Wickeltisch final entjungfern wollen und haut Sätze raus wie "Hallo? Was machen Sie denn hier drin?" Meine Güte, wonach sieht's denn aus? Ich will von dir doch gar nichts, schon gar nicht dir beim Pissen zukucken. Ich will nur wickeln.

Sonst? Nicht viel zu sehen. Ich sehe einen räudigen Wolf, ein Rentier mit Fetzenfell, eine Hirschkuh und zwei Elche. Der Rest war unabkömmlich. No Luchs. No Dachs. No Irgendwas. Alle am Schlafen. Oder beim Ficken. Keine Ahnung.


Natürlich haben sie auch naturpädagogischen Firlefanz an jeder Ecke, der mich schon auf der Klassenfahrt meiner zugrunde gerockten Problembezirksschule nicht interessiert hat und es auch heute nicht tut. Ich kann Tannenzapfen nicht leiden und es ist mir auch egal, ob der Tannenzapfen ein Fichtenzapfen ist.

Nicht so zwei leider noch nicht pubertierende Streberinnen mit Kniestrümpfen und Zöpfen. Sie versuchen in einem heiligernsten Wettstreit, alle Zapfen und Eckern und sonstigen Samenelemente den richtigen Baumblättern in der schon leicht vergilbten Schautafel zuzuordnen. Und ihre mit ihrer Kreissägenstimme jede Akustik verseuchende Lehrerin klatscht in die Hände und tanzt einen Veitstanz vor Stolz. Möök. Platz da für die Jugend. Ich überlege, ihnen die Anleitung für einen Molotow-Cocktail zuzustecken. Leider ist kein Blatt Papier greifbar.


Günstig sind sie hier. Fällt mir sowieso auf. Bayern ist ganz schön günstig so draußen auf dem Land. Fünf Euro rufen sie ab. Das ist nett. Hamster sind auch nett. Meerschweinchen auch. Ich will ein Bier.


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Bayerwald Tierpark
Schwarzenbacher Straße 1A
93470 Lohberg

Sonntag, 18. September 2016

Dampfbräu



War er denn auch essen in Bayern? War er. Dampfbräu. Zwiesel. Am Stadtplatz. Im Internet steht, dass Sie dort im Umkreis von 20 Kilometern am Besten essen können. Diese Aussage werde ich relativieren.

Auf Touristenfaltblättern dürften sie so ein Lokal wohl urig und den Koch und gleichzeitigen Wirt ein Original nennen. Jeder, der aussieht als käme er nicht von hier, erhält eine Runde flockiges Gepöbel um die Ohren gehauen. Hier nennen sie es Granteln. Sie müssen entsprechend kontern, dann freuen sich alle. Es ist wie immer: Kontern können viele nicht und nehmen übel. Der Typ grantelt auch seine Servicekraft an - in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Bomborrrombombrrrrommbom. Da ist es wieder. Schön.

Sie sind hier mit ihrem Essen sehr schnell und da sind wir beim Problem. Zu schnell ist mir das Essen auf dem Tisch. Keine fünf Minuten. Nur meine furchtbare Kantine im Borgwürfel ist schneller. Was beim sensationell guten Dampfbiergulasch noch angehen mag - das wird umso besser je länger es durchzieht, es ist somit schon lange fertig und sie machen es schnell warm, insofern kein Problem, wird bei Kartoffeln, Knödeln und Co. schnell zwielichtig. Und der bestellte Braten war lau. Und trocken. Öde. Sicher kann der bei fast leerem Lokal nicht frisch aus dem Ofen kommen, doch er war eben lau. Ein wenig mehr Mikrowellen hätten es dann doch sein können. Wobei das bei einem trockenen Braten auch nicht mehr hilft.

Der Knaller wurde als Beilage zum Braten serviert und schwamm in einer übertrieben reichlichen, wenn auch geschmacklich guten Soße: Ein toxisch gelber Fertig-Gummiknödel. Machen Sie mir da nichts vor, ich kenne mich aus, bei Knödeln bin ich empfindlich, nee, wirklich, das muss doch nicht ... warum denn sowas ... ich kenne diese Dinger so verdammt gut, sie bildeten neben Pfanni-Kartoffelpüreepulver, Tiefkühlpizzen, Dosenravioli und Eröffnungsangebotedöner den Grundstock meiner Ernährung in sehr schlechten Zeiten. Deswegen kann ich das Zeug heute nicht mehr sehen und möchte jedes Mal wegrennen, wenn es mir einer im Restaurant vorsetzt. Schade. In Bayern essen Sie in weiten Teilen sehr gut, herausragend, tolle Küche über weite Landstriche, ich kann das gar nicht alles wiedergeben ohne alle Rahmen zu sprengen. Doch hier war's nix.


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Ein Link für Zwischendurch. Ein Grauen namens Wahlkampf geht zu Ende. Heute wählen sie in Berlin. Bevor er sich nach Wandlitz verpisst, schreibt der da kurz noch das, was dazu geschrieben werden muss. Klicken Sie doch mal rüber. Ich habe zum Thema nichts beizutragen. Ich wähle nicht.


Samstag, 17. September 2016

Großer Arber


"Großer Arber? Ist das ein Berg?"

Die Wirtin lacht. "Freili. De Grrrrössde hie."


An der Seilbahn überfällt mich erneut die Berliner Paranoia, die ich nach den paar Tagen Bayern in der mir gegebenen Fahrlässigkeit für überwunden hielt. Ein Kinderwagen ist am Start. Ein paar Bayern wollen ihn haben, um ihn in die Seilbahn zu heben, damit ich das nicht alleine machen muss. Ein kurzes Zucken meines Augenlids. Sie wollen was. Den Kinderwagen. Was planen die? Doch ich entspanne mich. In der Hauptstadt würde ich niemandem das Kind, den Kinderwagen oder sogar das Kind im Kinderwagen in die Hand geben. Sie würden alles zusammen vermutlich umgehend nach Usbekistan verkaufen, darin das frisch gekochte Meth von der Weddinger Vertickerwohnung zum Görli fahren oder sogar - und das wäre wirklich das Schlimmste von allem - einem Politiker zum Knuddeln auf weichgezeichneten Wahlplakaten zur Verfügung stellen.

Hier kein Problem. Ich gebe das Kind her. Locker. Hier geht das klar. Hier ist ja Bayern. "Vie Frrreid!" wünschen sie mir noch in die Seilbahn hinterher und lachen. Meine Güte, was sind die alle freundlich hier. Was für ein Aufriss. Das muss doch übelst anstrengend sein. Und dabei spekulieren sie noch gar nicht mal auf Trinkgeld oder wollen irgendwas verkaufen. Andrehen. Mich übervorteilen. Zocken. Zecken. Nix. Einfach. Nur. Freundlich. Was werde ich psychisch eingelullt sein, wenn ich nach Berlin zurückkomme. Sie werden mich schon bei der Einfahrt nach Wedding kurz vor der Seestraße abrippen. Filetieren. Auffressen. Und die Reste in die Spree auskacken, auf die dann ein besoffener norwegischer Tourist pisst, bevor er sich übergibt.


Oben an der Bergstation hilft mir eine Oma, ohne dass ich danach gefragt habe, den Kinderwagen den wirklich sehr steilen Weg hoch Richtung Gipfel zu schieben und entschuldigt sich auf der Hälfte des Weges dafür, dass sie nicht mehr kann. "I ko nimma. Dud ma loid." Tut. Mir. Leid. Haut die raus. Weil sie es nicht geschafft hat, mir noch mehr zu helfen. In dem Alter. Was ist hier los? Wieso sind die so? Ich geh' am Stock. Das macht mich kaputt. Ich glaube, ich bleibe einfach hier, auf diesem schönen Berg mit seiner fantastischen Aussicht, nehme mir ein Bier, baue mir einen Spliff (nee, lieber nicht, hier ist Bayern, die mögen hier keine Kiffer) und chille im Reinen mit meiner Umwelt dumpf vor mich hin, denn ich werde sowieso unreintegrierbar sein in der Hauptstadt der schlecht gelaunten Ellenbogen, der Arschlochrentner, der Fahrradnazis, der S-Bahn-Rotzer und der durch mein Treppenhaus geiernden illustren Immobilieninvestoren, diese ganze toxische Suppe unter der Regide dieses Dilettanten, den sie dort Bürgermeister nennen und der tatsächlich die Chuzpe besitzt, sich nach fünfzehn Jahren in einer ganzen Reihe verantwortlicher Positionen im Apparat zur Wahl zu stellen, obwohl er eigentlich geteert und gefedert auf eine Eisenbahnschiene gesetzt und aus der Stadt getragen gehört. Meine Güte. Eine knappe Woche noch bis Berlin. Da wird niemand mehr nett sein ohne Geld von mir zu wollen. Ohne irgendwas von mir zu wollen. Geld. Stolz. Meine Seele. Da falle ich emotional, nervlich, moralisch und verhaltenstherapeutisch in ein Loch. Oder besser: Ich falle in einen kapitalen Meteoritenkrater. In einen großen invertierten Arber quasi.

Ich und Bayern. Es könnte schlimmer stehen. Ich könnte in Bautzen sein. Grosny. Tripolis. Oder in Reutlingen. Doch ich bin in Bayern. Toll. Immer noch. Krasse Leute. Überall. Sehr unterschätzt. Auch hier auf dem Gipfel. Nur echt mit Gipfelkreuz. Luja.


Freitag, 16. September 2016

Barrrommmobbarrrambam



Ich muss mal wieder tanken. Diese Bergefahrerei lässt mein armes Stadtauto, das ich im zweiten Gang mit 60 die Steigungen hochjagen muss, Benzin schlucken wie ein Spritti seinen Stoff in der Berliner S-Bahn. Gluck. Gluck. Benzin weg. Kuckste blöd.

Wieder so eine 80er-Jahre-Tankstelle. Kein grelles Licht. Keine Deppenreklame. Kein Schinken-Käse-Croissant. Dafür an der Kasse der übliche Opa. Ein Kunde vor mir. Es folgt ein Dialog.

"Brrroschborrrrobobobrrratscha"

"Äschbadarrrdaraschboboschodorrr"

"Ha! Rrrraschdaba!"

"Naaaaa! Hoischtoiba!"

"Ha! Servus Servus!"

"Servus Servus!"

Krass. Ich nix versteh. Ich doch nur Polen. Morgen andere Baustelle.

Jetzt bin ich dran. Jedoch das Telefon klingelt.

"Brrrambamschescheterrrrapdaba? Hoschtmibrrroibombolombom. Brrrroinoiboloi. Rrrrooaaaarn! Naaaaaaaa. Maaaaarrrri. Wurrrrrrscht! Servus Servus!"

Klick. Aufgelegt. Krass. Hat der den Anrufer ganz schön zur Sau gemacht. Oder auch nicht. Keine Ahnung. Nix verstanden.

"Guten Tag, die 2 bitte."

"Pfutschikbrrrrombarrrombombom."

"Mit Karte bitte."

"Barrrommmobbarrrambam."

"Danke. Schüss."

"Servus Servus!"

Klasse. Lokalkolorit. Gefällt. Servus Servus!


Donnerstag, 15. September 2016

Verarsch mich doch (33) - Bayern Edition und Nanny-Content


Der Schein, der Schein, der so schöne Schein. Und ich fall' schon wieder drauf rein. Ich bin der, der alles glaubt. Erzählen Sie mir irgendwas, pappen Sie Luftschlösser auf Hochglanzpapier, ich glaub' das, ich glaub' alles. Verarschen Sie mich doch. Bitte. Ich brauch' das.

50 zahme Tiere zum Anfassen hieß es marktschreierisch auf dem Flyer. Flankiert von Farben. Rot. Gelb. 50 Tiere. Zum Anfassen. Für umme. Für lau. Für nüscht. Spitze. Ich muss da hin. Das Kind liebt Tiere.

Vor Ort stehen dann zwei Esel und zwei Ziegen auf einer vernachlässigten Weide herum und das war es dann. Sonst nichts zu sehen. Ich will Futter kaufen, um sie anzulocken, weil das Gehege nicht zu betreten ist, doch der Futterautomat ist kaputt. Irgendwann erbarmt sich eine Ziege, als ich eine Stulle auspacke, frisst ein wenig Brotrinde und geht wieder. Mit Streichelzoo, den sie da so vollmundig auf Flyern suggerieren, hat das nicht viel zu tun. Desillusion. Vollständig. Bei mir und Kind. Vermutlich wollen sie Leute in die Gastronomie dieser Ödnis locken. Hat geklappt. Ich habe Hunger. Und was anderes suchen hab' ich auch keinen Bock mehr. Glückwunsch.



Vor lauter Frust fahre ich mit dem alten quietschenden Sessellift, der wahrscheinlich schon Reichspräsident Hindenburg durch die Gegend gegondelt hat, auf einen Berg. Das ist ganz lustig und wie schon als Kind umfährt mich ein kurzer Schauer, wenn die Seilbahn in der Höhe kurz ruckelnd stehenbleibt, um dann kurz darauf weiterzufahren. 20er-Jahre-Schauer. Bei Dreikaiserwetter. Da ist sie wieder, die Nostalgie. Wie früher in Polen. Toll.


Die Sommerrodelbahn, mit der ich wieder ins Tal fahren kann, ist nicht ganz so alt, sie könnte bereits den Nato-Doppelbeschluss, jedoch nicht wie der Lift die Abdankung Bismarcks miterlebt haben. So richtig sicher ist das hier alles nicht, keine Schienen, keine automatische Drosselung, und wenn Sie nicht permanent bremsen, segeln Sie aus der Kurve in hohem Bogen über die Reling auf eine Wiese. Oder landen mit der Fresse auf der Bahn. Und wissen Sie was? Ich finde das gut. Endlich mal wieder ein wenig Selbstverantwortung. Im Nanny-Staat, der mich sonst von der Geburt bis zur Krebsstation in flauschigen Schaumstoff packen möchte, ist sie so selten wie kostbar. Mein Auto hat mich schon so versklavt, dass ich schon gar nicht mehr weiß was das heißt, Selbstverantwortung. Es piepst ständig hysterisch, wenn ich etwas mache, das ich nicht machen soll: Piep Piep Piep, wenn ich nicht angeschnallt bin, wenn ich zu nah an einem anderen Auto parke, wenn ich das Licht anlasse, zu schnell fahre, den Kasten Bier auf dem Beifahrersitz nicht anschnalle, wahrscheinlich bald auch wenn ich beim Fahren furze, in der Nase bohre, meine Eier kratze, meine fette hässliche Mutter verfluche... Piep! Piep! Hatespeechdetektor registriert ungebührliches Verhalten, essen Sie eine fair gehandelte Biopastinake zur Strafe... ach egal. Fick dich selbst, EU-geförderter bündnisgrüner Arschlochautomat im Auto. Wenn ich dein Kabel finde, knips ich dich aus.


Rodel Rodel. Nochmal fahren. Und nochmal fahren. Hier auf der Rodelbahn kann ich noch ein kleines Risiko eingehen in dieser komplett risikominimierten Welt: Keine Abgrenzung. Keine Schienen. Krasse Kurven. Eigene Verantwortung. Wer zu schnell rast, der bricht sich den Hals. So soll es. So muss es. So darf es. So möchte ich das. Jeder ist seines eigenen Schmiedes Schuld. Oder so.

Mittwoch, 14. September 2016

Kurz mal Nostalgie tanken



In einem Dorf mit dem martialischen Namen Bayerisch Eisenstein kurz vor der Staatsgrenze steht eine Tankstelle aus den 60ern.

Nüchtern.

Grau.

Kein grelles Licht.

Nur 'ne Neonlampe.

Eine freie Werkstatt mit gleicher 60er-Optik steht daneben.

Eisenlook.

Steinromantik.

Für die Luft im Reifen muss ich noch arbeiten. Nix digital.

Die Blätter-Anzeige an den Zapfsäulen ist kaputt. An beiden. Ich muss mutmaßen wie viel es werden wird.

Sie haben schon E 10. Da kam wohl Michael J. Fox kurz aus der Zukunft vorbei und hat Subventioniertes abgeladen.

Ob hier noch irgendwo Konrad Adenauer an der Wand hängt? Oder Franz Josef Strauß?

60er. Pur.

Ich sehe kein Neongelb.

Kein Neongrün.

Keine Schreiplakate.

Kein Schinken-Käse-Croissant und natürlich schon gar keine Smoothies.

Auch keine Fettfingerriegelarmee an der Kasse.

Ich kriege hier auch keine Fishermans Friend.

Nein. Kein Firlefanz.

Keine Schlandfahnen.

Keine Schiebermützen.

Nicht mal Schnaps.

Eine puristische Tankstelle.

Old-school.

Wie der Opa an der Kasse. Der ist auch old-school. Der sieht aus als habe er als Trainer irgendwann 1954 die Weltmeisterschaft aus Bern geholt.

Irgendwo muss doch auch noch ein Borgward rumstehen. Oder wenigstens ein Kübelwagen.

Hier ist Bayern. Und gleich da drüben Tschechien.




Dienstag, 13. September 2016

Die unerträgliche Freundlichkeit in Bayern



Edeka. Irgendwo in Bayern. Ich streife missmutig durch die Gänge.

"Grüß Gott!"

Meine Güte, die Angestellte hat mich gegrüßt. Woher kennt die mich? War ich hier schon mal? Hab' ich hier ein Kind gezeugt und weiß nix davon? Bin ich Stadtgespräch mit dem B vom Autokennzeichen?

"Grüß Gott!"

Wah! Nochmal eine! Was ist hier los? Halten die mich für einen Ladendieb und wollen mich einnorden, einlullen oder einfach nur unter Beobachtung halten? Heda! Landstrich-kurz-vor-Polen-Bewohner! We are watching you! Do not klau a Weißbierblechbüchse.

"Grüß Gott!"

Eine Kundin. Mir vollkommen fremd. Das gibt's doch gar nicht. Sehe ich aus wie ein Promi? Oder wie der Sohn vom Bürgermeister? Wollen die Geld? Ein gutes Wort für die Baugenehmigung der zweiten Scheune? Was wollen die?

"Grüß Gott!"

Und ein Regaleeinräumer. Ganz jung. Pausbacken. Kernig arisch fesch. Er strahlt. Himmel. Das alles hier trifft direkt ins Gefüge meiner Weltordnung. Bin ich etwa der Irre und wollen die am Ende gar nix, sondern sind einfach nur freundlich? Bin ich es? Ist es mein Problem, meine Berlin-Paranoia? Die so tief sitzt, dass mir jedes mal, wenn jemand plötzlich freundlich zu mir ist, meine im Hypothalamus integrierte Alarmsirene meldet, dass der doch nur wieder was von mir will, Geld, mir was verkaufen, Werbung, Zeitungsabo, Datentarif, Unterschriftenliste für/gegen Dinge oder einfach nur seine vollkommen verratzte Lebensgeschichte loswerden, weil sonst keiner mehr zuhört außer den paralysierten Fahrgästen einer heruntergewirtschafteten S-Bahn, die nicht anders können als zuhören, weil die Wagentüren zu sind und die Fenster zu klein zum Rausspringen.

Berlin. Berlin. Wenn Sie dort wohnen, werden Sie zwangsläufig neurotisch. Kurz nach der Muttermilch schon, wenn Ihnen das erste Arschloch des jungen Lebens das Milchfläschchen aus dem Kinderwagen klaut. Ich bin sogar so neurotisch, dass ich hier an der Wursttheke bei Edeka irgendwo in Bayern eine unverschämt lange Zeit ganz viel Aufschnitt bestelle, was immer lange liebevoll geschnitten werden muss (unter anderem der beste Leberkäse seit vielen Jahren, welcome to Bayern, ihr Leberkäsestümper aus der Mark, das kriegt ihr nie hin) und ganz angespannt darauf warte, dass ich von denen, die seit zehn Minuten hinter mir stehen und warten müssen, endlich angepöbelt werde, weil sie nur deshalb warten müssen, weil ich so verkackt viel bestelle. Aber nix. Nix! Die halten hinter mir mit einer entnervenden Gemütsruhe einen netten Plausch - tiefenentspannt, lachend, unter Wahrung würdevollen Abstands, der mich nicht unter Druck setzt - während ich schwitzend, fahrig und aufs Äußerste angespannt auf eine Attacke warte, die in der Hauptstadt bei Kaisers an der Theke schon vor fünf Minuten geritten worden wäre.

Das ist mein Zustand. Berlin trifft auf Bayern in Bayern. Es ist wie immer. Ich brauche Wochen, um mich an normalen zwischenmenschlichen Umgang abseits meiner in allen möglichen Hinsichten verwahrlosten Hauptstadt zu gewöhnen und es dürfte wohl Monate dauern, bis endlich das nervöse Zucken von Auge und Ringfinger nachlässt, wenn mich Menschen ansprechen. Bis dahin bin ich längst wieder weg. Zurück an den Bahnhöfen Berlins. Obdachlosenzeitung. Junks. Sprittis. Brüller. Pöbler. Krakeeler. Politprediger. Kaputte Seelen. Geld. Geld. Haste ma. Haste ma. Kleingeld. Groschen. Was zu Essen für den Hund. In Teppiche gehüllte Mütter, die mit der einen Hand Kleinkinder in angewiderte Gesichter halten und mit der anderen Hand Greifbewegungen markieren. Bittääää.

Bayern. Ich habe keine Wochen. Ich habe nur eine.


Montag, 12. September 2016

Autobahnraststättentrauma



Ich bin autobahnraststättenendstadiumsbehandelt, jägerschnitzelgeschädigt, gummibockwursttraumatisiert. Das kommt noch aus den 90ern. Fünfzehntausendmal zu oft mit einer gestörten Mutter auf der Autobahnraststätte Seesen/Harz gewesen. Formjägerschnitzelfolter mit Tütensoßenpsychoterror meets Dosenpilzewaterboarding. Dazu Kautschukpudding in der Glasschüssel, den Sie als ein Gesamtekelgrindwerk aus der Schüssel holen und an die speckige Wand hätten werfen können, wo er dann kleben geblieben wäre - neben der Fliege, die kurz nach der Kapitulation der Wehrmacht jemand in seiner Wut totgeschlagen haben muss.

"Papa, ich hab' Hunger."

"Hier is' nix. Hier is' Autobahn. Vorhin war McDonalds."

"Bäh."

"Yo. Dann lieber Sandwurststulle aus der Sahelzone der Tanke."

"Papa? Da kommt ne Raststätte."

"Mompf..."

"Papa? Da kommt ne Raststätte."

"Gnarf Gnarf."

"Papa? Da kommt ne Raststätte."

Ich habe ein Kind, das nie aufgibt.

"Papa? Da kommt ne Raststätte."

Raststätte. Dengeldongel, das Trauma klopft an. Das Jägerschnitzel aus der Gruft ruft nach mir und will einen Kautschukpudding in den Hals drehen.

"Ja doch, in Hetfields Namen lass es uns tun. Meine Güte, ich fahr' ja schon raus. Hier kommt doch bis Westdeutschland sowieso nix mehr zu fressen."

Lost at Kreuz Hermsdorf: Es gibt nicht mal Jägerschnitzel. Keine Bockwurst in diesen siffigen Spiralheizbehältern, die der alte Fritz noch auf seinen Ausritten durch die Mark in der Satteltasche stecken hatte. Kein Gummipudding. Ich esse sogar ganz guten Schweinebraten. Ganz gute Nudeln. Nur diese glasigen Normkartoffeln aus dem Eimer mit ihrer vor lauter Rumliegen neu gewachsenen Haut lassen dann doch noch alte Wunden wieder aufreißen. Ein wenig dunkeldeutsche Gruselnahrung muss eben sein, der Tradition wegen. Hallo Kind. Wir begründen neue Traumata. An einer Raststätte. Die 90er sind zurück.

Zugegeben, es hat sich ein wenig was getan im Raststättengewerbe seit den 90ern, zumindest hier. Es ist natürlich immer noch viel zu viel zu wirklich viel Geld für zu wenig gutes Zeug, doch holt sich kein Kind mehr ein ernsthaftes Trauma weg. So wie wir noch vor 20 Jahren. Das ist doch was. Es wird nicht immer alles schlechter.

Optisch sind hier übrigens wieder die 80er eingezogen. Oder sogar die 70er.


Fehlen noch die Toiletten in orange. Und ein Wählscheibentelefon. Mit einem Postminister drauf. (Es gab einen Postminister? Gab es. Es gab alles. 80er, Baby. Prinz Pornetti, du Zeitforscher und Hottentottenmusikhörer, sag doch auch mal was.)


Samstag, 10. September 2016

Freitag, 9. September 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 9. September 2016



Manche Referrers lassen mich ratlos zurück. Ich hatte mehrere Zugriffe von einem Fußpflegestudio in Stade. Schöne Grüße zurück. Krasser Beruf. Hornhaut-Joe. Nagelpilz-Django. Hut ab. Wenn ich mal in Stade bin (also nie) und Bedarf an Fußpflege habe (auch nie), schaue ich mal rein. Ischwör.

Sonstwas? Ja. Wechselbad der Politaktivisten. Erst Hasspost voller Geheule von links, dann kurz darauf von rechts. Zuletzt vergiftetes Lob. Sockenpuppen. Und einer, der wissen will wo ich arbeite, um mich entlassen zu lassen. Das Internet ist unentspannt momentan. Mondphasen. Chemtrails. Strahlen aus der Steckdose. Reptilienmensch unterm Bett. Keine Ahnung woran das liegt. Ich fahr' besser nochmal in den Urlaub und blogge Urlaubsdinge. Ich mag das sehr.

Die Dinks. Creep this:


Prenzlberger StimmeMieterkämpfe, Spekulation, Verdrängung – jetzt auch im Kino
Berlin. Wird eng hier. Und voll.

NerdcoreDer versiffte Trolltwitter
Das Beste hinter dem Link ist der Troll mit dem Namen 'Rumjammern tun alle' aus den Kommentaren (ich kriege Disqus beim besten Willen nicht verlinkt, suchen Sie selbst), der die Motivation hinter seinem Tun erfrischend nachvollziehbar beschreibt: Attention Whores suchen offensiv die Öffentlichkeit, können dabei jedoch den Gegenwind nur mit Blocken kontern und ziehen zu allem Überfluss auch noch die ausgelutschte Opferkarte für die Klickeria. Big point. Heulen Sie meinetwegen getroffen auf, aber der Troll argumentiert klug. Und die Empöreria ist als Entgegnung darauf wieder nur empört. Peng Peng. (via Max)

Wenn Sie ein wenig tiefer in diese ganze Cyberbully/Sifftwitterkiste eintauchen, finden Sie zum Beispiel sowas:

berlinnowDen Schuss nicht gehört

Fortsetzung:

berlinnowLotta Peng, Schenkungen und Abmahnanwälte
Erstellen Sie noch heute einen Twitteraccount, pflegen Sie Neurosen und sammeln Sie Geld von Ahnungslosen ein.

Rebellen ohne MarktDas Sprachtalent
Ich habe keine Ahnung, über wen er da schreibt, aber es fühlt sich gut an.

Blog von Sascha AßbachEinseitige, asoziale Medien
Dem da ist es zu wenig Interaktion (geworden). Er hat damit Recht, auch wenn ich für soziale Medien nicht mitreden kann, weil da gar kein Mitglied bin. Der Grund für die zunehmende Ödnis ist ziemlich einfach festzumachen: Gnadenlose Kommerzialisierung (Business Business Business) und zunehmende Dünnhäutigkeit der Exponenten. Anstatt sich der Kritik (und der Häme, sicherlich, der auch) auszusetzen, ist es einfacher, gar kein wirkliches Feedback, sondern nur noch Likes zuzulassen. Im Ernst: Ich mag stinknormale Blogs immer noch. Ultimative Nische. Underground inzwischen. Kennt jemand diesen uralten Film Demolition Man? Sylvester Stallone? In dieser klinischen Welt, auf deren Oberfläche sie alle Konflikte durch soziale Konditionierung ausgeblendet haben und in deren Untergrund ein Biotop aus Leuten wuchert, die das nicht ertragen? Facebook, Instagram, die Kommerzblogs, Clickbaithuren, Twitter & Co. werden immer mehr wie diese Oberfläche. "Sie bekommen eine Geldstrafe von einem Credit wegen Verstoßes gegen das verbale Moralitätsstatut!". Und unter dem Radar, weit weg von Glitzer, Klicks und Werbegeld sind die letzten Reste, die sich Kommerz und ödem Mehltau verweigern. Da hocken wir rum, essen Rattenburger und es wird geflucht.

{berlin:street}Asoziale
Au ja, die Newton Bar. Das Schnöselnest. Es gibt Orte, an die gehe selbst ich nicht. Dieser Teil von Mitte ist kontaminiert. Bis auf die Brasserie am Gendarmenmarkt vielleicht. Und Lutter & Wegner. Aber nur des Sauerbratens wegen.

GlummPsilos
Hitze rotzte durch sein Gesicht.

AnnikaDer Bofrost-Mann
Das. Muss. Ein. Ende. Haben. Ich habe etwas Vergleichbares mit meinem Stromanbieter. Ich habe auf dessen Portal angeklickt, dass ich nicht angerufen werden möchte. Er rief dennoch an. Ich bat darum, nicht mehr angerufen zu werden. Er rief noch einmal an. Ich bat noch einmal darum, nicht angerufen zu werden. Er rief trotzdem an. Ich fragte am Telefon nach, was ich tun kann, damit er aufhört, mich anzurufen. Ja, ich stelle das ab, hat die Telefontorte gesagt. Doch gerade gestern haben sie mich wieder angerufen. Sie haben ein neues Angebot für mich, das ich genauso wenig verstehe wie alle ihre anderen Angebote. Ich werde somit kündigen und wechseln. Zu einem teureren Anbieter. Ich bin wundgenudelt. Ich möchte bitte mehr Geld bezahlen, damit sie mir meine Ruhe lassen.

sunflower22aNude men
Nice.

Und zuletzt der da:

Dobschat RebootedNiceballs
Produktiver sein durch Eierkraulen.


Mittwoch, 7. September 2016

Blödmann, Bart, Beanie



Prenzlauer Berg. Im Flur der übelsten aller kleinen dummen Werbebutzen in einem frisch begrünten Hinterhof in der von Bamberger Blümchenkleidträgerinnen wundgenudelten Oderberger Straße fällt eine Flasche Rhabarberschorle um. Vermutlich der Wind. Eine Kurbel vom Kicker in der amerikanischen Küche mit den schwarz-weißen Schachbrettfliesen ist kaputt. In der Ecke liegt ein Birkenstockpantoffel. Er hat eine Schnalle verloren. Im Gemeinschaftsraum, an dessen Wand jemand eine Dartscheibe, Che Guevara und eines dieser langweiligen Emailleschilder mit dem Motiv einer altbackenen Waschmittelfirma angebracht hat, ist jemand auf einen unverträglichen Hirsekeks getreten. Die Krümel verteilen sich in den Ritzen des abgezogenen Dielenbodens, aus denen gelegentlich ein Silberfisch die Stimmung im Raum erfasst und wieder abtaucht. Der diesen Laden im Kopf schon lange liquidiert habende Inhaber, der die krude Veranstaltung hier nur noch zur Generierung von Verlustvorträgen betreibt, hat zwei Probleme: Ein Auftrag ist eingegangen und das Koks ist alle.

"Leute, wir brauchen was für die S-Bahn. Ausgerechnet. Jemand ne Idee? Irgendwas?"

Stille. Es fällt kein Wort. Der verlebte Typ mit den Flusen statt Bart, der vor zwei Jahren voller inzwischen schiffbrüchig gegangener superkreativer Pläne aus Zagreb hierher gekommen ist und der immer noch keinen Cent Gehalt außerhalb von lausigen Craft Beer-Pop up-Close this shit soon-Bars zwischen Sprengelkiez und Arminiushalle gesehen hat, kaut auf einem unbehandelten Holzbleistift herum. Der Klugscheißer mit Harry Potter-Gesicht links von ihm, den seine halbsenile Erbtante aus dem Beirat der kapitalspritzenden Bank unter der Drohung von Liebes- und damit Geldentzug vor Jahren in die Agentur gefilzt hat, damit der Junge wenigstens so tut als würde er arbeiten, nestelt an einem Riegel mit dem selten blöden Namen Shokomonk herum. Shokomonk ohne c wegen hip. Es ist eine neue Sorte. Hazelnut Quinoa. Passend dazu schmilzt auf der Fensterbank ein halbvoller Becher Ben & Jerrys-Eis. Das gibt es jetzt beim Späti unten als Halbliterbooster für frühzeitige Herzkranzverengung. Es ist die Sorte Half Baked. Halbbacken. Halbseiden. Halbhirne. Einer wie jeder. Niemand sagt etwas. Selbst die aufgedrehte und hoffnungslos überschminkte Eule mit den anachronistischen Dreadlocks und der aufgesetzten Cockney-Deutsch-Mundmische, die vor einem halben Jahr noch in London Pizzapappschachteln als kapitalismuskritische Urban Art-Aktion an die Wände der Hofseite von keimigen Asiarestaurants geklebt hat, hält ihr sonst dauerseierndes Maul und knibbelt am Saum ihres selbstgenähten und zum vor den Zug springen hässlichen Tweedkleids herum. Jemand öffnet eine Proviant-Limo. Der schwarze Kühlschrank mit dem fritz kola-Logo führt auch Bio-Zisch. Ingwer geht gut. Drüben auf der zum Abziehbild mutierten alternativen Flaniermeile der Eitelkeiten, die nur UdK-Studentinnen, meine tote Oma und superironische Touristen aus Bad Bevensen noch Castingallee nennen, rasselt die Straßenbahn arthritisch über ihre Gleise. Im Raum nur trockenes Husten. Stuhlbein auf Holz. Vögel. Das Brummen der Gastherme. Irgendwo weit weg heult ein Kind. Fahrradbremsen quietschen.

"Irgendwas? Nichts?"

Dann meldet sich ausgerechnet der neue Praktikant. Der aus Luckenwalde. Dem schon der Geniestreich 'Antonia Kuttner, Mutter, Prenzlauer Berg' eingefallen ist: "Hey. Wir können doch was mit Hipster machen. Das ist zwar lange schon durch, aber das merken die Idioten von der S-Bahn sowieso nicht. Ich sag' nur drei B. Blödmann. Bart. Beanie. Und dann kriegt der einfach 'nen Kaffeebecher in die Hand und das verkaufen wir dann als den letzten Heuler. Die Typen von der S-Bahn sind vermutlich die Letzten in dieser Stadt, die uns glauben, dass man mit so Gestalten mit Vollbart, Beanie auf der Murmel und Kaffee immer noch lässig wirkende Werbung für metrokulturelle Urban Creatives schalten kann. Und um die Idiotie auf die Spitze zu treiben, ziehen wir dem noch so ein scheiß Holzfällerhemd an, das schon seit Jahren keiner außerhalb von Reutlinger Reihenhausgaragen mehr trägt und fertig. Na? Cool? Und weil wir so verdammt ironisch sind, bauen wir einen Kalauer mit doppeltem Boden ein, irgend so einen Scheiß wie: Besser Coffee-to-go als Stop-and-go. Hahaha. Verstanden? Coffee-to-go? Weil die doch alle den ganzen Tag Kaffee im Gehen saufen. Überall. Selbst beim Scheißen. Kein Blödmann ohne Kaffee in der Hand. Nirgendwo. Überall. Und hey: Stop-and-go. Ausgerechnet die S-Bahn. Bei der jeder dritte Zug irgendwo auf der Strecke wie ein orientierungsloser Wal am Strand verendet. Oder bei der ständig eines ihrer Signale vor die Hunde geht. Weichenstörung. Kabelstörung. Störungen im Betriebsablauf. Hirnstörung. Stop-and-go. Die S-Bahn. Die unangefochtene Meisterin aller Stops and gos der Welt. Köstlich. Dass wir sie nach Strich und Faden verarschen, merken die Schwachköpfe nie. Wir kalauern denen einfach volle Socke vor den Koffer."

Zustimmendes Raunen. Begeisterung bricht Bahn. Der verlebte Typ mit den Flusen statt Bart macht eine Skizze. Der Klugscheißer legt den Riegel zur Seite und faltet die Hände. Die Eule faselt etwas von Grüntönen. Kombiniert mit Ocker. Und Azur.

"Super Idee. So machen wir's. Wer klebt sich den Bart an? Noël-Aristide, du? Oder wollen wir wieder den Penner von der Wodkakampagne damals nehmen? Ich meine den, bei dem ihr damals gewettet habt, ob er sich die affigen Glaskristallohrringe von Nanu Nana tatsächlich an die Löffel hängen lässt? Der macht doch jeden Scheiß mit. Sacht was. Auf geht's. Ehrgeiz."

"Der mit den Ohrklunkern ist zu teuer für die S-Bahn. Der wirbt inzwischen sogar für Helgas Heißmangel in der Allee der Kosmonauten. Keine Chance, dass wir den bekommen. Wir nehmen besser gleich Noël-Aristide."

"Check. So. Genau so. Und jetzt zum Wichtigen: Wer repariert endlich den verfickten Kicker?"


Freitag, 2. September 2016

Brise am Haff



Eine Brise weht über das Haff. Es sind die Tage vor einer Wahl, die den Status Quo dieses Bundeslandes umpflügen wird. Fast ist es, als hält das Land den Atem an. Im Edeka ist die Stimmung seltsam verhalten, fast still. Die Rote Beete ist im Angebot. Und Melonen. Es gibt massenhaft Melonen momentan. Keine Kerne. Nur die weißen. Aber die zählen ja nicht. Der Fischer hat Zander. Der Lila Bäcker Salzbrötchen. Die Kassiererin bittet mich freundlich um den Pfandbon, der in meinem Einkaufswagen liegt und den ich vergessen hätte.




Die Fahrt hierher führte mich wieder durch ausgestorbene Dörfer mit nur einer Straße, die fast immer Dorfstraße heißt. Es sind Dörfer, in denen ausschließlich die NPD plakatiert. Straßenlaterne um Straßenlaterne. Weiß auf Rot. Eine Materialschlacht. Heimat braucht Kinder. Rentner brauchen Anerkennung. Volk braucht Zukunft. In anderen Orten plakatiert die AfD stattdessen das Straßenbild zu. Weiß auf Blau. Nicht weniger Materialschlacht. Für unser Land und unsere Kinder. Schwarz-rot-gold ist bunt genug. GEZ abschaffen. Polizei stärken. Beiden gemein ist: Sie sind unversehrt und sie sind viele. An Kreisverkehren und vor Supermärkten stehen sogar diese riesigen Plakataufsteller, die ich sonst von den früheren Volksparteien kenne und an denen mich irritiert, dass sie von AfD und NPD sind. Hier in Nordostdeutschland malt ihnen nicht mal jemand ein Hitlerbärtchen über die Oberlippe. Das einzige aufgemalte Hitlerbärtchen finde ich kurz vor Polen in einem Ort namens Hintersee. Es ziert ausgerechnet jemanden von den Grünen. Er sieht jetzt aus wie der Hausmeister unserer alten Schule, den irgendeine Schwester irgendeines Schulfreundes mal beim Schnüffeln an den Mädchenschuhen in der Sportumkleide erwischt haben will.




In einem Café ergibt sich bei Pflaumenkuchen mit Streusel ein sonderbares Gespräch. "Ach? Aus Berlin? Was wollen Sie sich denn so alles ansehen hier?" "Ach, einiges. Ich fahre morgen zum Beispiel nach Stettin." "Aha." Nichts weiter. Nur Aha. Kein Wort hinterher. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. 'Oh, Stettin ist schön. Das Schloss. Besuchen Sie das Schloss.' Oder: 'Ja, fahren Sie mal nach Polen. Es wächst ja alles immer mehr zusammen hier.' Auch nicht. Nix. Nur ein fatalistisches Aha.




Polen ist nur einen Bernsteinwurf weg. Doch davon merken Sie hier nichts. Der östliche Nachbar ist seltsam abwesend. Kein Einfluss zu sehen bis auf gelegentliche polnische Kennzeichen auf der Durchreise und radebrechende junge Polinen in der deutschen Gastronomie. Neun Jahre nach dem Schengen-Beitritt Polens wächst hier sonst gar nichts zusammen, höchstens die deutschen Autos mit den polnischen Tankstellen, den Straßenstrichs und den alten 90er-Jahre-Kippen und Suff-Büdchen. Doch das alles gab es lange vor Schengen schon. Ein wenig gewandelt hat sich das Angebot dennoch, seit ich das letzte Mal hier war. Hinter der Grenze folgt eine Verkaufsstelle für Zäune der anderen. Fünf, sechs, sieben davon die zehn Kilometer bis Stettin. Zäune. Zäune. Schmiedeeiserne Zäune rufen die Plakate. Auf deutsch. Jeder Nachfrage folgt hier schneller als anderswo ein Angebot. Und was gerade gut geht, sehen Sie immer zuerst auf den bunten Plakaten auf der polnischen Seite. Momentan: Weniger Zigaretten, mehr Zäune. Und Küchen. Küchen auch.




Meine Vermieterin führt eine Bücherwand. Darin Kopp über Kopp. Der Kopp-Verlag hat hier ein Heimspiel. Ich überfliege die Buchrücken. Irgendwas über Palästina. Deutschland vor dem Kollaps. Die geheime Migrationsagenda. Und Ulfkotte. Was uns Politik und Massenmedien über die Straftaten von Migranten verschweigen. Fast freue ich mich über die anderen Bücher. Es ist lauter Eso-Zeug. Feng Shui. Chi Gong. Heilsteine. Wasseradern. Lebenslinien. Sternbilder. Ayurveda. Horoskope. Und natürlich Homöopathie. Ein Buch fällt aus dem Rahmen. Es hat den Titel "Der Sex-Doktor". Es ist kein Roman.




21% wollen am Sonntag laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage AfD wählen. 3% die NPD. Wenn Sie davon ausgehen, dass ein Teil der Befragten mit der eigenen Meinung hinterm Berg hält, können Sie locker 5% bei der AfD draufrechnen und bei der NPD so viel, dass es möglicherweise doch für den Einzug reicht. Das war in Sachsen-Anhalt zumindest was die AfD betrifft nicht anders. Da haben sie zwischen 17 und 19% prognostiziert. Tapfer. Hartnäckig. Über Monate. Geworden sind es 24. So daneben können sie liegen, die Prognostizierer. Rechts ist traditionell schwer berechenbar.




Eines ist seltsam an Mecklenburg. Ich sehe keine ins Auge fallenden Nazis hier. Es ist nicht wie in Brandenburg, wo Sie nur an eine Tankstelle vor eine Autobahnauffahrt fahren müssen, in deren Nachbarschaft idealerweise ein McDonalds steht, zu dem die kahlrasierte Dorfjugend ihre schwarz verdiente Kohle trägt, brüllend, geifernd, den Wodka Lime durch die Luft schwenkend. Jene gibt es hier nicht oder zumindest nicht so präsent, dass ich sie sehen kann. Keine Bomberjacken. Keine Heinrich-Himmler-Gedächtnisfrisuren. Keine Zwickauer Terrorzelle-Hassfratze. Keine einschlägigen Shirts. Kein einziger Böhse-Onkelz-Schriftzug auf einer Heckscheibe. Nicht einmal Kampfstiefel trägt irgendwer mehr. Das Land überrascht mich mit demonstrativer Bürgerlichkeit, die ich hier im Hinterland nicht erwartet habe und vor deren Hintergrund mich die Prognosen noch mehr irritieren.




Zum Auftritt der Menschen passt, dass ich kaum alte und nur wenige kleine Autos wie meines sehe. Audi ist beliebt. BMW auch. Manchmal bis zum 7er hoch. Nagelneu. Viele asiatische Wagen. Genauso neu. Die Fassaden der Häuser sind frisch gemalert. Ebenso die alten Platten. Vorgärten akkurat. Mehr Edeka als Lidl. Die Straßen top. Keine Schlaglochparade wie in meinem Straßenlandacker namens Berlin. Eine unglaubliche Menge an tadellosen Fahrradwegen. Neu planiert. Die Menschen erscheinen mir fast zufrieden. Es wird viel gebaut. Die Zinsen sind günstig. Carports. Dächer. Ganze Häuser. Einer bessert seinen Zaun aus. Der Nächste montiert eine neue Dachrinne. Und grüßt freundlich vom Gerüst. Die Mutter packt noch einen Milchreis extra in den Einkaufswagen. Bauarbeiter mit Hackepeterbrötchen. Schwarz-weiße Bicolorfrisuren mit Hündchen an der Leine am Asiaimbiss vor einer Nudelpfanne. Eine davon strahlt mich an. In ihrer mit obszönen hellrosa Plastikfingernägeln bewehrten Hand hält sie ein Lübzer Pils. Damit prostet sie. Mir begegnen Fahrradfahrer mit Handzeichen, die bei Rot halten. Da drüben macht eine Galerie auf. Auf einem Marktplatz trinke ich uralten Bowmore und weil das nicht reicht, bestelle ich einen Laphroaig Lore obendrauf. Ich könnte auch ein Gläschen Moët & Chandon‎ bestellen, wenn ich das mögen würde. Sie hätten den da. Wie so viele andere gute Dinge. Mein Kaffee wurde von irgendwem aus der Region geröstet, er ist so meisterhaft wie das Bier, das sie drüben in der Stube brauen. Die Pralinen, die ich für zuhause mitnehme, knetete ebenfalls jemand von hier. Noch ein Stück Blaubeerkuchen? Ist hausgemacht. Nein, danke, sehr freundlich. Bitteschön. Dankeschön. Stimmt so. Das Café ist voll. An einem Wochentag. Geschäftig Geschäftig. Ja. Doch. Die Menschen kommen mir zufrieden vor.




Warum also werden sie am Sonntag zu einem nicht kleinen Teil rechts wählen? Was kippt da um? Und woran liegt das? Gibt es so viele Abgehängte, unter die Räder Gekommene, zerstörte Gemüter, die ich nicht zu Gesicht bekomme, weil sie in der Butze eingeschlossen mit Kräuterlikör und Tiefkühlschnitzel vor RTL 2 dahinvegetieren? Ist es die Angst, das wenige Aufgebaute wieder zu verlieren? Ist es der Chauvinismus derjenigen, die es weitgehend geschafft haben, die ihre Dinge im Trockenen wissen und einfach nicht gönnen? Oder schlichter Ekel in Gegenwart eines eitlen postdemokratischen Politbetriebs voller seelenloser Parteiapparatschiks, der sie auch einen Schimpansen wählen lassen würde, der darauf dressiert wurde, den ganzen Tag beide Stinkefinger in die Luft zu halten, wenn er sich damit nicht gerade den Grind von den Eiern pult. Trump. Orban. Die Clique drüben in Polen. Wilders. Le Pen. Der Ziegenfreund vom Bosporus. Hofer. Brexit. Die starken Nationalisten in Skandinavien. Das über so viele Jahre vereinte Europa wird gerade von innen und außen filetiert, aufgefressen und demnächst vermutlich ausgeschissen, während ich mich frage, ob ich eigentlich noch lange zu Fuß zwischen Polen und Deutschland werde umher laufen können, ohne dass irgendwer Notiz von mir nimmt, einen Paß sehen will, ein Visum gar, und ohne dass mir jemand die Karre durchsucht.


Die Luft steht jetzt. Zwei Alte sitzen schweigend auf einer Bank in Altwarp. Ich kaufe ein Fischbrötchen. Es schmeckt tranig. Bald werde ich übersetzen auf die andere Seite. Nach Polen. Nowe Warpno. Neuwarp. Wenn ich wiederkomme, werden sie gewählt haben.