Montag, 15. September 2014

Solidarität für Irrenhausen


Vor ein paar Wochen rüttelte ein Hilferuf an mehreren Informationstafeln die Bürger von Pankow und Weißensee auf. Jetzt gibt es Anteilnahme in Form von wertvollen Hinweisen und klassischem Zuspruch:





Mein Berlin. Der Solidaritätsgedanke lebt. Auch für die Bekloppten, die diese Stadt gebiert. Toll.

Freitag, 12. September 2014

Schade, leider dumm


Ab und zu mache ich mich unbeliebt. Zum Beispiel wenn ich auf Partys, auf denen jeder seinen Nebenmann stundenlang zu Tode langweilt, damit beginne, vorsätzlich Wahrheiten auszusprechen anstatt sinnlosen Smalltalk zu führen. So etwas mag niemand und die Leute werden schnell unleidlich.

Manchmal sind es Lehrer, die das Pech haben, mit einem leider erst halbleeren Proseccoglas neben mir zu stehen und Nichtigkeiten und Allgemeinplätze in die wenig interessierte Welt blasen zu müssen, denn ich vertrete eine Position zu ihrem Wirkungsbereich, die bei ihnen qua Amt nicht gut ankommen kann: Leider dumm. Konkret: Ein Großteil der Azubi-Bewerber für den Ort, an dem ich arbeite und den ich Borgwürfel nenne, ist ungebildet.

Ungebildet, ja.

Oder dumm wie Stulle, wie wir hier in Berlin sagen.

Ich habe keine Ahnung, ob die Mittlere Reife in dieser Stadt inzwischen bei einer Tombola auf Wowis Hoffest verlost oder beim Kauf des zehnten Kastens Sterni zusammen mit einem Nackte-Titten-Feuerzeug und einer Vuvuzela gratis dazugegeben wird, aber sie kommen mit irrwitzig guten Noten zu mir und wissen nichts. Ich kann mir nicht helfen, aber sie verramschen offenbar die Abschlüsse in dieser Stadt. Wer hat noch keine Mittlere Reife? Hier, nehmen Sie, zwei für eine, falls Sie noch einen Cousin haben, der eine braucht. Es muss so sein. Sie verkloppen die Dinger. An jeden, der sie haben möchte. Wahrscheinlich weil sie keinem mehr weh tun können. Und durchfallen tut weh, deswegen darf das keiner mehr. Also schleppen sie inzwischen jeden Bildungsresistenten von Klassenstufe zu Klassenstufe. Watte. Mehltau. Konsensgesellschaft. Die Nanny-Gesellschaft hat für alle ein Herz und gibt jedem seinen Abschluss, der einen will.

Offenbar auch denen, deren Bewerbungen ich auf dem Tisch habe und bei denen ich so schmerzfrei bin, sie zum Gespräch einzuladen, auch wenn ihre Anschreiben trotz der obligatorischen Note "Gut" in Deutsch fohr Felern fast unlesbar sind. Doch ich lade sie ein, alle, ich schau' mir das Trauerspiel an. Um mal wieder zu sehen wie schlecht es steht. Ich will dem Bildungselend dieser Stadt ins picklige Gesicht sehen, in ihre ausdruckslosen Mienen, dummgespült von Heidi Klum, Katzenberger, Ronald Schill im Big Brother-Container und den Scripted Reality-Hirntötern vom RTL2-Nachmittagsprogramm.

Der Betriebsrat und der langhaarlockige Jugendvertreter mit dem Gummibärchengesicht sind in dem Schauspiel, das wir regelmäßig zum neuen Ausbildungsjahr aufführen, für die kuschelige Wohlfühlnummer zuständig. Sie fragen nach Hobbys. Musikgeschmack. Wie hat es Ihnen denn auf der Schule gefallen? Haben Sie einen Hund?

Ich bin die Drecksau. Good cop - bad cop. Ich bin der bad cop, der, der den Schädel des Verdächtigen im Vorbeigehen mit dem Ellenbogen gegen die Tischplatte knallt, der das Rauchen verbietet und sich selbst eine ansteckt, der, der sie grillt, sie peinigt, ihnen ein Stahlbad einlässt, weil er ihre Schwächen kennt, weil er weiß, wo es ihnen weh tut.

Denn ich frage sie nach Politik.

Politik.

Die Jugend. Politik. Großartig. Darauf muss man erst mal kommen. Die erste vollkommen entpolitisierte Jugend dieser Stadt fragt der ausgerechnet so etwas komplett Abwegiges.

Sicher mache ich das, denn ich weiß ja vorher, dass sie nichts wissen, dass sie voraussichtlich keine einzige Frage beantworten werden können, aber ich mach' es trotzdem. Oder extra deswegen. Andere würden nach ein paar Minuten raumgreifender Frustration umschwenken. Was anderes bringen. Motivation. Lieblingsfach. Stärken. Wo sehen Sie sich in 80 Jahren? Lieblingssendung. Lieblingsspielkonsole. Lieblingscastingshow. Eine leichte Posteingangsübung maximal.

Ich nicht. Ich frage immer weiter nach Politik. Und ich höre ums Verrecken nicht auf.

Wer ist denn der Regierende Bürgermeister von Berlin? Na? Nein, nicht Merkel. Das ist die Bundeskanzlerin. Ja, sie heißt Merkel. Nicht Makel, auch wenn das gut passen würde. Kommen Sie. Der Regierende Bürgermeister von Berlin. Wer ist das denn? Na überlegen Sie doch mal. Ein Tipp: Sieht ein bisschen aus wie ein Teddybär und tut auch ungefähr so viel wie einer. Nein? Wissen Sie nicht?

Halten wir hier mal kurz inne und fest: Der überwiegende Teil unserer Bewerber kennt Wowi nicht. No way. Sie kennen ihn nicht. Sie wohnen in dieser Stadt und wissen nicht, wer hier Bürgermeister ist. Hey, ich gehe nicht einmal wählen, aber ich kenne trotzdem den Pleppo, der seit 13 Jahren an der Spitze dieser absurden Stadt dilettiert. Das muss doch drin sein.

Aufhören? Nein. Wenn ich in Fahrt bin, bin ich in Fahrt. Dann rollt die Rote Armee und Königsberg geht in Flammen auf. Welche Parlamente dürfen Sie denn wählen, wenn Sie 18 sind? Flüchtlingsproblematik ist Ihnen ein Begriff? Was ist denn da in letzter Zeit so los gewesen in Berlin? Sozialabbau? Mieterverdrängung? Zu speziell, okay, probieren wir es anders: Wissen Sie, wo der Nahe Osten liegt? Und was ist da gerade los? Ukraine? Schon mal gehört? Nein, das sind keine scharfen Würstchen von Netto, Sie meinen wohl Käsekrainer, haha, Ukraine, das ist ein Land, jetzt schauen Sie doch nicht so überrascht, hinter Polen liegt das, gar nicht weit weg. Polen kennen Sie aber, oder? Ja, genau, das sind die mit den Kippen und den Tankstellen.

Puh, so wird das nichts, stochern wir mal im Nebel: Können Sie außer Frau Merkel ein Mitglied der Bundesregierung nennen? Wie viele Bundesländer gibt es eigentlich? Können Sie ein paar nennen? Was verbinden Sie mit Brüssel? Als letzte Hoffnung bleibt Multiple Choice: Ist John Kerry ein irischer Käse oder ein amerikanischer Außenminister? Na bitte, es geht doch.

Doch irgendwann gebe auch ich mal auf und frage nach dem Gebilde, in dem sie ausgebildet werden wollen: Wissen Sie, wer der Geschäftsführer von diesem Laden hier ist? Was macht eigentlich so ein Geschäftsführer? Wissen Sie, was CEO heißt? Und wie ist der Borgwürfel strukturiert? Wissen Sie, was wir eigentlich hier genau machen? Wir waren kürzlich in den Medien, wissen Sie weswegen? Warum wollen Sie denn ausgerechnet bei uns anfangen? Was hat denn die Frauenbeauftragte für Aufgaben? Wissen Sie nicht? Okay, geschenkt, zumindest das geht mir auch so.

Boxenstopp: Wie Sie sehen, wissen sie nichts. Ich habe keine Ahnung mehr, was ich noch fragen soll. Sie checken vor dem Gespräch nicht mal Google News und lernen irgendwelches Zeug auswendig. Sie bereiten sich kein Stück vor und können nicht einmal erklären, warum sie in unserem Laden ihre Ausbildung machen wollen. Okay, ich weiß auch nicht, wie ich hier reingeraten bin und was ich hier eigentlich tue, aber ich kann wenigstens halbwegs gut so tun als könnte ich das erklären. Face it, in der Gesamtschau der Dinge müssen wir wohl froh sein, dass die, die hier sind, die richtige Adresse hatten und den Weg hierher gefunden haben. Mehr ist nicht drin.

So ist die Situation. Sie haben keine Chance. Last Exit Jobcenter. Ein riesiges Heer von Ungebildeten. Einer dümmer als der andere. We love to entertain you. Sie wissen nichts, haben keinen Schimmer von irgendetwas außerhalb ihres bittersüßen Kosmos' zwischen Timeline und Daddelkiste und sind nicht die Bohne auf den Ort vorbereitet, der sie einstellen soll. Den intellektuellen Untergang des geistig abgehängten Teils einer Generation so direkt zu erleben ist ein Erweckungserlebnis für Berufspessimisten und ein Moment der Extase für Zyniker.

Und so stelle ich fassungslos meine sinnlosen Fragen und fange mir böse Blicke vom watteweichen Betriebsrat und vom berufsempörten Jugendlockenkopf ein, den wir vor einigen Jahren übernehmen mussten obwohl er der schlechteste Azubi war, den ich hier je erlebt habe, was ich schon wieder Punkrock finde, weil ich es war, der ihm den Wink mit der Jugenddingsdabumsvertretung gegeben hat, und der Typ mir somit gerade als lebender Bumerang auf die Füße fällt.

Huhu, kuckt doch böse, Wattewerfer, ich höre erst auf, wenn jemand weint oder aufsteht und geht. Oft ist es beim Matheteil soweit. Rechnen Sie doch mal 30 x 14. Brauchen Sie Zettel und Stift? Lassen Sie doch das Smartphone in der Tasche bitte. Das schaffen Sie schon. Nicht? Och schade.

Oder ich bringe als Knockout, wenn einer immer noch wie festgetackert auf dem Stuhl sitzt und leidet, anstatt mit dem Rest seiner Würde endlich aufzustehen und zu gehen, ein Diktat, in das ich Fremdwörter einstreue. Fremdwörter sind der Killer. Für jeden von ihnen. Sie können kein einziges, nichts, gar nichts. Keine Ambivalenz. Keine Subsumtion. Keine Assoziation. Kein Komplementär. Rekursiv. Adäquat. Dilettant. Nix.

Ich weiß nicht, was die da lernen auf ihren runtergrockten Schulen ihrer runtergerockten Stadtbezirke und ich weiß nicht, wer ihnen zusätzlich zu einem wachen Geist auch noch das Rückgrat genommen hat, denn sie sagen nichts, sie leiden nur still und erzählen maximal, dass sie gern mal heiraten und Kinder wollen, wenn ich nach irgendwelchen Lebenszielen frage. Bis dorthin geht nämlich der Horizont. Mehr wollen sie nicht und mehr stellen sie auch nicht dar. Fast wirkt es, als haben sie abgeschlossen. Was für ein Jammer. Hier sitzt eine vollkommen devote Jugend, bieder, brav, ungebildet und vernachlässigt. Wer hat das zu verantworten? Ist das Absicht? Von wem? Und wie haben sie das geschafft?

Typen, die aus der debilen Masse herausstechen, gibt es natürlich, doch die kippen gleich komplett ins Absurde und ich muss mich selbst daran hindern, wahlweise lachend vom Stuhl zu fallen oder meinen Kopf auf der Tischplatte blutig zu schlagen:

"Was machen Sie, wenn Ihnen ein Kollege sagt, dass er Sie für inkompetent hält?" "Versteh isch nich." "Inkompetent heißt unfähig. Was machen Sie?" "Isch hau' dem aufs Maul." "Ah ja, danke schön, wir melden uns bei Ihnen." ("... senden wir Ihnen zu unserer Entlastung Ihre Unterlagen zurück ...")

"Was sind denn Ihre Ziele im Leben? Was wollen Sie erreichen?" "Fussballa, ick will Fussballa wer'n." "Toll, warten Sie bitte draußen, wir sagen Ihnen gleich, ob Sie bei uns anfangen können oder nicht." ("Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht und uns leider...")

"Könn' Sie mir dit unnerschreim'n?" "Ah, das Jobcenter, sicher, bitte setzen Sie sich." "Na, ick will jar nich bei ihn anfangn'n, ick brauch' nur den Schein."

Manchmal schaue ich neidisch auf den Personaler, der die Juristen und BWLer einstellen darf. Die wissen vielleicht ab und zu einmal eine Antwort auf irgendwas, weil die Unis noch nicht ganz so wundgefickt sind wie die Schulen. Mein Klientel jedoch weiß nichts und kann nichts. Es ist leider ... darf ich das aussprechen, darf ich, darf ich ... komm, ich mach's einfach: Dumm.

Das alles so zu formulieren ist einseitig. Polemisch. Tendenziös. Sicher. Denn natürlich gibt es Lichtblicke. Fünf bis sechs jedes Jahr. Denen mache ich ein Angebot - übrigens seit Jahren ausschließlich junge Frauen. Junge Männer, die meinen Weg kreuzen, sind tatsächlich zu dumm. Alle. Ohne Ausnahme. Machen Sie damit, was Sie wollen. Ich stelle nur fest.

Nach einem solchen Tag, an dem ein wandelnder Totalausfall nach dem anderen ins Büro und wieder raus schlurft, habe ich große Lust, mich zu betrinken. Das was da heranwächst, taugt allerhöchstens für einen ordentlichen Riot in den Außenbezirken, wenn die Kohle irgendwann nicht mehr fürs Kabelfernsehen, das Wettbüro und den Kräuterlikör von Lidl reicht. Dann brennen sie die Banlieues von Höhenschönhausen bis Mahlsdorf nieder und tragen die Flachbildkisten aus dem Saturn. Und danach werden die Mittel für die Bereitschaftspolizei aufgestockt. Wait for it.


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Für den Fall, dass Sie nicht satt geworden sind: Georg Schramm

Dienstag, 9. September 2014

Hostaria del Monte Croce


Ich finde es sehr wichtig, ab und zu ein astreines Touristenlokal zu besuchen, um zu sehen, was die da machen. Um mich zu erden. Ihnen nicht immer auszuweichen. Vor ihnen zu flüchten. Sondern mich zu konfrontieren. Der Erkenntnis wegen. Ob sie wirklich so schlimm sind. Und hey, inzwischen ist es kein Geheimnis mehr, Marco Polo, TUI, Lonely Planet praise the Lord, denn jeder Depp zwischen Pforzheim-Buckenberg und Pocatello/Idaho kennt inzwischen die Hostaria in Kreuzberg. Versteckt im zweiten Hinterhof ohne jeglichen Wegweiser von der Mittenwalder Straße hält sich nach wie vor die Mär, die Hostaria sei ein Geheimtipp. Ja, das war mal, früher, aber auch nur ganz kurz. Irgendwann stand der "Kult-Italiener" (ich weiß, "Kult" ist ein Unwort geworden. Wird inzwischen irgendetwas Kult genannt, ist das eigentlich ein Indikator dafür, dass der Zenit überschritten ist und Sie nicht mehr dorthin gehen sollten) das erste Mal im Reiseführer, dann in allen Stadtmagazinen und als Allerletzter von allen Allerletzten berichtete sogar der bräsige RBB, Berlins Zumutung von Regionalsender, live und direkt aus dem Kreuzberger Hinterhof.


Die Hostaria hat ein klares und potenziell für jeden begreifbares Konzept: Es gibt ein feststehendes, monatlich wechselndes Menu mit acht Gängen für 56,- Euro, das um 19.00 Uhr mit Antipasti beginnt, ungefähr um 23:30 Uhr mit Espresso nebst Schnaps endet und nicht verhandelbar ist. Wein und Wasser dürfen Sie dabei trinken, so viel Sie wollen. Rockin'.


Vollidioten, die in leider nicht geringer Zahl in der Hostaria aufschlagen, erkennen Sie an folgenden Verhaltensmustern:

  • Sie treffen erst um 21 Uhr ein, wenn alle anderen schon beim vierten Gang sind, wundern sich dann zuerst, dass alle anderen im Lokal nicht auf sie gewartet haben und beschweren sich hernach über die Tatsache, dass man hier nicht kommen kann, wann man will ohne etwas zu verpassen,
  • sie sind völlig überfordert mit der Tatsache, dass es nur Wein und Wasser gibt und keine Molle, Coke Zero, Chai Latte Wocchochino Cheerio Cinnamon Flavour, Prosecco oder Pastis,
  • sie echauffieren sich darüber, dass sie nach dem letzten Gang unaufgefordert die Rechnung bekommen und spätestens um Mitternacht aus der Hostaria rausgekehrt werden, da Mama, die die Küche fast im Alleingang schmeißt, nach sechs oder eher mehr Stunden Schwerstarbeit auch mal gerne schlafen möchte,
  • sie nutzen das Flatrate-Weinfass dazu, sich komplett abzuschießen und verlieren nachheinander Haltung, Contenance, Gleichgewichtssinn und die Beherrschung über ihre Gesichtszüge. Ich habe hier schon eine Horde zugedröhnter Sachsen erlebt, die völlig von Sinnen Soldatenlieder gegrölt und auf Deutschland angestoßen haben, was bei allen anderen im Raum wahlweise den Wunsch nach stundenlangem Duschen oder unverzüglicher Entleibung nach sich zog. Sachsen. Ausgerechnet. Dass Pommern und Schlesien und nicht dieser Landstrich vom Reich abgetrennt wurde, ist zwar aus Sicht derer verständlich, die ihn hätten integrieren müssen, aber dennoch generell schade.
  • Ganz besondere Schnösel erwarten für 56,- Euro acht Gänge formvollendeter Guide-Michelin-prämierter Sterneküche und kündigen beim Bezahlen an, deren Fehlen in einem der hundert bedeutungslosen Bewertungsportale oder - ganz besonders schnöselig - in einem eigenen bedeutungslosen Blog im Internet der Nachwelt zu hinterlassen.
  • Und dann gab es noch den Typen, der auf der Durchreise zu seinem eigenen Stern hinter dem Jupiter rechts ab in der Hostaria eine Pizza haben wollte und von diesem Vorhaben von niemandem abzubringen war, bevor er unter wilden Flüchen und Verwünschungen schließlich doch das Feld räumte. Herzlichen Glückwunsch, das war ein Honk. Die Stadt ist voll davon.

Ganz kurz zu den Fakten, ich kann es Ihnen nicht ersparen, denn das gebietet mir der Respekt vor der Kochkunst dieses Hauses: Das Menu beginnt mit einem Teller Antipasti, in der Regel eingelegtes Gemüse wechselnder Art, begleitet von einem kleinen Salat.


Hiernach folgt ein Teller mit italienischen Wurstwaren, kurz darauf einer mit Schinken.


Die Gänge 4 und 5 bestehen in der Regel aus kleineren Vorspeisen, Gang 5 dabei gerne aus Pasta oder Gnocci, die Gänge 6 und 7 stellen die eigentlichen Hauptspeisen dar.



Zuletzt folgt noch der Nachtisch, unmittelbar darauf der Espresso nebst Schnaps, wobei Sie hier den Grappa (es ist ein dreifacher, keine Sorge) nehmen sollten, denn den bekommen Sie selten von solch Qualität und Geschmack in einem Lokal, zumal in Berlin.

Fassen wir einen Besuch hier also wie folgt zusammen: Vergessen Sie Balsamicoschaum auf Zuckererbsenjus mit mikroskopisch frittierten Holunderblüten-Spuren, her mit den selbstgemachten Rosmarin-Spaghetti in Olivenöl. Mama kocht zu 19 Uhr. Unverhandelbar.

tl;dr:

  • Pfeif auf die Touristen, es ist ein wirklich gutes Lokal.
  • 56,- Euro - 8 Gänge.
  • Monte Croce heißt Kreuzberg. Kein Scheiß.
  • Sie sollten pünktlich sein.
  • Ja, 19:00 Uhr.
  • Ehrlich, ich meine es gut. 19:00 Uhr.
  • Nein, es gibt keinen Nachschlag.
  • Nein, auch keinen zweiten Espresso.
  • Und auch keinen zweiten Grappa.
  • Ja, die Rechnung kommt direkt nach dem Digestiv.
  • Spätestens Mitternacht fliegen Sie raus.
  • Sie sind Veganer? Nehmen Sie Abstand.

Und sind die Touristen so schlimm wie man sagt sie kennt? Nun, vor mir saßen heuer zwölf rotweinbeseelte Schwaben mit Wollwesten über Karohemden, die zwischen den Gängen irgendwelche mit Zischlauten versehenen Wanderlieder zum Besten gaben, eingehakt und schunkelnd - offenbar ein sadistischer Gesangsverein, bestehend aus lauter Werners und Gudruns (Leute, die in der Öffentlichkeit Wanderlieder singen, Wollwesten mit Karohemden tragen und aus Süddeutschland kommen, heißen immer so, echt). Und hinter mir saß Bernd Riexinger von der Linkspartei mit Entourage. Ist das schlimm? Entscheiden Sie das bitte. Ich bin noch völlig paralysiert.


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Hostaria del Monte Croce
Mittenwalder Straße 6
2. Hinterhof
Kreuzberg
http://www.hostaria.de (Vorsicht 90er! Seite spielt Musik!)

Sonntag, 7. September 2014

Verarsch mich doch (24)


Ich lerne einfach nicht. Ich lerne einfach nicht. Oh nein, ich lerne einfach nicht. Irgendwann hat es angefangen und ich lerne nicht mehr dazu. Wie ein Duracell-Hase mit seinen Patschezimbeln, der immer wieder gegen die Wand läuft. Dengel! Dengel! Patsch! Dengel! Dengel! Patsch! Der lernt auch nichts. Der läuft einfach weiter. Immer wieder. Immer noch einmal. Pam Pam. Gegen die Wand. Und irgendwann ist die Batterie alle und er kippt um. So bin ich.

Denn ich habe wieder Homöopathie gekauft. Homöopathie. Ist er denn des Wahnsinns? Ja. Ist er. Denn er lernt nicht. Das war's. Jetzt ist gut. Es ist vorbei. Evolution abgeschlossen. Er hat aufgehört, sich weiter zu entwickeln. Er lernt verdammt nochmal nicht mehr.

Homöopathie. Was ist es dieses Mal? Hier. Das hier. Mehrmals am Tag 15 Tropfen. Aus dem Deckel trinken.


Aus dem Deckel trinken?

Ja, sagt die Apothekerin. 15 Tropfen. Immer aus dem Deckel trinken. Sonst wirkt es nicht.

Ich kann keinen Löffel nehmen oder mir das Zeug direkt in den Mund kippen?

Deckel. Immer nur der Deckel. Sonst wirkt das nicht.

Na klar.

Und wer macht das auch noch?

Ich.

Ja, ich mach' das, kein Witz. Drei Tage lang saufe ich verdünnte Kacke, die schmeckt wie abgestandene Hundepisse mit Metaxa, direkt aus dem Deckel. Aber klar mach' ich das, immer aus diesem dämlichen kleinen Plastikdeckel, aus dem ich trinken muss, weil es sonst nicht wirkt. Ich muss völlig durchgeknallt sein oder restlos verzweifelt ob des Rotzeknotens, der sich in einem Dreieck zwischen Gehirn, Gaumen und Rachen festgesetzt hat und sich nicht einmal wie sonst mit mehreren dreifachen Wild Turkey verteilt über mehrere Abende wegbrennen lässt.

Also habe ich das Esoterikwässerchen geschlürft. Aus dem Deckel.

Gewirkt hat es nicht.

Natürlich nicht.

Es ist ja Homöopathie.

Die ich bald wieder kaufe. Na klar. Denn ich lerne nicht. Sie weichen mich komplett auf in diesem Homöopathieparadies von Idiotenbezirk. Sie assimilieren mich. Jubeln mir teuren Blödsinn unter. Immer wieder. Wollen mich zum ihrem Ebenbild machen. Ich soll wie sie werden. Bald trage auch ich Batikumhänge. Cordmützen. Hornbrillen. Und Birkenstock. Ist nämlich wieder am Kommen. Ich habe schon die ersten Hipster damit gesehen. In alten Nadelstreifen. Auf Diamant-Fahrrädern.

Bis bald also mal wieder. Denn beim nächsten Dünnschiss wird mir die nächste Apothekerin erzählen, dass ich beim Einnehmen der aus einer Zisterzienserkastanie verdünnten Elchpisse auf dem Wohnzimmertisch Boogie-Woogie tanzen soll. Mit einem Plüschgeweih von Weihnachten auf dem Kopf. Nachdem ich mir den Korken einer Flasche Veuve Clicquot in den Arsch gesteckt und mich mit Erdnussbutter eingerieben habe. Blep Blep.

Bitte sehr. Danke sehr. Verarschen Sie mich doch bald wieder.

Samstag, 6. September 2014

Whisky-Wortspielhölle


Im Eifer der Hektik wurde wieder der Praktikant damit beauftragt, die Überschrift für das Editorial des Aberlour-Katalogs auf dem 15. Whiskyherbst zu Berlin zu finden. Gratulation.

http://www.whisky-herbst.de




Freitag, 5. September 2014

Retrospektive: Ficke


Ich bin ein Arschloch.

Ja, bist du.

Du hast ja Recht. Ich bin wirklich ein Arschloch.

Dann fick dich doch einfach, du Wichser, Alter.

Ja, du kannst mich beschimpfen. Du hast ja Recht.

Fotze Alter!

Es ist einfach so passiert. Wir haben gesoffen.

Arschloch.

Ja, ich bin ein Arschloch, du hast Recht. Ich hätte es dir sagen müssen.

Wir beide, das war mal, Tosh. Beste Freunde am Arsch. Wenn du mich irgendwann mal zufällig irgendwo siehst: Renn.

Hey...

Renn!

(klick)

Das ist zehn Jahre her. Kürzlich sahen wir uns. Er rannte nicht. Ich auch nicht.

Donnerstag, 4. September 2014

Brandenburgs ominöse Westernstadtdollars


Eine Westernstadt. Mitten im Märkischen Sand. Mitten im Nichts. Zwischen mit dem Mut schierer Verzweiflung betriebenen Hofläden, EU-geförderten Landstraßen durch endlose Wälder, menschenleeren Dörfern und den unvermeidlichen Rapsfeldern für den Kleinwagentank.


Peng Peng. So richtig viel los ist nicht. Wahrscheinlich subventioniert man hier in der Brandenburger Ödnis wieder einmal irgendeinen feuchten Traum irgendeines Landrats, der irgendwen kennt, der versorgt werden muss. Immerhin ist es kein Flughafen geworden in diesen Zeiten, in denen fast jeder Landkreis seine eigene ausgestorbene Billigfliegerpiste für nicht existierende Luftfahrtpassagiere baut, während Berlin nicht einmal ... ach ... Berlin, selbst die Witze darüber sind fad geworden.

Doch ich bin heute sehr friedlich gestimmt, denn es gibt Schweinchen. Ganz kleine Schweinchen. Und ich mag Schweinchen. Schauen Sie mal:


Schweinchen sind viel besser als die Videos von Katzen, Ottern, Faultieren oder geplatzen Walfischen an Stränden, die seit Jahren in einer Art sadistischen Endlosschleife durch Timelines, Messengers und seichte Clickbaitblogs geprügelt werden. Kuck mal, ein Kätzchen rollt ein Wollknäuel lol glg hdgdl.

Als ich gerade sinnlos in der Sonne rumhänge, minutenweise älter werde und überlege, was ich als nächstes esse, fällt mir ein Schild auf:


Liebe Gäste, in der Bank können Sie Dollar eintauschen, schreiben sie.

Mit diesen Dollars muss ich die Dienstleistungen der Westernstadt bezahlen, werde ich später erfahren: Fotos in Verkleidung machen, mit der Kutsche fahren, Bogenschießen, Goldwaschen, Ponyreiten und was weiß ich noch. Nur für diese Dienstleistungen brauche ich die Westernstadtdollar. Alle Waren sowie alles, was verzehrt wird, bezahle ich mit regulären Euro aus der Brieftasche.

Warum es hier zwei Währungen gibt?

Na kommen Sie. Das kriegen Sie raus. Warum?

Klar: Der Betreiber traut seinen Mitarbeitern nicht. Keinen Zentimeter. Einen anderen Grund sehe ich nicht, schon gar nicht den einer Vereinfachung, denn es ist keine.

Und für die Waren brauchen sie nur deshalb keine Dollar, weil die Gegenstände genau erfasst und inventarisiert sind. Da kann kein Mitarbeiter irgendwas in die eigene Tasche stecken, ohne dass es irgendwann auffällt.

Anders ist es bei den Dienstleistungen. Keiner kann kontrollieren, wie viele Bogenschüsse verkauft werden. Oder wie oft jemand in der Kutsche sitzt. Auf dem Pony reitet. Gold wäscht. Außer man stellt jemanden ein, der daneben steht und den, der die Dienstleistung ausführt, kontrolliert. Aber den müsste man auch wieder durch jemanden kontrollieren, der wiederum kontrolliert werden müsste und das kostet und kostet und kostet und führt ja zu nichts.

Deswegen tauschen wir Gäste echtes Geld in Westerndollar. Nur weil der Arbeitgeber seinen Mitarbeitern nicht traut, müssen wir Spielgeld eintauschen, mit dem diese außerhalb der Westernstadt nichts anfangen können. Rätsel gelöst.

Es beruhigt mich manchmal, eine sinnvolle Erklärung für Dinge zu finden, die mir auf den ersten Blick unverständlich erscheinen und ich frage mich, ob es hier früher einmal eine Vertrauenskultur gegeben hat, die von ein paar chronisch unterbezahlten Verwegenen planiert wurde, oder ob ein Paranoiker diese Regelung von Beginn an installiert und eine Vertrauenskultur gar nicht erst entstehen lassen hat. Wahrscheinlich zweiteres. Es war bestimmt wieder ein BWLer. Denen traue ich die Überwachung der Toilettengangszeiten zu, um zu erfassen, wer wie lange kackt.

Würde ich es auch tun, würde mir die Westernstadt gehören? Vertrauen? Heute? Hier? Das System sieht wasserdicht aus, die einzige Schwachstelle ist die Dollar-Tauschkasse, aus der heraus unterschlagen werden könnte. Aber da sitzt mit Sicherheit einer der wenigen, die man hier für vertrauenswürdig hält. Die Mama. Oma. Der Landrat. Oder der BWLer selber.

Peng Peng. Mich streift also heute wieder einmal die hässlich-nackte Realität, hinter deren drolliger Fassade der Abgrund hervorlugt. Auf einem kleinen blöden Schild.

Und dann hole ich mir erst mal noch ein Bier und zahle mit Euro, bevor ich in die Kutsche steigen und mit Westernstadtdollar bezahlen werde. Howdy.

Mittwoch, 3. September 2014

Dienstag, 2. September 2014

Urban Mathe



Klugscheißer klugscheißen den öffentlichen Raum. Besser als Werbung ist das allemal.

Montag, 1. September 2014

City West Schnitzeljagd


Hey Kinder, heute fällt die Schnitzeljagd aus, der Onkel hat eine viel bessere Idee: Laufsocken suchen bei Karstadt Sports. Die Laufsaison neigt sich bald dem undankbaren Herbst zu und der Onkel braucht neue Laufsocken, als Ersatz für die alten, die der Sommerschweiß-Ammoniak zerfressen hat. Und hey, bei Karstadt Sports Laufsocken zu finden ist viel schwieriger als Schnitzeljagd, weil es erst gar keine Hinweise gibt. Das was ihr finden wollt, müsst ihr euch alles selber irgendwie erarbeiten - auf drei Etagen. Und Hilfe gibt's keine, denn die Verkäufer, die man kaum erkennt, weil sie aussehen wie ihre bräsigen Jogginghosenkunden, rennen weg wie in diesem bizarren Baumarkt, ihr werdet niemanden fragen können. Har Har, versucht's doch mal mit Astrologie, Pendelschwingen oder Kartenlegen. Astro TV. Kann ja sein, dass euch Free Hilli weiterhilft. Oder vielleicht bringt euch eine Wünschelrute auf den richtigen Weg, vorausgesetzt ihr findet in dieser mit Beton zugekackten Gegend überhaupt noch einen Baum ohne 13 Euro für den Zoo abzudrücken.

Ach ja, und die Laufsocken, die ihr dann irgendwann vielleicht doch mal irgendwo in einer Ecke in diesem furchtbaren Chaos einer der drei konzeptlosen Etagen findet, werde ich bestimmt nicht kaufen, weil ich die bei Tchibo oder Lidl für ein Drittel von diesem Puffpreis bekomme. Und die es auch tun. Ehrlich, Kinder, wenn ihr glaubt, dass ich so bescheuert wäre, für ein Paar No-Name-Laufsocken 13 Euro zu bezahlen, fällt euer Ritalin für diese Woche flach. Nähe Kurfürstendamm. Der Name ist Programm.

Ich weiß ja auch nicht, was die alle an dem Karstadt Sports so toll finden, dass sie mich von Prenzlauer Berg in die vermuffte City West schicken, um meine sowieso schon überteuerte Läuferfetischkleidung zu kaufen, denn das was es hier gibt, gibt es fast überall billiger und schneller. Ist wie bei eurem Spielzeug aus China, das ein paar Wahnsinnige immer noch bei Toys'R'Us in Waltersdorf kaufen anstatt bei Bogdans Garagenfirma im Internet.

Ehrlich, Kinder, Karstadt Sports ist wie Media Markt, den braucht's eigentlich nur noch zum An-und Ausprobieren von Sachen, die man später im Internet bestellt, vorausgesetzt man findet irgendwann mal das, was man sucht in diesem Kinderzimmerchaos von Warenkonglomerat, das wahl- und sinnlos im Raum verteilt ist. Ehrlich, Karstadt Sports würd' ich nicht mal für einen Euro kaufen. So, wer von euch mag jetzt ein Haldol?

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Alter Qype-Text, aus aktuellem Anlass noch einmal aus der Versenkung geholt und leicht umgeschrieben.