Donnerstag, 8. Dezember 2016

Botoxschicksen




Wie wenn du den dicksten Eiterpickel aller Zeiten aufdrückst und er eitert und eitert, und du kannst es nicht fassen. Und dann eitert er noch mehr. Dann kommt Blut, aber du weißt, wenn du ihn jetzt kurz in Ruhe lässt und später wieder drückst, wird noch mehr Eiter kommen, und das willst du eigentlich. Du willst den Pickel gar nicht weghaben, du willst eitern. Endlos eitern.
FiL


Berlin-Mitte und kein Ende. Einer der Nachteile, gelegentlich berufsbedingt an den Hofzeremonien der Oberschicht teilnehmen zu müssen, sind diese sich daran anschließenden Partys in Mitte. Gerne in irgendeinem Club, der eigens dafür gemietet wird. Gästeliste. Klingel. Abstoßendes Schnöselface durch Türklappe: "Name?". Nicht "Ihren Namen bitte." oder "Guten Abend, würden Sie mir Ihren Namen verraten?", sondern nur "Name?". Kaiserzeitgeist. Bezirksamtschic. Berlin-Mitte. Die Dinge widerholen sich immer. Fucking Berlin-Mitte. Ich sollte öfter lügen, wenn die Frage gestellt wird, ob ich Zeit habe, am gemeinsamen Abend teilzunehmen.

Ich hätte absagen sollen. Ein Albtraum feiert sich selbst. Das Grausen stolziert. Drinnen ist Botox. Eine Silkonparade. Abgesaugte Körper. Riesige würdelose Titten, die aussehen wie an Besenstielen angeschraubte Lampen. Ich mag gar nicht hinschauen. Ein ganzer Stall voller Angst vor dem Altwerden. Was sie da auf ihr Gesicht schaufeln, ist schon keine Kosmetik mehr, das ist Fassadenmalerei, sinnlose zumal, denn die Falten schimmern durch, sie wirken wie mit hautfarbener Paste geflutete Furchen. Wie sehen diese Menschen morgens aus, wenn irgendein armer Hund neben ihnen aufwacht? So leben die? Sind die glücklich so?

Sollte ich mich jemals erschießen wollen, werde ich es in so einem Kreis tun. Nichts erscheint mir passender. Hier erleiden Sie direkt, ohne Umschweife und voll in Ihre Fresse gedonnert die nüchternste aller Tatsachen, dass sich mit der Welt nichts zum Besseren wenden wird. Dass es immer so bleiben wird wie es ist. Denn egal in welcher Konstellation: Diese Menschen wachsen immer nach und es wird immer welche geben, die hier rein wollen, hier hoch wollen, hoch zu diesem Ort, zu diesen Leuten, bei denen ich heute zufällig, eher versehentlich stehe. Und einen Monatslohn dafür zahlen würde, hier ohne Gesichtsverlust raus zu dürfen.

Sie reden tatsächlich über Prominente. Irgendeine Kardashian. Ivanka Trump. Megan Fox. Wie scheiße die jetzt aussieht. Hallo, guten Tag, ist Dunning-Kruger im Haus? Meine Hochachtung, so viel Selbstverleugnung, Eigenüberschätzung und bodenlose Realitätsblindheit finden Sie sonst nur in den Beletagen meines Arbeitsplatzes, dem Borgwürfel, wenn die Führungskräfte sich selbst für Leistungen feiern, die andere erbracht haben. Hier stehe ich mit Glas in der Hand in einem üblen Puff voller übler Gestalten ohne Charakter. Berlin-Mitte spielt Münchner Schickeria. Und das nicht mal gut. Ich nehme ihnen das Nachgeäffe nicht ab, habe aber auch keine Vergleichsmöglichkeit, weil ich die Münchener Verhältnisse nicht kenne, sondern nur das, was man sich gemeinhin darüber erzählt. Ich gebe mir Mühe, meine Verwunderung nicht allzu offensichtlich in meinem Gesicht zum Ausdruck kommen zu lassen. Das hier ist alles? Das kann es doch nicht sein. Das sind sie? Die mit der Macht? Dem Geld? Solche Leute sind das? Mehr steckt da nicht hinter? So einfach? Ganz normale Bratzen? Nur reich?

Während ich überlege, welche Uhrzeit die frühstmögliche Gelegenheit ist, mich geräuschlos von hier zu verpissen und mich mit einer Dose Jacky Cola und den alten Chaos Z-Stücken im Player ans Ufer der Spree zu stellen, drehen sich die Gespräche allen Ernstes um das Kleid von Helene Fischer, die Skihütte am Potsdamer Platz, die Monkey Bar oben im neuen Bikini Haus und den Champagner im verdammten Adagio. Wundert mich, dass die da hingehen. Sollten die nicht bessere Clubs haben? Ich dachte, es gibt irgendwo bessere Clubs. Von denen Leute wie ich nichts wissen.

Geld. Immer wieder geht es um Geld. Nix mit Understatement, das ich erwartet habe. Offenbar spricht man hier darüber wie über die prämierten Katzen zuhause, um die sich ein Sitter kümmert. Oder ein Butler, was weiß ich. Ich höre immer wieder Geld. Das sie bekommen, investieren, ausgeben, verballern, einfach haben. KaDeWe. Immer KaDeWe. Die Oligarchenbude. Sie fragen mich nach meinem Job, eine Frage, die in diesen Kreisen dazu dient, den ungefähren Verdienst herauszufinden und daraus abzuleiten, ob sich eine Einladung zur nächsten Poolparty irgendwo auf einem Dach in Steglitz oder an einem Klein-Venedig-Wassergrundstück in Köpenick anbietet. Sie fragen mich sehr routiniert, fast beiläufig, doch ich sehe, dass sie die Antwort nicht interessiert, denn ich sehe trotz passender Garderobe nicht aus wie jemand von ihnen. Die Attitüde, es ist immer die Attitüde, Typen wie ich sind maximal Begleitung, nie die erste Geige. Das war noch nie anders. Ich gehöre da nicht hin. Das sehen die auch. Und ich wusste es schon vorher.

So viel ungebändigte Dummheit gepaart mit plakativer Herablassung finden Sie abseits des Politbetriebs selten so konzentriert an einem Ort. Hier prassen die Reichen. Bedient von einer Dienerschaft in schwarz-weiß. Da kreist er um sich selbst. Der Pickel am First der Stadt. Haben Sie Respekt vor denen? Angst etwa? Wenn Sie die Möglichkeit haben, schauen Sie sich diese Gestalten einmal aus der Nähe an, hören Sie ihnen zu, saugen Sie das Mark des Hochmuts in sich auf. Es besteht kein Grund für Respekt. Und für Angst sowieso nicht. Das sind keine guten Menschen. Es ist nur ein Pickel.

Die Oberflächlichkeit der Konversation ist für mich Schwerstarbeit, also übe ich mich über Stunden in dümmlichem Grinsen und stoischem Nicken. An den richtigen Stellen brumme ich. Das reicht für den Moment. Als in der Runde postuliert wird, dass man auf dem Kurfürstendamm ja nicht mehr einkaufen gehen könne, weil das ganze H&M-Pack jetzt auch dort flaniert, wünsche ich mir nichts mehr als dass diese Nacht endlich zu Ende geht. Dass Feierabend herrscht. Ach was, eigentlich wünsche ich mir einen Meteoriten. Direkt auf Berlin-Mitte. Armageddon. Zusammenstoß mit der Erde und gut. Weg mit den Schmocks. Oder gleich ganz weg mit der Menschheit. Es bringt einfach nichts. Denn sie bilden immer wieder solche Pickel heraus. Es wird schlicht nicht besser.

Welchen Sinn hat es, solche Leute zu alimentieren? Und wie hoch ist eigentlich die Chance, dass ein wütender Mob aus den Benachteiligten der Banlieues von Hohenschönhausen bis Marzahn jemals in Mitte einreitet, diese fürchterlichen Snobs an den Extensions aus den Clubs zieht und zum Putzen in die Schulklos ihrer zerrütteten öffentlichen Schulen ablädt? Null vermutlich. Das wird nie passieren. Das ist schade. Ich würde diese Schießbudenfiguren hier so gerne Klos putzen sehen.

Bevor ich endlich gehen kann, labere ich aus reiner Freude über meinen nahenden Abgang nur Scheiße. Nachdem noch einmal die Frage nach meinem Job kommt, die ich vorhin recht geschickt übergangen habe. Ich erzähle, dass ich bei einem Rüstungskonzern angestellt und gerade aus Amman zurückgekommen bin, wo ich an Geheimverhandlungen mit dem russischen Militärattaché und dem Residenten des neuseeländischen Geheimdiensts teilgenommen habe. Es ging um Öl. Und Braunkohle. Und Waffenlieferungen für Paramilitärs. Ganz geheim. Ich dürfe das alles eigenlich gar nicht erzählen.

Doch wie immer ist es scheißegal was ich erzähle. Alle nicken blöd. Glotzen mich mit seelenlosen Augen an. Tun so als interessiere sie mein Geschwafel. Dabei haben sie gar nicht zugehört. Ich könnte sonstwas erzählen, Atom-U-Boote, bulgarische Nutten, ein Deal mit dem Sultan von Oman, es spielt gar keine Rolle. Während ich noch denke wie bescheuert das alles hier ist, ist das Thema längst ein anderes. Jetzt geht es um Urlaub. Nicht in Amman, sondern in Griechenland. Da könne man ja nicht mehr hingehen. Alles so abgerissen inzwischen dort. Griechenland geht gar nicht mehr. Kein Flair.

Dann gehe ich. Einfach so. Ich sage nicht mal Tschüss. Die, mit denen ich da bin, finde ich sowieso nicht wieder. Bar. Dachterrasse. Weinkeller. Irgendein Balkon. Mir doch egal wo die sind. Ich bin sowieso betrunken. Aber für eine Dose Jacky Cola reicht es immer. Beim Vietnamesen gekauft. Irgendeine Bude. Münzstraße. Mit Kühlschrank voller Dosen. Und als ich dann an der Spree auf der Höhe vom Monbijoupark stehe, die neue Metallica im Ohr, Dose in der Hand, blockiert dieser eine Gedanke alle anderen: Wann habe ich aufgehört zu glauben, dass sich die Dinge bessern? Wann war das? Ich kann das nicht festmachen, es schlich sich langsam ein, in Etappen, von Mitte-Party zu Mitte-Party. Zu Mitte-Party. Bis heute. Zu dieser Mitte-Party. Jetzt ist es passiert. Etwas ist kaputt gegangen. Jetzt habe ich losgelassen.


yok


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Vielen Dank für die ganzen rustikalen Verfahrensvorschläge in den Kommentaren mit Blick auf die Menschen, die ich getroffen habe. Leider kann ich sie nicht freigeben. Formulieren Sie bitte nichtjustiziabel.



Mittwoch, 7. Dezember 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 7. Dezember 2016



Haha. Brandenburg hat mich geblitzt. Auf der Autobahn mit 118 bei 100. Und dem kleinen Finger in der Nase, vulgo: Beim Popeln. Ich bin der neue Antiheld der Bußgeldstelle. Wenn also bald das Bild eines popelnden Irren in einem motorisierten Fön auf vier Rädern in Ihrer Telegramgruppe autaucht: Ich bin das.

Noch was? Ja. Ich bin mit einem Helikopter geflogen. Genau genommen habe ich mich fliegen lassen. Ich habe als Jugendlicher mal eine Liste mit fünf Dingen geschrieben, die im Leben mal machen will. Da kam nie was dazu. Mehr Wünsche habe ich nicht. Einen kann ich jetzt streichen.

Von oben sieht die Stadt gar nicht mal so verkackt aus:




Und gegessen habe ich wieder. Dem Kiezschreiber hinterher. Er faselte irgendwann irgendwas über drei Witwen aus Wilmersdorf.


Les 3 veuves de Wilmersdorf. Französisch. Bistro. Französisch mag ich sowieso (findet sich bitte ein Depp, der jetzt diese Kindergartenanspielung auf Oralsex bringt? Gnihihi Französisch mag er. Gnihihi.). Wilmersdorf. Der langweiligste Ortsteil der Welt. Noch schlimmer als Dahlem. The fuck. Für diesen alten verkrachten Schriftsteller aus Schweppenhausen fahr' ich sogar hierher. Ich vertraue dem eben.

Das Problem an dem Lokal ist, dass Sie über den Fehrbelliner Platz müssen. Der Fehrbelliner Platz ist eine brachialhässliche 60er-Jahre-Scheißdreck-kombiniert-mit-wuchtigen-Nazibauten-Senatsbeamtenhölle. Bei schlechtem Wetter laufen Sie Gefahr, sich vor einen Laster werfen zu wollen, so hässlich ist das hier. Städtebau als Körperverletzung. Uargh. Ich war mal in einem dieser Bauten bei einem Kundengespräch mit einem dieser hirnlosen Senatsbüttel, die, wenn Sie nicht aufpassen, vor Ihrem Auge mit der grauen Wand hinter sich verschmelzen. Gähnende Leere auf den Fluren. Alle Türen zu. Keiner spricht. Seelenlose Menschen in seelenlosem Beton. Kein Beamtenstand kann es wert sein, hier zu arbeiten.





In der Fechnerstraße ist das Bild nur unwesentlich stimmungsvoller. Sie haben hier die Uhr angehalten. 1963. Wenn Sie wie ich aus dem völlig überdrehten Prenzlauer Berg anreisen, können Sie hier fabelhaft entschleunigen. Endzeitfilm. Hier lebt nichts. Es ist Samstag Mittag. Der Einzelhandel hat geschlossen. Westberlin schläft.


Der Laden selbst ist weniger Restaurant, eher ein kleines Bistro. Für Samstag Mittag ist es nicht überlaufen, dennoch würde ich reservieren. Safety first. In Prenzlauer Berg wäre das Ding um 11 schon komplett dicht.


Der Service spricht einen unfassbaren Kauderwelsch im Dreieck Deutsch-Französisch-Englisch. Sie müssen oft raten, was er will, im Zweifel hilft dümmliches Grinsen, das kann ich besonders gut, ich bin borgwürfelgestählt. Dort an meinem Arbeitsplatz müssen Sie den ganzen Tag blöd grinsen. Vorgesetzten. Kunden. Investoren gegenüber. Ich kann das gut. Viel mehr braucht es eigentlich nicht. Die Leute hören sich sowieso viel zu gerne reden, sie wollen gar nicht wissen, was Sie dazu zu sagen haben. Hier klappt es auch. Ich grinse blöd und irgendwas passiert. Im Zweifel kommt Essen. Oder Trinken.


Ich esse zunächst Dreierlei von der Foie Gras. Einmal warm als ganzes Stück. Dann als Mus. Zuletzt als Pastete. Mit frischem Brot. Knapp 20 Euro dafür, die es wert sind. Ja, ich weiß, es ist gestopfte gequälte Gans und es ist mir immer noch egal. Wählen Sie grün, wenn Ihnen das nicht passt und bauen Sie darauf, dass Grün auch das verbietet. Bis dahin esse ich das. Bis dahin gilt Survival of the fittest. Und die Gans ist nicht fit. Deswegen fress' ich ihre Fettleber und ziehe gleich drei schlappe Wochen von meiner Lebenserwartung ab. Das ist es wert. Foie Gras ist es immer wert. Bei Foie Gras scheiß' ich noch mehr auf den Tierschutz als sowieso schon. Keine Kompromisse. Kein Einlenken. Kein Fußbreit. Hier. Reste, lecker:


Kiezschreiber Eberling empfahl den Widow Burger und schrieb dazu:

Zweihundert Gramm saftiges Fleisch – wie ein gutes Steak außen cross gebraten, innen rosa - mit Käse, Zwiebeln, Salat und Avocados. Der Burger wird nach seiner Fertigstellung noch einmal komplett in einen Teigmantel gehüllt und frittiert.

Nein. Das ist mir zu krass. Ich habe mit der Fettleber bereits mein Leben wirksam verkürzt und nehme den Classic Burger. Für einen Zehner. Der ist von den Zutaten her sehr gut, das selbstgemachte Patty schweinchenrosa wie es das sein muss. Nur das Handling ist eine Katastrophe. Da das Fleisch nicht ausreichend abgetupft wurde, durchweicht es das Bun in kürzester Zeit, wonach mir das Teil nach der Hälfte auseinanderfällt und als Burgermatsch auf dem Teller zurückbleibt. Es ist der klassische Fehler, der Ihnen leider viel zu oft das haptische Erlebnis versaut. Also dann doch lieber Teigmantel das nächste Mal. Oder ganz was anderes. Schade, echt schade. Hier, mehr Reste:


Dennoch: Ein sehr gutes Lokal. Vielleicht das nächste Mal keinen Burger nehmen, sondern was anderes von der ausgezeichnet sortierten Karte. Fisch können sie auch, habe ich mir vom Gegenüber versichern lassen. Zumindest die drei Vorspeisen - Foie Gras, Jakobsmuscheln und die Pâté vom Fasan - waren phänomenal. Schönes Ding. Französisch ist sowieso toll (gnihihi). Ich gehe da wieder hin. Sie können das gerne auch tun. Es ist überwiegend sehr gut.

Les 3 Veuves de Wilmersdorf
Fechnerstraße 30
Wilmersdorf
http://www.les3veuves.de
2 Personen, 3 Vorspeisen, Hauptspeisen, Wasser, Saft, kein Alkohol, 75 Euro (die zu einem guten Teil auf die Foie Gras-Variation gehen, für die ich weniger gar nicht zahlen mag). Preislich grenzwertig. Der Burger ist mit seinem Zehner eindeutig zu teuer. Den nehme ich nicht mehr.

Jetzt endlich zu den scheiß Friseurnamen, heute ein Klassiker, selbstgeschossen in Pankow-Heinersdorf:


Die gute alte Haarmonie. Sehr einfallsreich. Vor allem mit den neckischen Anführungsstrichen um das "Haar" herum, damit auch der letzte Idiot merkt, dass er es hier mit einem superwitzigen Wortspiel zu tun hat.

Superwitzig auch der pissende Hund vor dem Eingang:


Nein, nicht superwitzig. Superdämlich. Ich hätte als Inhaber der Konsequenz wegen einen kackenden Hund als Maskottchen gewählt. Das würde zum einen zu Berlin (die guten alten zugeschissenen Bürgersteige, wissen Sie doch, na klar) und zum anderen zum superkreativen Wortspiel des Ladens passen.

Jochen vom famosen Blog Netz 10 aus Nürnberg hat das letzte Wort zur unseligen Friseurkiste, danke dafür:


Die Links. Read this:


Das MagazinIch habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt
Okay, das Ding hat die letzten Tage nun wirklich jeder gebracht, der Links auf seine Seiten klebt. Einmal durchgenudelt. Mit Recht. Wenn Sie den nicht gelesen haben, ist das ein toter Winkel. Sie haben da was verpasst. Mich hat der Text geflasht und deshalb will ich ihn mir auch hier rein kleben, auch wenn ihn schon jeder kennt. Datenmodelle beeinflussen Wahlen. Und Rechts ist skrupellos genug, das zu nutzen. Und so weiter. (via fefe und fünf Millionen anderen)

Gegenstimmen dazu:

jensscholz.comHat ein Big Data Psychogramm Trump wirklich den Sieg gebracht?
DigitalistanHat wirklich der große Big-Data-Zauber Trump zum Präsidenten gemacht?
Beide Gegenstimmen überzeugen mich Null, haben es aber im Windschatten ihres Anlasses immerhin ins obere Feld von Rivva, einem nicht irrelevanten Blogaggregator, gebracht. Zu lesen ist viel Emotion, viel Gefühl, wenig Substanz und noch weniger Tiefe. Enttäuschend flach. Beide Autoren finden den Bezugstext doof, weil sie den Text doof finden. Außerdem finden sie es unerhört, dass das Ding so oft geteilt wurde. So gut sei es doch nun wirklich nicht. Beide Statements lesen sich ein wenig wie von einem zu kurz gekommenen Teenager verfasst, dem nach dem dritten Share in der Timeline der Arsch platzt: "Das gibt's doch nicht. Wieder einer, der das Ding teilt. Eigentlich hätte ich so einen megamonsterviralen Text auch gerne geschrieben, aber ich bringe sowas nicht, deshalb schwirren jetzt die Namen Mikael Krogerus und Hannes Grassegger wie irre durchs deutschsprachige Internet und nicht meiner. Aber hey, warte. So viel Einstimmigkeit ist meine Chance. Ich schieße mal schnell ein Ding dagegen ab, vielleicht fällt ja ein bisschen von dem Fame ab. Huhu, hallo, hier, ich bin die Gegenstimme. Klickt mich, liket mich, sharet mich. Bitte!" Mehr kommt nicht rüber. Zwei Nichtschwimmerbecken. Als Text. Flach.

Serdar Somuncu... und deswegen kandidiere ich als Bundeskanzler
Das wäre endlich mal eine Überlegung wert. (via fefe)

Hirnfick 2.0Was hat Sascha Lobo eigentlich gegen eine liberale Gesellschaft?
Oha. Eine Charta der Digitalen Grundrechte. Nicht weniger durchgenudelt, jedoch in der breiten Mehrheit verlacht und in Grund und Boden kritisiert. Wahrlich kein Glanzlicht. Die Anti-Hatespeech-Aktivisten, die jedes böse Wort aus dem Internet radieren wollen, haben ihre sowieso schon überpräsente Agenda ein weiteres Mal beinespreizend platziert. Da steht, digitale Hetze soll verhindert werden. Und verpflichtet dazu werden staatliche Stellen und alle Betreiber von Informations- und Kommunikationsdiensten. Das ist ein Gummiparagraph, den Sie gegen alles einsetzen können, vermutlich sogar gegen die Urheber selber. Es schüttelt mich bei dem Gedanken, dass man den Kleingeistern irgendwann einen Button zum barrierefreien Denunzieren in die Hand drückt, mit dem sie unbotmäßige Schreiberlinge an eine staatlich eingesetzte Kommission voller netzfeministischer Borderliner melden können, die dann über eine Löschung entscheiden. Ich fürchte jedoch, genau so etwas wollen sie haben. Und sie kommen immer wieder mit sowas. Bis sie es durch haben.

Drastischer in seiner Kritik, aber keinesfalls falsch: Er hier. Der Elfenbeinturm in der Nische der digitalen Bohème gibt sich Digitalrechte, die an der Wirklichkeit der Vernachlässigten im Land vorbeirauschen. Würde ich nicht zufällig ein paar Blogs lesen, hätte ich es nicht bemerkt. Das Fatale: Der Elfenbeinturm verliert die Menschen und Rechts sammelt die ein.

Lesen sie dazu auch Kompa.

Ergänzend:

YouTubeMaischberger 30.11.2016 | Vorwurf "Lügenpresse" - Kann man Journalisten noch trauen?
Diese Sabbelsendungen schaut ja kein Mensch mehr. Sie sind ja auch unschaubar. Selbstgefälliges Geschwafel eitler Schwafelrunden. Diesen Link jedoch habe ich im Forum des Tagesspiegels aufgelesen und die Sendung ist überraschend interessant. Und dass sie so interessant ist, liegt bizarrerweise an diesem Berliner Pegidabusfahrer, den sie tatsächlich ausreden lassen anstatt ihn niederzubrüllen und der den neben ihm sitzenden Sascha Lobo - und das ist für mich wirklich schwer auszuhalten - streckenweise sehr alt und ... ja ... blasiert aussehen lässt. Wie einen in die Defensive geratenen Vertreter der herrschenden Meinung, der mit seiner ritualisierten Rhetorik nicht mehr durchkommt. Da war ich sehr froh um Vera Lengsfeld als zweite Rechte der Runde, die von allen Teilnehmern mit Abstand am meisten abgestunken hat und streckenweise argumentativ völlig untergegangen ist, so dass sich Herrn Lobos hilflose Textbausteine aus der privilegierten Berlinblase wieder etwas relativieren. Doch ganz ehrlich: Noch ein paar solcher Auftritte in Gegenwart von solchen Busfahrern von Gegenüber und die altsaturierte Empörungsmaschinerie kann einpacken. Im Ernst: So kriegt ihr die nicht klein.

Anderes Thema. Mal ganz global verlinkt:

Stop Corris & Co. (Drückerkolonnen, Spendenkeiler, Chuggers)
Ich bin ja vorsichtig mit Zuschriften, in denen mir irgendwelche Blogs zur Verlinkung empfohlen werden. Den hier habe ich mir jetzt eine Weile angeschaut und ich denke, er ist keine Querflöte, Truther oder zwielichtiger Agendasetter. Es geht um diese Spendendrücker, die Anquatscher in den Fußgängerzonen, vor Einkaufszentren oder an den Bahnhofsausgängen, die mich immer schon nerven. In der Fachwelt heißen sie Dialoger. Ich nenne sie Drücker. Oder Charakterlose. Nervensägen. Bastarde. Arschgeigen. Suchen Sie sich was aus. Ich hasse die. Wie jeden, der mich anquatscht.

Der P: vom Leben gezeichnetDie Vollpfosten-Säufer-Bild-Kamera-Halterung für die Flasche des Vertrauens
Und sie werden das kaufen.

Devil InsideDas gehört sich so?
Bada bing bada boom.

Studio GlummDie Kichererbse
Brett.

Zwischen zwei FlügelschlägenEin Akt der Piraterie
Ein Arsch. Er entert das Mitteldeck. Und wenn er zuhause ist, schreibt er Kommentare ins Internet.

WeddingweiserInmitten der verstrahlten Bohemiens vom Leopoldplatz
Wedding, bitch.

KiezschreiberNeulich im Dom
Ich bin eine Muse. Nur bitte: Fotze mit F. Immer mit F. Nie mit V.

LandLebenBlogDie alte Linde
Baumgeschichte.

Tanos Katzentisch...Was für ein Käse...
Ich kann den Stinker fast aus meinem Tablet heraus riechen. Schon mal bei Herrn Moser Käse verkostet?

Literatur:

Genuss ist NotwehrAngst vor dem "Pöbel"
Burks' BlogRevolt of the poor
Zwei Stühle, eine Meinung. Zu Christian Baron - Proleten Pöbel Parasiten - warum die Linken die Arbeiter verachten.

Vielleicht fehlt es mir wirklich an theoretischem Unterbau (tut es, ich habe keine Ahnung, was Marx von Engels und den wiederum von Lenin unterscheidet, ist mir auch egal), aber ich finde das hier empfohlene Buch immer noch in Teilen recht verkopft, auch wenn sich Herr Baron (sehr geiler Name in dem Kontext übrigens) viel Mühe gibt, volksnah zu schreiben. In der Sache dürfte er weitgehend recht haben. Niemandem da draußen hilft eine universitär verriegelte Blase voller Mimosen, die sich gegenseitig ihre superkorrekten Korinthen aus dem Hintern pulen. Es braucht einen aufgeklärten Populismus, der dem von Rechts wirksam gegenüber steht. Was es nicht braucht, sind Sprachpolizisten, übergriffige Schreihälse und Agitation/Propaganda/Manipulation über eine Presse, die immer weniger Menschen erreicht. Was auch nicht braucht, sind Nazikeulen, feierlichstes kleinteiliges Abgrenzen und die Suche nach dem Haar in der Suppe eines jeden, der sich traut, etwas zu sagen. Die mit Abstand meiste Hasspost bekomme ich übrigens von links. Von rechts kommt allerhöchstens mal ein verknustes "Also da stimme ich nicht mit dir überein, weil...", flankiert mit - verdammt nochmal - Argumenten! Was ist da los?

Einige Male widerspricht sich Herr Baron. So fordert er die Linken auf, beim Fußballpatriotismus nachsichtiger mit den fähnchenschwingenden Flachbirnen zu sein, echauffiert sich aber ein paar Kapitel später über den in der Tat blöden, stumpfsinnigen Idiotenfilm 'Fack ju Göhte", dessen Agenda (die da unten vom Prekariat sind voll die Assis) niemand von den Linken substanziell angreife. Das geht nicht zusammen. Hü oder hott. Arsch oder Eimer. Ex oder Arschloch.

Nein, dennoch ein gutes Buch. In weiten Teilen sehr richtig und, vor dem Hintergrund, dass es ein Soziologe geschrieben hat, oft auch erfreulich direkt. Mit Herrn Baron kann man sich gut vorstellen ein Bier trinken zu gehen. Das geht mir mit vielen der strenggläubigen Esoterikern, die unter dem Label "Links" surfen, nicht so. Einen noch: Der Titel ist Schrott. Proleten Pöbel Parasiten. Alberne Alliterationen Anbringen. Schnafte Schnitzel Schnabulieren. Reißerisch Rücksichtslos RTL. Bi Ba Butzemann.

Musik:

YouTubeStromae - Quand c'est
Vielen Dank, Anonym vom 30. November 12:56 Uhr für diesen Musiktitel. Toller Typ. Toller Song. Stromae ist in der Tat ein ganz Großer.



Sonntag, 4. Dezember 2016

Berlin-Mitte-Blues



Mitte.


Leergefegt.


Huhu.


Die Hauptstadt mitten in der Woche an einem Abend im November.


Ihre Läden geschlossen. Kaum Menschen zu sehen.


Dabei ist die Stadt so voll, denke ich häufig. Wenn ich abseits der Touristenwege unterwegs bin, die nach Einbruch der Dunkelheit so öde werden. Die Stadt ist voll geworden, denke ich. Wenn ich da bin wo alle sind, an den Orten, an denen die sehr viel mehr gewordenen Einwohner unterwegs sind, an denen sie umsteigen, einkaufen, ihre Kinder spielen lassen, leben, an Orten, die nicht die neue glashausbetonbewehrte Mitte sind, spüre ich, wie voll die Stadt wird. Die S-Bahnen voll. Die Schönhauser Allee voll. Der Kollwitzplatz voll. Die verspießerten Kuchencafés voll. Die Tram M4 die Greifswalder Straße hoch. Überfordert. Voll. Sie kommen da kaum rein. Die Stadt stöhnt unter den hunderttausenden hinzugekommenen Einwohnern und dieser Unmenge an Übernachtungsgästen, auf deren Rekordzahlen sie so stolz sind. Berlin fasst die 4-Millionen-Grenze in den Blick, was nicht schlimm wäre, hätten die Verantwortlichen ein Konzept dafür, wie wir hier leben wollen. Verkehrswege. Infrastruktur. Verwaltung. Ausdehnung statt Verdichtung. Nichts. Keine Idee. Die Stadt wuchert. Meistens im Hochpreissegment. Normalverdiener kloppen sich um die selten gewordenen freien Objekte. Ansprüche runter, Kosten rauf. Sie sind Erbe und siebenstellig potent? Dann kaufen Sie jetzt. Am Besten in Mitte. Hier ist es schön ruhig, wenn die Touristen schlafen oder in den Friedrichshainer Bretterbudenclubs überteuerte Caipirinhas kaufen und sich fühlen als wären sie in Berlin, dabei verkaufen schneidige Windige nur noch das Abziehbild. Eine Illusion. Aber das merkt niemand mehr.


Unter den Linden. Hier muss irgendwo das Reiterstandbild sein. Friedrich der Große. Ich sehe es nur nicht, weil hier wie überall in Berlin seit Jahren gebaut wird. In der Stadt wird immer jahrelang gebaut, egal was. Schulen über Jahre eingerüstet, Schwimmhallen, ganze Straßenzüge verrammelt. Manchmal reißen sie die Asphaltdecken auf, um Rohre zu verlegen, schütten die Löcher wieder zu und planieren drüber, nur um die selbe Stelle ein paar Wochen später wieder aufzureißen, um Kabel zu verlegen. Dann verdient jemand viel Geld. Mehr als sein müsste. Immer wieder aus Mitteln der öffentlichen Hand. Berlins legendärer Bausumpf, dieser Selbstbedienungsladen von Gnaden einer verfilzten SPD, die diesen Seilschaftenstall seit 1989 ununterbrochen mitregiert, wurde nie trocken gelegt, es berichtet nur niemand mehr darüber und es interessiert auch niemanden mehr, wer welchem Parteifreund die Manteltaschen voll macht. Postdemokratie. Hier tritt einer, der gerade einmal 1/5 derjenigen, die überhaupt noch wählen gehen, hinter sich bringen konnte, nicht voller Einsicht, dass ihn rekordverdächtig wenige da oben sehen wollen, zurück und geht seine wahlschlappengewordene Demütigung in der Kneipe wegsaufen, um wenigstens noch ein wenig Restwürde zu wahren, sondern lässt sich würdelos mit einem selbstverständlichen Natürlich-Weiter-So zum Regenten wählen, worüber sich gar niemand mehr aufregen mag, weil derlei Gebaren normal geworden ist. Sowieso: Über der Stadt liegt eine Apathie, die inzwischen alles hinnimmt. Die Hochglanzprospektisierung von Mitte. Die Geldflüsse an Günstlinge. Die volle Bahn. Die kaputten Rolltreppen. Die Schlaglöcher. Die ruinierte Verwaltung. Das Heer an Obdachlosen, von denen jetzt im Winter, wenn Sie über den Ring fahren, an gut jeder Station einer einsteigt und seine Vita für ein paar Groschen feilbietet. Niemanden schert das mehr. Berlin-Mitte. Heimatmalereikitsch. Der Ort hat mich abgehängt. Ich finde mich nicht mehr zurecht. Kann nichts mehr damit anfangen. War schon lange nicht mehr hier. Ich sehe das Reiterstandbild Friedrichs des Großen nicht. Wo ist es hin? Haben sie es versetzt? Die Sicht ist vollbebaut. Für Jahre. Als Jugendlicher habe ich als wöchentliches Ritual gegen das Reiterstandbild gepinkelt, wenn ich besoffen aus dem Uni-Club der Humboldt um die Ecke gekommen bin, den es auch schon lange nicht mehr gibt. Dann haben sie den Reiter eingezäunt. Mit einem lächerlich kleinen Zaun, der niemanden vom Dagegenpinkeln abhalten konnte. Jetzt ist die Prachtstraße eine Baustelle. Es gruselt mich bei dem Gedanken, dass das alles hier irgendwann tatsächlich fertig wird. Wenn die Bagger und Kräne weg sind, wird Mitte endgültig Disneyland sein. Noch mehr Kulisse. Und noch mehr Gestalten mit blöden Hüten und Selfiesticks, die das knipsen. Ein Tourist fragt mich nach dem Brandenburger Tor. Ich schicke ihn in die Klosterstraße.


Dann wende ich mich ab, weil ich den Ort nur noch schwer mit Erinnerungen verknüpfen kann. Ich sehe noch mehr Kräne. Irgendwelche reaktionären Pickelhauben aus der Gruft der Preußennostalgiker lassen dem Kaiser wieder ein Schloss errichten. Scheint als wäre es bald fertig. Es braucht also endlich wieder einen Krieg. Damit das Ding wieder weg kommt. Hurra. Hurra. Werft die Hüte.


Ich bin auch abseits dieser Postkartenkulisse für weserbergländer Omas, die Bilder knipsen, die nie jemand freiwillig schaut, nicht gerne in Berlin-Mitte. Hackescher Markt. Oranienburger Straße. Langweilige Läden mit langweiligen Kuchen. Langweilige Bauten mit langweiliger Vollverglasung. Langweilige Menschen mit langweiliger Attitüde. Glanz und Geld und Protz. Dazu muss ich nicht nach Mitte. Prenzlauer Berg ist voll davon. Nicht mal Touristen wollen mehr an meine Haustüre kotzen, seit Monaten hat das keiner mehr gemacht. Warum auch. In Prenzlauer Berg wird nicht mehr gesoffen, nur noch geknipst. Hier fährt keiner mehr hin, sondern nur noch durch. Und kotzt maximal noch die S-Bahn voll. Am Ostkreuz.


Ich werde Ben Becker sehen. Ein kaputter Typ. Ich mag kaputte Typen. Aus meinem Umfeld mag den keiner. Warum eigentlich? Schauspieler müssen so sein. Fertig. Durchgenudelt. Koksnasig. In ein paar Jahren werden sie ihn vermutlich auffinden. Mit dem Gesicht nach unten. Ein Hotelzimmer. Getrocknetes Blut an der Nase. Er wird einfach umgekippt sein. Der Cocktail. Die Mischung aus den Dingen ist es immer, die die Leute umwirft. Immer die Mischung. Der Cocktail. Früher war er mal niedlich, der Ben. Jetzt wird es Zeit. Ich kann mir den nicht mit 70 auf einem roten Teppich vorstellen. Kein Bild vor dem Auge. Der mit 70? Bitte nicht.


Natürlich versagt der Einlass in den Berliner Dom. In Berlin versagt der Einlass immer und es ist nicht die Schuld der Mitarbeiter, sondern der Personaldisponenten, die immer zu knapp planen und zu wenige Leute einsetzen, weil das gut für die Rendite ist. Sie haben für den ganzen Dom einen lausigen Eingang geöffnet, an dem sie zwei lausige Mitarbeiter postiert haben. Zwei Kartenabreißer für alle Zuschauer des gesamten ausverkauften Doms. Effizienzrendite, ihr Pottsäue. Könnte man Exceltabellen essen, würde ich sie euch ins Maul stopfen. Alle hundert Tabellenblätter. Optimierung. Effizienz. Das Ergebnis ist Warterei. Warterei. Endlose Warterei. Entnervende Warterei. Zum Töten langweilige Warterei. BWL sollte verboten und ihre Anwendung mit Ausweisung belegt werden. Nach Mossul.


Ich stehe mir die vergammelten Chucks in den Arsch. Mit mir steht die Kulturschickeria. Auch wegen denen ist Berlin-Mitte unbetretbar. Wenn ich mich umschaue wird klar: Sie haben den Ort eingenommen. Er gehört jetzt ihnen. Subventionen. Humboldt-Uni. Förderkreise. Laberrunden. Vernissagen. Hirschbratenplautze meets Veganerfurchen. Canapés. Stößchen. Dumme Brillen an dummen Brillenketten. Abgehobene Diskussionen über abgehobene Themen. Großmäuliges Gehabe mit verpuffender Wirkung. Berlin-Mitte ist ihr Vulkan. Und bald haben sie für ihren Tanz dieses fürchterliche Hohenzollernschloss. Dort werden sie Hof halten. Finanziert von EU, Senat und der Kulturstiftung des Bundes. Abseits vom Rest der Stadt. Fragen: Was braucht es, um diesen Pickel auszudrücken? Was kann ich tun?


Was kommen muss, kommt. Auf meinem Platz sitzt ein Typ. Neben ihm seine Frau. Ich spreche ihn an, dass er auf meinem Platz sitzt. Er bestreitet das. Er muss das bestreiten. Ich sehe im Vergleich zu ihm und seiner auftoupierten Frau liderlich aus. Keimiger Hoodie. Gammlige Sneakers. Speckige Lederjacke. Und trotzdem habe ich den besseren Platz als er. Solche Situationen mag ich. Ich bestehe zuckersüß auf der Tatsache, dass er auf meinem Platz sitzt. Es entsteht ein Wortwechsel, bis wir schließlich die Eintrittskarten vergleichen und das Offensichtliche zutage tritt: Er sitzt falsch. Muss nach hinten. Seine Frau auch. Er räumt mit einem beleidigten "Na dann habe ich Ihnen wenigstens den Sitz aufgewärmt." das Feld. Keine Entschuldigung. Solche Leute entschuldigen sich nicht. Schon gar nicht bei mir. Seine Frau kuckt zerknittert. Ich strahle sie an. Sie kuckt noch zerknitterter.


Als zum Auftakt der Veranstaltung die Orgel spielt, spuken mir aus irgendeinem Grund die dummen kleinen Ohren von Ralf Wohlleben im Hirn herum. Ich verstehe selber nicht, was in mir ständig solche abstrusen Gedanken zu maximal unpassenden Zeitpunkten entstehen lässt. Wenn ich einen Vortrag halten muss, stelle ich mir manchmal vor, wie ich unvermittelt auf den Tisch springe und anfange zu steppen. Oder ein Kaninchen aus einem Hut zaubere. Oder mir die Hose runterziehe und einfach wild onaniere. Das alles geht mir durch den Kopf während der Körper weiter redet und mit seinem Daumen auf den Presenter drückt, auf dass eine neue Powerpointfolie erscheint. Die Orgel donnert ihr Orgelgedonner. Ben Becker ist noch nicht zu sehen. Mir ist langweilig. Kennen Sie Ralf Wohlleben? Und kennen Sie seine dummen kleinen Ohren? Rechts und links von diesem strunzdummen schiefen Gesicht? Wie kann sich jemand mit diesem Gesicht und vor allem mit solch dummen kleinen Ohren für einen Herrenmenschen halten? Das passt doch nicht, das geht doch nicht, das ist doch unlogisch, das muss dem Neonazi doch selber auffallen, wenn er in den Spiegel schaut und doch wieder nur ein schiefes Gesicht mit dummen kleinen Ohren zurück glotzt. Merken die nix? Der möchte ein Herrenmensch sein? Der? Im Ernst jetzt? Der Typ?


Die Orgel verstummt. Da ist Ben Becker. Die Urgewalt. Ein wirklich sehr guter Schauspieler. Mit dieser Stimme, dieser tiefen Stimme. Ich würde nie sonst zu so einem Bibelscheiß gehen, wenn es nicht Ben Becker wäre. Alt sieht er aus. Verlebt. Verkokst. Meine Güte, ein Mensch. Hier in Mitte. Und die Schickeria glotzt ihn an wie ein wildes Tier, ist aber still, sehr diszipliniert, das muss ich ihnen lassen. Kein Sabbeln, kein Glasklirren, nicht mal Husten, maximal Räuspern. Zuletzt Ovationen im Stehen. Ein gelungener Abend, ein guter Mann, der Ben Becker. Das war ein starker Auftritt, danke, doch ich muss jetzt schnell los, fort, ich muss hier raus aus Mitte, weg von diesen Designerläden, diesem Touristentand, diesen Salad-Juice-Panino-Cakes-Buden mit ihrem roten ironischen Stuhldesign, dessen Schalenform für Bandscheibenvorfälle bereits in jungen Jahren sorgt, weg weg weg von den Linden, weg vom Hackeschen Markt, weg vom verfluchten Rosenthaler Platz, dem verdammten St. Oberholz und diesen Weinbergswegsprallos in ihren topsanierten Eigenheimen mit dem nachhaltigen Nussbaumparkettboden, nix, aus, fort, ich grabe mich jetzt ein, im Bett, das mitten in einem Ort steht, der auch nicht besser ist als Mitte. Da kommt die M1. Sie fährt mich zur Eberswalder Straße. Als ich aussteige ein Schild. Sie verkaufen Panini. Foccacia. Juice. Salads. Cakes.



Mittwoch, 30. November 2016

Tränenschwarz ./. Tod



Irgendwie hat es die Natur klug eingerichtet, dass wir zugleich alt und sarkastisch werden. Es erleichtert das Sterben ganz erheblich.
Matthias Eberling


Der letzte Tag des Novembers. Schon wieder Winter. Schon wieder der Tod. Gerade eben Fidel Castor (komm, einmal noch den schalen Gag, nur einmal noch). Der Blogger Dimi seit schon wieder viel zu vielen Wochen. Blogger Johannes ein halbes Jahr schon. Meine liebe Shirley bereits seit anderthalb Jahren. Nutzlos die Friseurdiplome, verloren die Skills bei der Kopfmassage, keine blonden Strähnchen mehr. Tot. Kürzlich lief ich an ihrem alten Laden vorbei. Es ist neu gestrichen. Deckweiß. Nichts blieb. Nur ein Schild. Wer will, kann sich einmieten.

Der Tod, die zentrale Randerscheinung. Ständig sterben Menschen. Dieses Jahr besonders, auch wenn es nur Prominente und niemanden aus meinem Umfeld getroffen hat. Roger Willemsen. Götz George. Bud Spencer. David Bowie. Als Vorbote dieses Pestjahrs Lemmy kurz vor Silvester. Heldensterben. Geballt.

Ich verstehe nicht, wie man dem Tod nichts gutes abtrotzen kann. So abgedroschen wie es klingt ist er die einzige Gerechtigkeit, die es gibt. Er trifft wirklich jeden. Der Tod diskriminiert niemanden. Er lässt niemanden aus. Sie. Mich. Bonzen. Deppen. Deutsche-Bank-Chefs. Fahrradnazis (wenn es dumm läuft recht schnell - LKW bei Rot und - fumm - Asphaltpizza). Face it: Wir werden alle alt, hässlich und in nicht wenigen Fällen dumm. Und dann sind wir weg. Wer berücksichtigt, dass alles Streben nach Irgendwas letztlich gar keinen Sinn ergibt, lebt sehr entspannt und glücklich. Oder wird depressiv.

In meiner Familie stirbt man gemeinhin an Krebs, ich kann mich somit schon einmal einstimmen auf das was kommt. Der Krebs war schon oft da und niemand hat überlebt. Brustkrebs. Lungenkrebs. Speiseröhrenkrebs. Leberkrebs. Und natürlich der Darm. El cáncer. Ein Dauerbrenner. Meine Großmutter hat gelitten wie kein zweiter mir bekannter Mensch. Der Darm wurde quasi von sich selbst aufgefressen ohne dass irgendwer irgendwas dagegen tun konnte. Als zuletzt der künstliche Darmausgang verkrebst war, kam die halbverdaute Nahrung zusammen mit alten stinkenden Kotstücken oben aus dem Mund raus. Wenn Sie acht Jahre alt sind, brennt sich so ein Bild für immer ein.

Andere hatten Glück und erlebten das Ende ihres Daseins im Delirium. Vollgepumpt mit Drogen, mit allem was der Medizinschrank hergibt. Schmerzbehandlung ist schon toll. Irgendwann wird sie wiederkommen, die Drogenzeit, nur dann legal. Pump up the jam. Pump it up. Dann dämmere ich dauersediert auf einer Liege herum und kacke mich ein, während alle darauf warten, dass es endlich vorbei ist, allen voran die Krankenkasse, die mich Kostenfaktor gerne aus den Bilanzen entfernt sehen würde.

Ich wünsche mir manchmal gnädiges Dahindämmern. Ein Hirn, dessen Fähigkeiten sich langsam auflösen. Hauptsache nicht mehr denken. Hauptsache nichts mehr mitschneiden. Ertragen müssen. Die Schläge nur noch dumm grinsend einstecken. Einscheißen, aus dem Maul sabbern, das Essen wieder rauskotzen und einfach weiter grinsen, am Mundwinkel der Sabberfaden, der aufs grindige Hemd tropft und den keiner mehr wegwischt, weil er immer wieder kommt. Dumm werden. Es klingt wie eine Erlösung. Hauptsache endlich nicht mehr denken.

Oder gehen wenn es beginnt. Bei passender Gelegenheit unter Aufsicht einen Becher austrinken, befreit von allen Pflichten, Ansprüchen und Lasten Tschüss sagen und einschlummern. Selbstbestimmt abtreten. Mit Stolz. Und nicht als leidendes Bündel Fleisch, das nur noch Qual oder Dämmerung kennt.

Ich trinke tränenschwarzen Wein. In 50, maximal in 60 Jahren werde ich tot sein. Sie vermutlich auch. Oder schon früher. 30. 20. Vielleicht in 10 Jahren. In 5. Und in 100 Jahren erinnert sich kein Schwein mehr an uns alle, es wird nicht mal mehr sorgfältig recherchierte vergilbte Fotografien geben, die Ahnenforscher erfurchtsvoll aus Archiven klauben, sondern nur noch Exabytes an Datenmüll, von jedem beschissenen Ostseeurlaub 400 blöde Knipsebilder, die sich keiner mehr anschaut, sondern routiniert entsorgt wie die stinkenden Altkleider, Einmachgläser und den Papierbüchermüll nach dem Ableben eines Erblassers. Früher blieben wenigstens vergilbte Fotografien. Heute bleibt gar nichts mehr. Selbst Google löscht Ihr Profil nach ein paar Jahren Inaktivität. Und mit dem Profil alle Ihre in die Cloud hochgeladenen Schnappschüsse. Sie vor dem Taj Mahal. Im London Eye. Mit einem Affen in Gibraltar. Oder auch nur dieses tolle Essen in diesem tollen Schnöselschuppen in der Weinmeisterstraße, den es auch schon zwei Jahre nicht mehr gibt. Zugemacht. Abgedampft. Gone with the wind. Sinnlos jedes Hinterherweinen. Auch dieses Blog hier. Irgendwann auch weg. Hinfort. Rauschen im Orbit und weg. Was? Ein Blog als Vermächtnis? Haha. Hahaha. Elender Romantiker.

Klemmen Sie sich also endlich Ihre Eitelkeit. Klemmen Sie sich diese ganze Selbstdarstellung. Das Gepose. Und klemmen Sie sich sowieso Ihre verdammte Empfindlichkeit. In 100 Jahren kräht kein Hahn mehr nach mir. Und nach Ihnen auch nicht. Ich bin Niemand und Sie nicht weniger. Lassen Sie uns gnädig dahindämmern. Bis das Licht ausgeht und witzelnde bärtige Angestellte zwischen einem Mettbrötchen und einem Schinkencroissant die Reste von uns in eine Holzkiste packen.

Was bleibt ist Humus.


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Liebste Wilhelmine


Dienstag, 29. November 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 29. November 2016



Der Beruf des Müllmanns gehört zu den beliebtesten Berufen der Stadt. Mit Recht. Seit ein paar Monaten treffe ich regelmäßig morgens vor der Kita auf unsere Müllkutscher. Und jedes Mal fahren das Kind und ich eine Runde vorne auf dem Bock um dem Block. Ohne Anschnallen und so'n Rotz. Das ist übelst illegal, aber scheißegal. Es gibt eben wie immer im Leben die Langweiler, die die Vorschriften wie einen Plug im Arsch stecken haben. Und es gibt die Coolen, die auch mal Elfe gerade sein lassen, um ein Kind glücklich zu machen. Und das Risiko tragen, Ärger zu kriegen. Danke, BSR. Tolle Jungs habt ihr da.

Noch was? Ja, Filmtipp. Ich bin in Kinolaune und habe Paterson gesehen. Jim Jarmusch. Das Alterswerk. Ein großer Film, wenngleich seine Akteure nicht mehr solch gebrochene Gestalten sind wie früher in Coffee and Cigarettes oder im Arte-Spätprogramm-Dauerbrenner Night on earth. Paterson geht klar, wenn Sie Jim Jarmusch mögen. Hat Freude gemacht. Nur schauen Sie das Ding nicht wie ich Vollhomo im verschissenen Cinemaxx am Potsdamer Platz. Ein ganzer Saal voller Feuilletonspacken, die während des Films die Szenen diskutieren, ein Arschkopf neben mir, der alle zehn Minuten sein Smartphone leuchten lässt, um nach der Uhr, einer Messengernachricht oder nach dem Wetter zu schauen und ein alter Wichser, der sich auf dem Sitz vor mir nach vorne beugt, wodurch er mir und zwei anderen die Sicht zerfickt und der auch nach Ansprache von gleich zwei Leuten nicht bereit ist, sich wieder zurück zu lehnen, wonach ich mir lieber einen neuen Platz suche, bevor ich ihm einfach aufs Maul haue und die Polizei kommen muss. Cinemaxx. Potsdamer Platz. Ein Publikum aus der Kinohölle. Wenn Sie jemanden bestrafen wollen, schenken Sie ihm einen Gutschein für den Laden. Sollte Trump Berlin bombardieren, dann bitte den Potsdamer Platz zuerst.

Frage: Would you rather be a fish?

Or a Friseur?


Kamm Back. Leserpost. Ein weiterer Tiefpunkt. Kaum noch zu unterbieten. (danke M.)

Mehr davon:



(danke Mario)

Okay, den Kaiserschnitt hatten wir glaube ich schon, aber das macht nix. Der is' so kacke, der geht auch zwei Mal. Oder drei Mal, hier, als kecke Nürnberger Variation mit freshem E:


(danke Alex)

Mein Tipp an dieser Stelle: Lernen Sie was Anständiges. Werden Sie nicht Friseur, sonst enden Sie womöglich so wie diese traurigen Gestalten, die ihren Friseurbutzen solche Namen geben müssen, weil sie das für originell halten, dabei enden sie nur als Blogwurst, über die sich jeder den Puller weglacht.

Geht noch was? Sicher. Ich fresse weiterhin dem Eberling hinterher, denn der weiß offenbar was gut ist. Hier, Digger, kiek ma:


Jetzt freut er sich bestimmt, denn seit Jahren macht er Propaganda und trommelt für ein italienisches Lokal mit dem kuriosen Namen "+39".


Und er hat mal wieder Recht. Großartiges Personal, gemütlich-hostariaeske Einrichtung, hochanständiges Essen, ein Tick besser als erwartet werden konnte. Ich hatte die Freude, eine fabelhafte Transfrau dorthin auszuführen. Das gibt abseits der bekannten Minderheitenbars um den Nolli herum gerne mal dumme Gesichter, blöde Blicke und furchtbar krampfige Bestellaufnahmen. Hier nicht. Kreuzberg, Baby. Pluspunkt.

Abgeraten werden muss von der Pasta mit Trüffel aus dem Paramesanrad, die sie hier ab 17 Uhr anbieten. Die Nudeln waren zu durch, dadurch geriet das Ganze enttäuschend matschig, dabei geschmacklich recht fad und als Portion zu klein. Außerdem mit zu wenig Trüffel. Die 16,80 bei weitem nicht wert. Wenn Sie das Zeug essen wollen, denn es kann sehr gut sein, fahren Sie hierfür nach Tempelhof. Günstiger. Besser. Großzügiger. Und das Zeug wird neben Ihrem Tisch flambiert.

Es folgen die Reste von einem zum Ausrasten guten Carpaccio mit Trüffeln, einer pervers riesigen Pizza, die ich tatsächlich nicht aufbekommen habe, und einem Espresso, den Zucker nur verschandeln würde:




2 Personen. Vorspeisen. Hauptspeisen. Viel Rotwein. Grappa. Espresso. 85 Euro. Und nochmal Grappa aufs Haus. Ambitioniert, aber angemessen, denn Italienisch geht kaum besser. Ein gutes Lokal mit einem kleinen Abstrich (die Trüffelpasta, Sie wissen schon).

Da hier Leute mitlesen, die alles wissen: Ick versteh wat nich. Sie haben dort gemahlenen Kaffee auf dem Klo rumstehen. In einer Untertasse. Über den Pissbecken:


Warum? Absorbiert der Kaffee den Pissegeruch? Das funzt? Wenn ja, werde ich das stinkende Pissloch meines Borgwürfelflurs damit zuballern. Geht das wirklich? Oder ist das letztlich nur so eine Art italienischer Talisman? Versteh ick nich.

Die Links. Read this:


M7Und Don Fidel starb doch im Bett!
Diesen Nachruf nur liebevoll zu nennen, würde ihm nicht gerecht. Ein pralles, ein konsequentes Leben. Und hier noch ein Toast.

DifferentiaÜber Populismus, Immunsysteme und das Weinen der Demokratie
Puh, wie differenziert. Entsetzlich. Kaum zu hören vor lauter Gebrüll.

MeyViewKurt Biedenkopf unisono
Biedenkopf lebt noch?

YouTubeNazicodes in Sabine
Alarrrrma! (via der zweite knall)

Stadtmensch ChroniclesKenne ich gut
Im Ernst, werden Sie schwul. Oder lesbisch. Oder gleich ganz asexuell. Das macht die Dinge einfacher.

Studio GlummNur ein paar dumme Stunden
Auf Affen. Ein Krimi.

Doublefeature:

GlummIch weiß, was Frauen hören wollen und 4 andere kurze Sachen
Milbenmekka. Klasse.

kafka on the roadEin Mann namens Uwe
In der Nachbarschaft.

Read on my dear, read onZähes Ringen
Der Winter kommt.

Das Manifest des ErbrechensWeidmanns Guy
Gekreuzigt

Herr MiMBürokuchen
Böse, Herr MiM, sehr böse. Ich bekomme gute Laune.

Something I learned todayJung samma, fesch samma
Johnny Cash meets ... the fuck? ... Peter Alexander.

A guy called ClassicLieblingslied: Anarchy in the UK
Wegen eines Sex Pistols-Shirts aus dem Restaurant fliegen. Sehr schön. Ich flog mal aus dem Deutschunterricht wegen eines Exploited-Aufnähers auf dem Rücken der Kutte. Rebellion, Baby. Gnarf Gnarf.

Ganz zuletzt ein Umfragetool, das zur politischen Standortbestimmung konzipiert wurde: The Political Compass. (via stapelchipsblog)

Ja, gut, ich fand' die Fragen schon arg erwartbar, suggestiv und teilweise recht stumpf. Wie man da auf der rechten Seite des Spektrums landen kann, ist mir ein Rätsel. Womöglich ist das sogar Absicht.

Ich bin mir nicht sicher, ob das in dieser Form was taugt, denn in der Übersicht mit den politischen Parteien finde ich mich in der Nähe der Grünen wieder, die für mich nicht ins Feld der Libertarians gehören, sondern nach oben. Zu den Autoritären. Bei dieser unterstellten Nähe schüttelt es mich.

Sie interessiert doch bestimmt mein Ergebnis. Hier. Nicht übel, wenn auch durchaus erwartbar:




Freitag, 25. November 2016

Anarchosyndikalistischer Rotwein



In den Straßen Prenzlauer Bergs riecht es bereits nach Winter. Die ersten Mütter backen ihr Zimtbackwerk. Die ersten Kinderbasteleien hängen in den Fenstern, die unvermeidlichen Tannenzweigkränze baumeln an den Türen und die Kirchen schreiben Anmeldungen für das jährliche Adventssingen aus. Und ich bekomme wieder nur Lust, auf die Hollandfahrradsattel meiner klerikalen Nachbarn zu kotzen. Was angesichts des finsteren Weihnachtsgeplärres, das seine arthritischen Finger schon jetzt fest um meinen bräsigen Idiotenbezirk krallt, immer hilft, ist Alkohol. Der betäubt so schön und macht so benommen fröhlich, auch wenn die Fenster der Nachbarschaft so bunt blinken als wäre ein Wettbewerb um das übelste Leuchtmittelinferno ausgebrochen. Wat dat wieder an Ökostrom kost...

Zum Alkohol. Der feine Herr Balcerowiak hat einen Rotwein empfohlen. Ich trinke grundsätzlich alles, was Herr Balcerowiak empfiehlt, denn Herr Balcerowiak weiß was gut ist. Er hat nachweislich Ahnung. Und er teilt sein Wissen, damit auch ich gute Dinge trinken kann. Das ist prinzipiell großartig.

Wir sind ein Röstkollektiv aus Berlin. Mit dem, was wir tun, erproben wir den Brückenschlag zwischen sozialem Anspruch und Qualität. Wir haben keinen Chef, treffen wichtige Entscheidungen gemeinsam, zahlen gleichen Lohn und tragen auch die Verantwortung gemeinsam.

So weit, so Pathos. Flying Roasters nennen sie sich. Sie rösten in Berlin-Wedding im dritten Hinterhof eines heruntergekommenen Altbaus ihre Kaffeebohnen. Nebenan ist ein Puff, der Freudenhaus Hase heißt und in dessen Hof ich zuerst versehentlich lief, wo ich auf einen verschämt auf einen Klingelknopf drückenden Typ mit kreisrundem Haarausfall traf, der mich vermutlich für den Privatdetektiv seiner zuhause vor der Glotze verwesenden Ehefrau hielt, die er mit Pflaumenlikör ruhig gestellt hat. Meine Güte, dieser Wedding.

Herr Balcerowiak empiehlt also ein Kollektiv, das Kaffee röstet und Rotwein vertickert. Es ist so überraschend wie beruhigend, doch noch auf Menschen zu treffen, die Ideale pflegen, dabei ist gar nicht die Zeit für Ideale, Ideale hat der common sense gefressen, nieder- und lächerlich gemacht. Niedergetrumpt. Menschen mit Idealen spielen heute in der selben Liga wie yogische Flieger, UFO-Sichter und Wasseradersucher. Unten bei den Freizeitmannschaften. Kleinfeld. Und in der Pause ein Bananenweizen. Keiner nimmt sie mehr ernst. Oder wahr. Es ist gar nicht die Zeit für Alternativen, es sei denn sie kommen von rechts.

Es beruhigt mich tatsächlich, dass es immer noch Menschen gibt, die die Dinge anders machen wollen, die Dinge bringen, die ich gemeinsam mit vielen anderen nicht bringe, die den Weg gehen, den wir aus irgendwelchen Gründen, die meistens mit dem Kontostand zu tun haben, nicht gehen. Gründe. Jeder hat welche. Welchen Grund haben Sie, die Dinge nicht anders zu machen als die Mehrheitsgesellschaft, die verlernt hat, in Alternativen zu denken? Kaum einer weiß mehr wie so eine Gesellschaft anders organisiert werden könnte und Alternativlosigkeit liegt wie Blei über dem Land und stumpft Gehirne ab. Die Mehrheitsgesellschaft implementiert ihr Konkurrenzdenken bis tief hinein in die Schulen, Universitäten und alle Seelen, es herrscht ein Gesellschaftsentwurf, der das Schlechteste in den Menschen hervorholt und belohnt. Gratulation. Sieht so das Paradies aus? Würden Sie arbeiten gehen, wenn man Ihnen kein Geld dafür geben würde? Ich nicht. Auf keinen Fall. Nicht eine Minute. Ich wäre schneller weg als mein Vorstandsvorsitzender "Powerpointpräsentation" sagen kann.

Der Rotwein, den sie hier verkaufen, ist an Korrektheit nicht mehr zu überbieten. Lesen Sie mal. Die Typen, die den herstellen, sind quasi Heilige. Schauen wir mal kurz in den Spiegel? Ja? Die bringen es. Wir nicht. Ich nicht. Sie auch nicht. Wir leben in den meisten unserer Fälle ein Berufsleben in ununterbrochener Unehrlichkeit, getragen von aufgeblasenem Mist, den in grotesk vielen Fällen keine Sau braucht. Würden wir alle tot umfallen, würde unser Produkt abgesehen von Investmentwichsern und dummen Shareholderbratzen kaum jemand vermissen. Unsere Krawatten würde keiner vermissen. Unsere Meetings nicht. Unsere Exposees nicht. Und unsere kryptischen Reden voll Buzzwörterluftblasen auch nicht. Wenig was wir tun, kann nach gängigen Maßstäben gut genannt werden. Wir bringen die Welt in den wenigsten Fällen weiter. Wir produzieren in hohem Maße Bullshit. Heiße Luft. Geschwätz. Nichtssagenden Scheißdreck. Was wir tun ist maximal egal. Und ja, da hilft nur Saufen.

So. Schmeckt er denn, der Wein? Ich mache es mir einfach. Ich zitiere Herrn Balcerowiak:

Die Tannine sind dennoch bereits recht mild, die Säure ist spürbar und sorgt für einen frischen Eindruck, bleibt aber im Hintergrund und umspielt die feine Beerenfrucht, die im Mund von ein wenig Dörrobst und Backpflaume ergänzt wird.

Bahnhof. Ich habe dieses Weinvokabular noch nie verstanden und frage mich manchmal, unter der Beigabe welcher psychisch aktivierenden Substanzen die Weinschranzen alle immer auf diese Geschmacksrichtungen kommen, die mir in tausend Albträumen nicht einfallen würden. Beim Whisky auch. Nasses Leder. Frühlingsheu. Eiche und Fruchtpudding. Krawehl. Krawehl. Ich schmecke keine Backpflaume und Dörrobst schon gleich gar nicht, sondern Rotwein, verdammt guten Rotwein, es ist ohne Konkurrenz der beste dieses Jahr und das liegt nicht nur an der rot-schwarzen Attitüde, die ich natürlich mag. Ich habe einen ganz verspielten, nicht zu donnernd schweren Genossen im Glas, der mir große Freude gemacht hat. Ich wollte nur mal ein Glas probieren und habe die Flasche ausgesoffen. Ein außergewöhnlich guter Wein. Ich hätte mehr davon kaufen sollen. Ich hätte den ganzen Vorrat davon wegkaufen sollen. Alles. Ab in den Keller damit. Kaufen. Bunkern. Haben. Viel. Viel. Mehr. Haben.

Wenn Sie Glück haben, gibt es bei den Flying Roasters noch eine Flasche von dem Goldstück. Letztes Mal war nicht mehr viel da. Wenn Sie Pech haben ... dann haben Sie Pech, dann sollten Sie unbedingt den Kaffee der notorisch sympathischen Gutmenschen mitnehmen, der kann auch was. Na los. Kaufen Sie doch einfach mal bei den Anarchisten. Kaufen Sie wie ich gekauft habe (wenn die wüssten von wessen Geld ich sie bezahlt habe, hätten sie mich vermutlich auf ein Holzkatapult gesetzt und rüber nach Prenzlauer Berg zurück geschossen).

Ihren Besuch sollten Sie genau timen. Die haben Öffnungszeiten wie im Osten:

Samstag Geschlossen
Sonntag Geschlossen
Montag 12:00–17:00
Dienstag Geschlossen
Mittwoch 08:30–13:00
Donnerstag Geschlossen
Freitag 12:00–15:00

Verdammte Anarchos. Auch noch zu faul, jeden Arbeitstag zu arbeiten. Was glauben die, warum der Arbeitstag heißt wie er heißt. Mann mann mann, was könnten die mit dem Ding für Profite einfahren. Mehr. Mehr. Immer mehr. Rendite. Verkaufen. Schichtenschieben. Produzieren. Raushauen. Gewinn ausschütten. Shareholder Fucking Value! Mann mann mann. Machen die einfach nicht. Anarchisten. Verdammte Axt.


Flying Roasters
Hochstraße 43 (dritter Hinterhof)
Wedding
https://www.flyingroasters.de
Edith sagt: Um die 8 Euro die Flasche. Keine Kartenzahlung. Klar, oder?

Bilden Sie sich doch mal weiter

Und hier die Fassung für Leute unter 30, die keine zwei Absätze mit je zehn Zeilen voller Buchstaben mehr verarbeiten können.



Dienstag, 22. November 2016

Rixdorf



Hassen Sie Weihnachtsmärkte auch? Diese hirnlose Ansammlung überfüllter Blinkbuden, in denen sie miesen gepanschten Wein mit Zucker versetzen, worauf dumme alte Schnepfen und dicke blöde Blinkemützenträger jede Würde verlieren? Dort wo sie teuren Tand aus den Erzgebirgewerkstätten des Landes noch teurer als sonst schon verkaufen? Dort wo sie prekäre Bratwurst aus püriertem Elchabfall als Delikatesse für 4 Euro das Stück anbieten und den Rotz tatsächlich los werden, weil Hirnspenderkandidaten aus Paderborn (oder Berlin-Mitte, was sich inzwischen nur wenig unterscheidet) denken, sie äßen was besonderes? Rummel. Idiotenabfüllanlage. Fuselfässer. Halbe Meter Bratwurst. Grünkohlgulaschkanone. Und immer wieder Holzkrippenspiele oder Kerzendrehfigurenscheiße, die sich nur Hirntote, die nie wieder Sex haben wollen, in ihr Wohnzimmer stellen. Sagen Sie, darf es noch ein Mistelzweigfigürchen aus Schwarzenberg sein? Dörrpflaumenmännchen aus Nürnberg? Dresden? Chisibubikaio? Oder ein Klumpen zusammengeklebter gebrannter Mandeln, die Ihnen die Ecken von den Zähnen brechen? Selbergeschnitzte Bonbons aus Eukalyptuswaldmeister? Ein Nußknacker, den Sie nie benutzen werden, für den Sie aber aber jeder auslachen wird, der erfährt, dass Sie Zeug gekauft haben, das schon Ihre Oma in der Vitrine stehen hatte? Nutellacrêpe. Prager Schinken. Krakauer Fettdarm. Oder irgendwas von diesen erbärmlichen Ständen voller Mecklenburger Honigtöpfchen, Brandenburger Schlehenschnäpsen und Marillenmarmeladen aus Sachsen-Anhalt. Kaufen Sie. Kaufen Sie. Und fressen Sie. Los. Fressen Sie schon. Hier ist unser Mist. Und jetzt her mit dem Geld.

Ich bin sehr froh, dass es jetzt diese Terrorhysterie vor Menschenansammlungen zum Vorschieben gibt, weil ich dann einen Grund habe, nicht auf einen Weihnachtsmarkt gehen zu müssen. Seit Jahren schleift mich ständig jemand mit auf diese Ausgeburt an Karnevalssubstitut, dessen Anblick mir körperliche Schmerzen bereitet, so dass ich zweistellige Beträge für die doppelte Portion Billigrum im Billigfuselglühwein bezahle, der schmeckt wie Scheibenreiniger in schmierigem Traubensaft, nur um mich gnädig zu betäuben. Die Weihnachtsmarktenthusiasten kennen keine Gnade. Irgendwer findet sich immer, der mich aus falsch verstandener Geselligkeit dorthin zwingt. Ein wohlmeinender Freund, die bucklige Verwandtschaft oder - als Gipfel der Unwürdigkeit - ein Entscheidungsträger aus dem Borgwürfel, der eine Lage fürchterlichen Eierpunsch ausgibt und das dann für die Ausgeburt an Führungswärme hält, von der wir alle wieder ein Jahr zehren sollen. Bis zum nächsten drecks Weihnachtsmarkt. Und dem nächsten Eierpunsch. Feuerzangenbowle. Frostschutzmittelgrog. Nächstes Jahr. Doch nicht mehr mit mir. Ich bin da jetzt raus. Ich gehe nicht mehr hin. Tut mir leid, islamistischer Terrorismus, verstehen Sie, irgendwann sind wir dran und da muss ja nicht ausgerechnet ich in der Menschenmasse vor einem gendarmenmärkischen Holzchristind stehen, das ein fehlgeleiteter Dschihadist genau dann, wenn ich da stehe, in die Luft bläst. Ich steig' da voll drauf ein. Terrorhysterie ist mein Gemüse. Damit komme ich durch. Hurra. Terror zieht, Unlust nicht. Kommen Sie. Stevenson. Weihnachtsmarkt. Teambuilding. Eierpunsch. Wir haben auch eine Blinkeweihnachtsmütze für Sie. Kommen Sie mit. Seien Sie teamfähig. Oh nein. Leider nein. Schauen Sie. Gefährdungsstufe. Ich bin untröstlich.

Dem Innenminister sei Dank für diesen Ausweg. Endlich keine Weihnachtsmärkte mehr.

Es gibt jedoch einen Weihnachtsmarkt in der Stadt, auf den ich immer schon gerne gegangen bin. Die rühmliche Ausnahme. Der Aufrichtige unter den Ghulen. Ehrlich. Es ist ein nicht- oder zumindest wenig kommerzieller Weihnachtsmarkt und er ist in Neukölln, in Rixdorf genau, und sie finden dort die Machwerke aller möglichen lokalen Initiativen, sozialer Träger, die ganze Gutmenschenparade guter Menschen, die gute Dinge tun, gute Dinge herstellen, die sie verkaufen, um noch mehr gute Dinge tun zu können. Und ich kaufe das alles, ich kaufe die Lose aus den Händen behinderter Kinder, den Kaffee der Kubagruppe, esse vom Spanferkel der deutsch-türkischen Freundschaft, spende in Spendenboxen waffelverkaufender Flüchtlingsaktivistinnen mit Sauerkrautfrisur und kaufe sogar diesen grässlichen Kreuzberger Rotwein (aber nur einmal, der ist so übel, der geht nicht mal für eine Rotweinsoße, selbst für Glühwein für Weihnachtsmarktbesucher aus dem Borgwürfel, die sonst jeden Dreck in sich reinschütten, ist der zu sauer). Rixdorf. Habe ich jahrelang gemacht. Es ist ein vergleichsweise angenehmer Weihnachtsmarkt.

Inzwischen ist das Ding leider dergestalt am Kippen, dass es fast auch am Kollwitzplatz, dem Hausfrauenparadies Prenzlauer Bergs, stehen könnte und keiner würde es merken. Bio hat Einzug gehalten. Es gibt immer mehr von dem, was es in fast jedem durchgentrifizierten Kiez gibt. Bio. Vegan. Dinkelcrap. Quinoascheiße. Chiasamenfuck. So ist es halt. Eine Weile ist eine Sache gut und dann nicht mehr. Zielgruppe und so. Neukölln holt auf. Wird jetzt wie alle. Da fall ich raus.

Es hat sich sowieso rumgesprochen. Kein Geheimtipp mehr. Jetzt ist es voll. Voller als jede S-Bahn. Letztes Jahr schon war kaum ein Durchkommen mehr, voll, voller, ausrasten, alle da, Bärtige, selig lächelnde Mütter, Jack Wolfskin-Jacken, ironische Schiebermützen, Prenzlauer Berg-Publikum. Das bedeutet natürlich, dass die Preise anziehen werden, die Profesionellen werden einreiten. Oxfam. Greenpeace. Und mittendrin wahrscheinlich noch Bündnis 90, die auch hier so tun werden, als gehörten sie zu den Alternativen.

Wenn Sie da Bock drauf haben, gehen Sie hin. Er ist immer noch einer der Guten. Noch. Auch wenn klar ist, wo es hin geht. 2. - 4. Dezember. Freitag ab 17, Samstag und Sonntag ab 14 Uhr. Richardplatz. Neukölln. Ich bin raus. Ist mir zu voll.


Hier ein paar Bülder vom letzten Jahr. Wie Sie sehen, es blinkt nicht, was ein großer Vorteil für Epileptiker sowie mich ist, denn ich hasse blinkenden Scheiß: