Samstag, 6. Februar 2016

Connewitzer Spaziergang




Auswärtsspiel. Leipzig-Connewitz. Hübsch hier. Sie malen jetzt auch hier die schicken Altbaufassaden an. Das steigert die Werte. Würg.



Natürlich ist auch fritz kola nicht weit. Es weht eine sanfte Brise der Verspießerung. Kaffeekultur. Sojakeim. Tofu. Birkenstock. Und es gibt Apps für die Nachbarschaft.



Wahrscheinlich kann man da melden, wenn jemand gegen die Mülltrennung verstößt. Oder nach 22 Uhr rülpst. Trau. Schau. Kuck. Alles da. Feldenkrais. Psychotherapeuten. Keramikkurse. Heilsteine. Und Fremdsprachenunterricht für 3-jährige.



Yoga und Chi Gong finden Sie hier auch an jeder Ecke. Genauso wie veganes Essen. Hallo Prenzlauer Berg. Trapp Trapp. Schleich Schleich.




Wobei letzterer Expressdude hier ein Scherz ist. Es handelt sich um eine ganz normale Glutamatbutze, in der ich zur Stoßzeit der einzige Kunde bin. Nix vegan, zumindest nicht durchgängig. Es gibt auch hier dieses altbekannte Eimerhuhn zum öligen Reis. Und diese misshandelten Enten, die wie obszöne dicke Spinnen von den Decken der Abstellkammern aller prekären Chinabutzen dieses Landes hängen. Aber das macht nix. Hauptsache wir schreiben groß vegan drauf. Hier in Connewitz. Das zieht. Buzz Buzz olé. Yoga. Thai Chi. Vegan. Chia Samen. Trockenobstschnitze. Ich fühle mich tatsächlich fast so bräsig wie in Prenzlauer Berg, nur noch nicht ganz so etabliert. Hier ist immer noch ein wenig Antifaland. Kein Straßenschild ohne Klarstellung:



Aber die Haie stehen schon parat.



Du suchst Immobilien zum Kauf? I bet you do. Und was ist das da:



In Connewitz verwirklicht man sich jetzt auch architektonisch selbst. Nyce. Und man saniert auch gleich die ehemaligen Widerstandsnester mit:



Das Conne Island. Meine Güte. Was haben wir da um das Millennium herum gesoffen. Sieht das schon lange so aus? Kann mich gar nicht erinnern, dass es inzwischen wirkt als könne es so auch in Herne stehen. Oder noch schlimmer: In Gießen.

Immerhin sind die Sprüche an den Hauswänden noch gut:



Schade dass ich Oberst Kübel und die Klabusterbären verpassen werde.



Eine Schande. Genau wie die Schneise der Verwüstung, die der Mob, die neue SA, vor ein paar Wochen durch Connewitz gezogen hat:





Das hätten sie sich vor 15 Jahren noch nicht getraut. Da fuhr nicht mal die Polizei alleine nach Connewitz rein. Hagelschauergefahr. Heute geht das. Doch wohl nicht überall. Die Stockartstraße ist immer noch ein Mythos. Ich laufe durch und werde beäugt. Wer bin ich? Was will ich? Argwohn liegt in der Luft. Die Leute schauen. Fotos mache ich keine. Das war schon früher so. In der Stockartstraße macht man keine Fotos. Oder zumindest nur einmal. Dann liegt der Apparat im Gulli. Trotzdem: Früher war alles offener hier. Netter. Ich hab' hier ein paarmal übernachtet. Eine Matratze war immer frei. Heute ist dicht. Ich kenne ja auch niemanden mehr. Und mich kennt auch keiner. Ich versteh's ja.

So. Keine Zeit mehr. Ich muss los. Es ist kurz nach acht. Das Konzert geht gleich los. 



Einen Bonustrack habe ich noch. Hier. Gesehen in Lindenau. Was ist das? Kunst? Hab ich keine Ahnung von. Sieht scheiße aus.


Freitag, 5. Februar 2016

Verarsch mich doch (31) - Retrospektive: Fuck Ben Hur




Ich habe in meinem Leben auch manchmal klug gehandelt. Selten, aber doch. Als mp3 begann, sich aus der Illegalität heraus zu etablieren, habe ich meine dicke CD-Sammlung aufgelöst, bevor der Preis für Musik-CDs ins Bodenlose fiel. Das war kein Problem. Es gab da diese CD-Börsen in irgendwelchen Turnhallen, vor Kaufland oder in der Mensa der TU. 5 Euro gab es im Schnitt für eine dieser Scheiben. Für Massenware weniger, für Seltenes mehr. Gesehen, probegehört, gekauft. Schauen, kaufen, glücklich sein. Und wer glücklich ist, reklamiert nicht. 800 Euro habe ich gemacht.

Ein Jahr später war eine Musik-CD nichts mehr wert. Zu einem Bekannten, der zu spät erkannt hat, auf welchem zukünftigen Metallschrott er sitzt, und der in Panik seine 300-teilige Sammlung verkaufen wollte, kam ein schnöseliger Prä-Hipster mit zu viel Bart jedoch noch ohne Dutt nach Hause, der sich den Schatz mit aufgesetzter Langeweile durchsah und dann mit der Kälte eines Hedgefonds-Managers 40 Euro für den ganzen Audiomüll bot, den er mit Sicherheit für locker 300 weitervertickt hat.

Die Gunst der guten Timings. Ich hatte rechtzeitig verkauft. Der Bekannte musste verramschen. It is a dirty game. Rechtzeitig den Schnitt machen und die Nachwelt im Regen stehen lassen. So funktioniert Kapitalismus. Ich bin ein guter Schüler. Da sehen Sie mal.

Gleiches wollte ich vor ein paar Jahren mit meiner groß gewordenen DVD-Sammlung machen. Die ersten Videostreaminganbieter gingen gerade an den Start, mehr stümperhaft als brauchbar, aber dennoch ein Zeichen dafür, dass die Zeit der DVDs und BlueRays so zügig vorbei gehen würde wie die der CD.

Ich habe 200 Filme, die zuhause die Regale verstopften, bei Amazon eingestellt. Marketplace. Schnitt 5 Euro. Mal mehr. Mal weniger. Sie kennen das.

Das ging eine Weile gut, dann kippte das. Dann kreuzten die Arschlöcher meinen Weg. Die Verarscher. Die Abzocker.

Der Klassiker dabei war der hier: "Hier ist nix angekommen." Wahnsinn, was da alles weggekommen ist. Die Deutsche Post muss in der Zeit ganze Stapel an Päckchen von mir gefressen haben. Ich stellte mir prekäre Post-Subunternehmer vor, mit denen sie die teuren zuverlässigen Beamten ersetzt haben, die vor lauter Hunger an meinen Paketen herumdrückten, um herauszufinden, ob es DVDs sind, die sie aus der Verpackung reißen und veruntreuen könnten. Ach scheiße. Krimineller Verein, diese Post. Geht gar nicht.

Der Großteil der Verkäufe ging gut, sicherlich, verschwunden sind jedoch locker 15%, was mit Blick auf das Porto, das wegen Nichterhalt ersetzt werden musste, neben dem sonderbaren Warenschwund ein schmerzhaftes Verlustgeschäft bedeutete.

Wahrscheinlich waren die meisten Reklamationen Verarsche. So viel kann die Post gar nicht klauen. Ist ja auch ganz einfach. Irgendein Käufer in Reutlingen behauptet einfach, dass die Ware nicht angekommen ist und der arme Idiot von Versender aus Berlin hat keine Möglichkeit zu überprüfen, ob das tatsächlich der Fall ist. Was wollen Sie auch machen? Mit den Bullen da unten in Baden-Württemberg auf dem Dorf einreiten und das Kinderzimmer filzen, ob sich die Saw II-DVD nicht doch vielleicht noch dampfend im DVD-Player vom Sohnemann dreht, der einfach nur für lau 'nen Film von irgendeinem Idioten im Internet abstauben wollte?

Keine Chance. Sie haben keine Chance und die Besteller am anderen Ende der von Amazon Marketplace wissen das auch. Leicht gezockte Ware. Behaupten Sie als Käufer einfach, dass nix ankam und Sie erhalten Kaufpreis nebst Versandkosten zurück und sitzen dazu noch auf dem Film. Ganz einfache Sache. Ein Eldorado für Abzocker.

Varianten sind auch möglich. Ich hatte einmal diese hier: "In den Hüllen waren nicht die Filme drin, die ich bestellt habe." schrieb er mir, der Gnom. Gekauft hatte er "True Romance" und "Night on earth", zwei Filme, die zu der Zeit gerade nicht auf DVD aufgelegt wurden und entsprechend teuer waren. Bei 30 Euro stand der Kurs für beide. Nun waren sie weg. Ersetzt durch zwei andere Scheiben.

Ich schrieb zurück, dass in der Hülle beim Versand natürlich die beiden richtigen Filme enthalten waren und welche er denn nun stattdessen erhalten habe. Ben Hur und Cassablanca seien drin, schrieb er. Beides Filme, die ich nicht hatte. Nie hatte. Nie gesehen. Nie besessen.

Ich habe ihm das ganze Geld zurückgebucht, weil ich weiß ja: Sie haben keine Chance. Bei Amazon sowieso nicht. Wenn Sie da als Verkäufer rumbocken, schreibt Amazon den Betrag zwangsweise gut, wenn sich der Käufer an den Support wendet, und sperrt Sie als Zugabe gerne mal. Und beweisen können Sie in dieser Preisklasse sowieso nix, weil Sie den Versand für die paar Euro Warenwert natürlich nicht versichern. Keine Chance also. Sie können den Scheiß nur abhaken und abschreiben.

Ben Hur und Cassablanca. Ich schüttel' heute noch den Kopf. Na klar, du Arschloch. Glaubwürdiger wäre nur noch "Zwei Supernasen tanken Super" gewesen. Oder Liebesgrüße aus der Lederhose. Wie kann ich mir das vorstellen? Da sitzt einer bei der Post, ertastet DVDs und tauscht sie gegen Scheißfilme aus? Das soll ich glauben?

Auch wenn ich mit den ganzen DVDs in der Summe immer noch halbwegs gut und vor allem rechtzeitig aus der Nummer rausgekommen bin, ist mir dieser eine Bastard mit seinem scheiß Ben Hur und seinem scheiß Cassablanca stets in Erinnerung geblieben. Ben Hur. Ja klar. Spacko. Verarsch mich doch.


Donnerstag, 4. Februar 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 4. Februar 2016




YouTube zeigt mir seit Neuestem fast nur noch Whiskywerbung. Der mich überwachende Algorithmus wird mir langsam zu einseitig. Zeit, mal wieder die Cookies zu löschen.

Die Links. Read this:


Über MedienErfundener Tod eines Flüchtlings - Aber alle haben es sich doch vorstellen können!
Wieder so ein Bärendienst der überdrehten Empöreria. Und es führt wieder nur zu weiterer Munition für die dankbaren Rechten und zu Misstrauen bei denen, die den Helfern grundsätzlich freundlich gegenüber stehen. Nein, kein Drama. Nur ein Desaster. (via roiberhöhle)

Stützen der GesellschaftVier unhöfliche Männer haben nichts mit dem Islam zu tun

Hadmut Danischdeutsch kaputt...
Wie schade. Da steht dieses Land vor einer Aufgabe, die endlich mal eine echte Herausforderung ist und dann fangen zwei der drei Flagschiffe der konservativen Blogosphäre, die ich nach wie vor ernst nehmen kann, publizistisch an zu heulen. Wo ist das Selbstvertrauen hin? Wie sollen wir denn mit denen einen Staat machen...?

Und die andere Seite steht vor einem Dilemma:

ad sinistramThere is no Alternative für Deutschland

Was soll's, die Lösung kann da nur Alkohol sein:

Genuss ist NotwehrFast alle werden immer irrer. Vielleicht hilft Traminer

Oder Humor:

erzaehlmirnix*like*

Was? Keinen Bock mehr? Etwas Todcontent gefällig?

Studio GlummDie beschädigten Tage
In meiner Familie haben sie starke Herzen, es ist kein Infarkt dokumentiert, dafür werden sie gerne dement und sterben an Krebs. Oder saufen sich vorbeugend das Hirn weg. Naja...

AnnikaAlles hat ein Ende
Der Gedanke an die ausgeschütteten körpereigenen Drogen, wenn der Zeitpunkt des Todes am Start ist, ist ungemein tröstend.

Zu depressiv? Lach mal wieder:

is lieb?#411 Notgeiler Igel
Brüller. (Triggerwarnung: Schlichter Humor-Content)

Kuck ma wieder Fülm:

DenkfabrikBlogKurzfilm: Fard
Schöne neue Welt. Starkes Ding.

Männer unter sichDie glorreichen 10 – die besten Western aller Zeiten
Howdy? Well, howdy.

Krawutzi!Sicher im Internet: Hilfe, ich werde gehackt!
Telekolleg II - Bloggers Edition.

LeiseTöneAn der Haltestelle
Reim dich oder ich schlag dich.

Fressflash. Hier das ideale Essen für die nächste Kiffersession:

Simis SattmacherPizzasuppe


Dienstag, 2. Februar 2016

Smartphonekacker




Ohne Smartphone geht es nicht mehr. Zumindest bei mir. Inzwischen läuft alles über die Dinger: U-Bahn-Verbindung raussuchen, Kneipe finden, Wikipedia, wenn ich wieder mit nutzlosem Wissen glänzen will, stundenlange Wartezeiten in Arztpraxen mit Bloglesen überbrücken, damit ich nicht Gala oder - noch schlimmer - Focus lesen muss, Satellitenbild vom Hotel in Chisibubikaio anschauen, das ich für den Sommer gebucht habe, Überweisung für die gierige Hausverwaltung klarmachen oder einfach das Kind davorsetzen und daddeln lassen, wenn es nervt.

Easy.

Wenn ich mir Sushi an den Ort bestelle, an dem ich mich gerade befinde, dann ist das mit ein wenig wischen erledigt, inklusive bargeldlosem Bezahlen. Wenn ich mir im Zoo Palast einen Film anschauen will, dann ist der Logenplatz in einer Minute gebucht. Und bezahlt. Einchecken dann übers Display. Ist so. Geht so. Läuft so. Alles Sehr viel mache ich inzwischen damit und finde das ausdrücklich gut.

Natürlich bin ich mir der lückenlosen Überwachung bewusst, der inzwischen allgemein bekannten Tatsache, dass alles, was Sie mit dem Ding tun, mitgeschnitten, registriert, kategorisiert und wahrscheinlich sogar bewertet wird. Irgendwer schnorchelt uns eben immer ab. Geheimdienst. Google. Krankenkasse. Wolfgang Schäuble. Schlimmer als meine Nachbarn. Ist halt so. Die NSA weiß jetzt, dass ich mir am Freitag The Hateful Eight in der raren 70mm-Fassung anschauen werde. Und Sie wissen es jetzt auch. Kommen Sie darauf nicht klar, dann sollten Sie das mit dem Smartphone sein lassen. Denn aufhören werden die damit nicht.

Sie sehen, ich mag Smartphones sehr. Tolle Dinger. Sie beschäftigen mich und Typen wie ich brauchen Beschäftigung. Weil es zu wenige Laufräder in der Stadt gibt. Außerdem lenkt es ab. Von den anderen Menschen dieser Stadt. Die sinnlos kommunizieren wollen. Die immer sinnlos kommunizieren wollen. Und ich hasse sinnlose Kommunikation, außer sie bezahlen mich dafür.

Doch eines verstehe ich nicht: Wann zum Teufel haben die Leute damit begonnen, ihr Smartphone zum Kacken mitzunehmen und nervös zu werden, wenn sie es vergessen? Ich hatte schon Leute als Gäste, die sind extra noch einmal vom Klo zurück gekommen, um ihr Smartphone zu holen, das noch auf dem Tisch lag. Weil sie ohne nicht kacken können.

Das kann solche Abende streckenweise sehr öde machen, denn das Kacken dauert bei diesen Leuten inzwischen dreimal so lange wie früher und die Klos sind dementsprechend länger blockiert. Was machen die da? Freundschaftsanzeigen bei Facebook checken? Mit Mama chatten? Wie muss ich mir das vorstellen? Da sitzen sie auf dem Thron, die Kackwurst unten im Wasser weicht langsam auf und wird fahl, aber diese Nachricht, dieses Bildchen, dieser Status muss noch raus. Oh, da ist noch eine Mail gekommen, na gut, eine mach' ich noch.

Und da sitzen sie dann und sitzen und sitzen und holen sich reihenweise Hämorrhoiden, weil sie auch beim Kacken die Griffel nicht von dem Internet nehmen können und deshalb länger sitzen als gut für die Rosette ist.

Ganz besonders schlimm ist es im Borgwürfel, denn Kacken bedeutet Laufradpause ohne dass es als Laufradpause gewertet wird. Das hat zur Folge, dass das verdammte Scheißhaus dauerbesetzt ist und ich zum Kacken mit dem Fahrstuhl in eine andere Etage fahren muss, nur um dort festzustellen, dass da auch zwei Patienten auf der Schüssel sitzen und alle Levels von Need for speed durchspielen. Oder bei Clash of Clans eine neue Burg bauen. Im Team. Durch die Trennwand. Alter...

Smartphonekacker. Scheißhausblockierer. Wir brauchen unbedingt standardmäßig eingebaute Störsender auf den Scheißhäusern, das muss aufhören. Die durchschnittliche Kackzeit muss wieder gesenkt werden. In. Out. Gone in five minutes. Störsender. Das geht nur mit Störsendern. Wo ist die EU mit ihren berühmten Gängelrichtlinien, wenn man sie braucht?

Früher hatte ich mal die unausgegorene Idee, ein Internet-Terminal auf meinem Klo einzubauen. Komplett in die Wand eingelassen, am Stromnetz und WLAN angeschlossen und mit Boxen für die Mucke verkabelt. Und mit aus der Wand ausfahrbarer Tastatur und Maus.

Werde ich nicht machen. Plan gekillt. Denn sonst kommen sie nie wieder vom Klo zurück.


Samstag, 30. Januar 2016

Was passiert eigentlich, wenn ein Blogger stirbt?




Schon mal darüber nachgedacht, was passiert, wenn ein Blogger stirbt?

Ich kann Ihnen sagen, was bei mir passiert, abgesehen davon, dass mich die, die für meine Reste verantwortlich sind, verbrennen lassen und das übriggebliene Pulver in einer (hoffentlich ausgesoffenen) Flasche Glenlivet in die Spree werfen: Hier werden weiter Blogposts veröffentlicht.

Und das kommt so: Vieles hier ist zwar spontane Eruption, unterirdische Flegelei aus der Hüfte geschossen, rausgekloppt zwischen Borgwürfel, Kind duschen und Whisky saufen, einiges jedoch ist abgehangenes Zeug. Fragmente. Irgendwelche Fotos, zu denen ich irgendwann mal irgendwas schreiben wollte, aber bisher nur Stichworte zusammengebracht habe, einzelne Phrasen, manchmal ganze Absätze. Vordatiert. Liegengelassen, bis ich dazu komme, einen richtigen Text draus zu machen. Das Witzige dabei ist: Wenn ich morgen tot umfalle, werden die Fragmente, die Stichwortsammlungen, wird das zusammenhanglose Gestammel mit der Zeit einfach veröffentlicht, auch wenn ich schon lange nicht mehr da bin. Das muss furchtbar sein für die, die zurückbleiben: Der Irre spricht aus dem Jenseits. In Rätseln.

Wie bekommt so ein Leser eigentlich vom Tod eines Bloggers mit? Indem er einfach nicht mehr schreibt? Die Dinge einfach enden? Kommentarlos? Sagt Ihnen Jacob Jung etwas? Das war mal ein ziemlicher Senkrechtstarter in der Blogodingsda. Politik. Gesellschaft. Gegenöffentlichkeit. Verlinkt bei allen, die Rang und Namen haben. Bildblog. Nachdenkseiten. taz. Vergessen wo noch. Tolle Texte. Tolle Statements. Meinungsstark. Eloquent. Smart. Geteilt ohne Ende. Fanboys ohne Ende. Kommentare ohne Ende. Trolle ohne Ende. Das Feedback, das die Welt bedeutet. Und dann hat er einfach aufgehört. Am 21.3.2012 der letzte Text. Dann nichts mehr. Ohne Statement. Ohne Erklärung. Was war da los? Ist er tot? Niemand weiß etwas. Es endete einfach und keiner weiß warum. Mysteriös. Die Leserschaft rätselte noch eine Weile in irgendeinem Forum einer marginalisierten Zeitschrift vor sich hin und dann zog man weiter. Andere kamen nach, andere hörten auf, manchmal mit Paukenschlag, manchmal mit dem erklärungslosen Löschen des ganzen Blogs (und dem unweigerlichen Wiedereröffnen).

Viel bleibt nie. Am Ende bleibt wahrscheinlich sogar nichts. Denn wenn ein Blogger stirbt, geht kurz darauf seine Domain platt, wenn sie nicht mehr weiter bezahlt wird. Wenn er bei einem kostenlosen Hoster bloggt, dann bleiben die Inhalte länger bestehen, mindestens so lange bis der Hoster schließlich seinen Dienst einstellt (was sie immer irgendwann tun, machen wir uns nichts vor). Also ist auch dieser virtuelle Ort hier, an dem Sie gerade lesen, nicht für ewig. Wie im Prinzip alles. Was ich hier schreibe, was Sie hier schreiben, Texte, Kommentare, Likes, Shares, Liebeserklärungen, Hassmails, geht schon nach wenigen Stunden unter im allgemeinen Rauschen und hat natürlich nichts bewirkt. Das tut es nie.

Was also passiert, wenn ein Blogger stirbt? Nichts. Es passiert nichts. Es spielt keine Rolle. Es ist völlig unerheblich. Vergänglichkeit ist Vergänglichkeit ist Vergänglichkeit. Alles endet.

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber mir gefällt das.


Donnerstag, 28. Januar 2016

Versteh ick nich (4)


Diese Propagandaplakate für Schleichfahrten auf den Autobahnen, die sie nur brauchen, weil sie für ein allgemeines Tempolimit nicht die Eier haben, gehen immer noch eine Nummer blöder. Neulich auf der Autobahn:



Versteh ick nich. Was ist denn das für eine Logik? Okay, die hier ist bekannt: Dummer Mann. Dummerjahn. Nicht drängeln. Sonst Unfall. Aua. Schmerzen. Oder gleich Tod. Also fahr vorsichtig. Umsichtig. So weit so klar. Korrekt auch. Denn die Arschgeigen, die mit ihrem riesigen fahrbaren Penis die Heckpartie meines Kleinwagens penetrieren, sind immer Männer. Alle. Immer. Überall. Ich habe noch nicht eine Frau da hinten an meinem Arsch kleben sehen. Insofern passt das schon.

Doch für sie? Really? Er soll nicht etwa für sich mit Drängeln aufhören. Um weiter zu leben. Gesund zu bleiben. Oder wenigstens andere nicht zu nerven. Nope. Sicher nicht. Das soll er für sie machen. Was ist das für eine Denke? Wo wurzelt das? Bling Bling, hallo Versorger, sieh den Ring, den einen Ring, Ehe, Versorgung, Unterhalt, wer soll das alles denn zahlen, wenn du deine Gedärme um die Leitplanke wickelst? An deinem erbärmlichen Leben hängen Existenzen. Halt ein du rasende Geldbörse. Du wirst gebraucht.

Ja. Ich weiß doch. Sie sahen nur wieder ein Plakat aus einem CSU-Ministerium. Sehen Sie demnächst: Ein Hausmütterchen mit Filzpantoffeln. Am Herd. Es gibt Kartoffelsuppe. Mit Einlage. Hinten am Esstisch pausbäckige Kinder, die Hausaufgaben machen. Text: Bleib zuhause. Für ihn.


Mittwoch, 27. Januar 2016

Scheiße auf Dach




Ei kuck ma da oben liebe Plattenbaubewohner in Marzahn. Wir haben euch was aufs Dach gekackt. Einen Kelch. Blumenvase. Papierschiffchen. Und einen Dildo. Wir glauben tatsächlich, dass euer hässlicher Zonenzombiebau jetzt viel schöner aussieht und wenn eure Zonenzombiebauten schöner aussehen, springen nicht mehr so viele von euch vom Dach, weil sie sich Friedrichshain oder sogar Lichtenberg nicht mehr leisten können und deshalb jetzt hier in der Peripherie kurz vor Polen wohnen müssen.



Nein. Spaß. Das was wir da aufs Dach geschissen haben ist nicht schön, das wissen wir selber. Es ist nicht nur nicht schön, sondern sogar einmalig hässlich. Zum Wegrennen. Zum vom Dach springen oder am Riesendildo aufknüpfen. Ja. Ist so. Eigentlich wollen wir euch damit nur verhöhnen. Zeigen, was wir können. Dass von eurer Miete so viel abspringt, dass wir euch potthässlichen Tand aufs Dach montieren und euch den Sondermüll nochmal extra als außergewöhnlichen Aufwand auf eure Miete umlegen können.

Doch Obacht, das hat alles seinen tieferen Sinn. Die Sache hat auch eine soziale Seite. Immerhin hat sich hier einer der fünf Millionen prekären Designfritzen dieser Stadt ausgetobt, die nur existieren können, weil Papa und Mama tief aus dem Westen, wo die Sonne verstaubt, so eine Form der Selbstverwirklichung finanzieren. Oder der Senat. Über Quersubventionen. Kunst am Bau. Seilschaften in Wohnungsbaugenossenschaften. Oder der ganz normale Berliner Parteifilz. Oder alles zusammen.



Mal ehrlich, der Junge brauchte dringend einen Auftrag, sonst wäre der noch länger seinen Eltern auf der Tasche gelegen, weil keiner, weder Siemens noch Wall noch irgendein SPD-geführtes Bundesministerium diese potthässlichen Designunfälle, die er da vor sich hin entwirft, in seiner Nähe haben möchte. Und irgendwer muss den Jungen doch alimentieren. Der ist jetzt 35, sitzt in seiner Eigentumswohnung in Prenzlauer Berg herum und ist immer noch ohne Auskommen. Echt mal. Geht doch nicht. Also lassen wir ihn hier austoben. Bezahlt von eurer Miete. Super, nicht? Was so ein Tennisclub alles möglich macht. Als Gegenleistung stimmt der Ortsverein Rudow bei der nächsten Vorstandswahl geschlossen für mich. Was freu ich mich. Läuft bei mir. Beziehungen schaden nur Typen wie meinen Mietern. Typen, die keine Beziehungen haben.



Das kann nur der Anfang sein. Vielleicht will ja auch Ihr Vermieter einen bunten Kelch. Oder einen Obelisken. Einen Frosch. Fliegende Untertasse. Das Sonnensystem. Müsliteller. Auf Ihrem Dach. Damit die Leute bald auch über Ihre blöde Kackbude lachen, aus deren Fenster Sie schauen und nichts dagegen tun werden können, dass Ihre Hütte jedem vorbeifahrenden Brandenburger als Mahnung dient: Achtung. Hier ist Berlin. Hier ist Hässlichkeit Methode. Wir können nichts. Schon gar keine Architektur.


Dienstag, 26. Januar 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 26. Januar 2016




Sie stören sich an dem Cookie-Banner da oben? Kann ich nix dafür, den hat mir Google ins Blog gekotet, weil dieser lebensferne Bürokratenpuff von EU wieder irgendwelche unpraktikablen Richtlinien erlassen hat und die von Google das Ding hier löschen dürfen, wenn ich so etwas nicht habe. Shit-o-mat. Die Welt ist schlecht und auf meinem Blog klebt jetzt Bannerkot wie Hundekacke von den Bürgersteigen an meinen Hacken. Na? Stört's? Verwenden Sie endlich einen Adblocker, dann ist er weg. Ich kann nichts tun.

Die Links. Read this:


The diary of Kitty KomaSonntagsmäander im Winterwunderland
Und sie ist schon wieder in so vielen Aspekten vernünftig. Vorsicht Handarbeitcontent.

Lower Class MagazineRigaer Straße, ick liebe dir!
Ick och.

Geht nicht allen so:

MetronautIch muss kein Freund der Rigaer Straße sein, um Grundrechtsverletzungen scheiße zu finden

zeilentiger liest kessellebenBeiruter Passage
Noch mehr Libanon.

Studio GlummZeit, um das Ziel anzugehen: 25 Jahre!
Entscheidend ist der Gang.

Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem NimbusMit Vater beim Urologen
Alt werden bedeutet nichts anderes, als dass einem alles Schöne genommen wird, und übrig bleibt ein Beutel voll Pisse. Ich glaube, ich habe die Geschichte schon mal irgendwo verlinkt, aber sie ist zu gut, das kann ruhig mehrmals.

Die Wahrheit über die WahrheitGangsta-Style tiefgefroren
Einladungskarten. Krakeelende Kinder. Und der Gedanke an Tiefkühlpizza. Oh ich weiß. Ich weiß...

erzaehlmirnixSexy
Har. Gnarf.

NovemberregenDelicatessen
The incredible Psycho-Fleischer.

Leise TöneSamstag mittag
Besoffene dekorieren. Klassiker.

Luise blättert auf...Im Recall
Ungeheuerlich.

Alex bloggt'sAlso bitte!
Immer diese Fingernägel.

Arthurs Tochter kochtBlankett vom Huhn mit Orangenessig und Rosmarin, 8 Perlhühner für 4 Keulen und Rosmarinmissverständnisse...
Die Geschichte des Rosmarins ist eine Geschichte voller Missverständnisse...



Freitag, 22. Januar 2016

Versteh ick nich (3) - Deutsche Bahn Edition




Der Borgwürfel schickt mich wieder einmal nach Frankfurt. Ich muss Dinge erzählen und bekomme Dinge erzählt. Dann muss ich einen Tag später mit diesen Dingen im Kopf wieder nach Berlin. Um sie dort jemand anderem zu erzählen, der sie wiederum jemandem erzählen wird. Sie legen hier großen Wert auf die persönliche Nähe ab einer bestimmten Stufe der Unfähigkeit. Dafür gibt es Konzepte einen Action plan bei uns. Social skills development. Team player cooperative. Capacity building. Brand strengh. Value synergy. Associates empowerment. We need to establish a level playing field to maximise our synergies across all paradigms. Fart fuck. Fist crap. Buttplugs. Finger im Po. Mexiko. Und Spesen ohne Ende.

So eine Reise mit der Deutschen Bahn bringt mit sich, dass ich einiges nicht verstehe. Das fängt schon am Ostbahnhof an. Hier, das da, diese Werbung am Bahnsteig:



Wortspielknast. Wortspielficker. Wortspielwahnsinnige. Der Praktikant der Hinterhofwerbebutze, die schon Antonia aus Prenzlauer Berg in die Welt kotete, hat nachgelegt. Sie adaptieren Star Wars. Imbeerator, verstehen Sie? Imbeerator wie Imperator. Hahaha. Möge die Macht mit dir sein. Die Macht? Nein! Der Saft! Ich scheiß mich ein, was ist das geil, der Saft! Statt Macht! Möge der Saft mit dir sein. Mein Hirn! Der Saft! Ist denn das zu fassen? Meine Güte, das ist so unglaublich komisch, dass ich jetzt gleich hier vor den ICE springen möchte. Welcher völlig kaputte Werbetroll ballert solche unfassbar schlechten Dinger in den öffentlichen Raum? Und wer zahlt dafür auch noch Geld, wem bringt das was abseits von Hohn und Spott?

Oh.

Moment.

Ich weiß. Das machen die absichtlich. Sie werben inzwischen mit vollem Vorsatz so schlecht wie möglich. Damit Leute wie ich das knipsen. Und verbreiten. Leute, die ein Blog haben. Das ein paar Leute lesen. Die sich darüber beömmeln. Und irgendwer findet sich immer, der den Müll dann weiter teilt. Twitter. Facebook. Telegram. Snapchat. Und dann verbreitet sich die Gülle im viral wundgescheuerten Internet wie Krebsmetastasen. Im Idealfall schnappt das einer der Aasfresser von diesen neuen furchtbaren Online-Jugendmagazinen (Bento, Bunga, Bingo, kein Plan) auf, mit denen die Holzpresse versucht, den komplett verblödeten Nachwuchs, der die Taste für RTL 2 auf der Fernbedienung nicht findet, zu ködern. Das sorgt dann für noch mehr Klicks. Labeling. Branding. Guerilla-Virality. Klickeliklick. Klickelifuck. Der Wahnsinn. Kuck mal hier, Mareike, so scheiße kann Werbung sein. Das schick ich mal an Birte weiter. Die kann das Georg zeigen.

Und so merke: Schlechte Presse gibt es nicht, denn egal welche Presse - Hauptsache Presse. Doch halt. Im Ernst? Lohnt sich das? Der Aufwand? Bringt das was? So ein grottenschlechtes Ding? Ick wees nich. Wenn ick ehrlich bin: Versteh ick nich.

An meinem Bahnticket verstehe ich auch etwas nicht. Denn es ist ein Online-Ticket. Mit einem dicken fetten Gekrissel QR Egal-Code. Trotzdem muss ich das Ding ausdrucken, sagen mir die grauen Gestalten aus der Buchhaltung, damit einer der Bahnschlümpfe einen Zangenabdruck darauf hinterlassen kann. Da isser:



Gnihihi. Gnihihi. Gnarf Gnarf. Hören Sie das? Das ist Kaiser Wilhelm. Er feixt. Über die Tatsache, dass seine 150 Jahre alten Innovationen aus Zeiten der dicken dampfenden Berta, mit der er immer mit großem Tusch in Königsberg eingefahren ist, immer noch Anwendung finden. Was stimmt mit der Bahn nicht? Warum wollen sie nicht von dieser seltsamen Gewohnheit lassen, mit einer lächerlichen Zange ein noch lächerlicheres Stück Papier zu entwerten? Versteh ick nich. Damit entpuppt sich der Begriff Onlineticket doch nur als übler Euphemismus, wenn ich trotzdem immer noch Papier in der Innentasche meines Mantels zerknödelt mit mir rumtragen muss. Zangenabdruck. Der Gruß aus der Gruft.

Des Nichtverstehens nicht genug, denn in Braunschweig, vom Bahnhof aus gesehen nach Kassel-Wilhelmshöhe der hässlichste Ort der Welt, steigen die Sabbeltanten zu, auf die ich schon gewartet habe, denn es war bisher eindeutig zu ruhig hier drin. Sie setzen sich natürlich direkt zu mir und legen auch sofort los.



2.000 Worte die Viertelstunde. Maschinengewehrsalven voller Nichtigkeiten. Eine Suada der Belanglosigkeit. Studentinnen vermutlich. Soziologie ziemlich sicher. So sehen die aus. Und sie waterboarden mich mit sinnlosen Informationen. Ein Typ namens Kaspar hat in Göttingen ein Antiquariat in irgendeinem Institut der Uni eröffnet. Läuft nicht. Nische. Jaja. War ja klar. Das hat die eine gleich gesagt, dass das nichts werden wird. In Göttingen gibt es genug Antiquariate. Manche mit angeschlossenem Café. Jaja, das will Kaspar jetzt auch machen. Was machen? Na Kaffee. Kaffeeecke. So mit Zuckerstreuer auf dem Tisch. Dazu Foucault. Habermas. De Beauvoir sicherlich. Als Lesekreis. Baststühle. Hauptsache Kaffee. Jaja. Der ist der Knackpunkt. Man muss ja schauen, wo man einkauft. Auf die Bohnen kommt es an. Immer auf die Bohnen. Man kann ganz schön auf die Schnauze fallen mit den Bohnen. Zu viel Säure. Zu saurer Kaffee. Oft auch leider das Problem von fair gehandeltem Kaffee. Dann die Maschine. Muss man investieren. Du, aber Filterkaffee ist ja wieder im Kommen. So wie Vinyl. Und Birkenstock. Hey, nichts gegen Birkenstock. Ich mache seit Jahren gute Erfahrungen damit. Hahaha.

Na? Schwirrt Ihnen schon der Kopf? Ja? Meiner hat schon nach zwei Minuten mit einem Tinnitus beide Ohren geflutet. Ich hoffe, der geht nie wieder weg, dann muss ich nie wieder anderen Menschen zuhören. Was stimmt mit diesen Eulen nicht? Was wollen die ausgerechnet hier? Der Borgwürfel bucht mich extra auf erste Klasse, damit ich möglichst entspannt in Frankfurt ankomme, weil dort normalerweise niemand die Leute ins Koma sabbelt. So der Plan. Das klappt auch in der Regel, außer wenn ich fahre. Denn auch wenn ich in der ersten Klasse sitze, finden sie mich. Sie finden mich immer, die Sabbler. Entweder bucht eine überforderte Ökomutter mit zu viel Geld für sich und ihre Brut alle Sitze um mich herum, so dass ich mich den Rest der Fahrt mit dem Tablet auf dem Zugklo einschließe, oder ich gerate zwischen eine Horde Frankfurter Hedgefondswichser, die sich und ihre Wichtigkeit mit der Fakephonecall-App am Smartphone zelebrieren, so dass ich damit beschäftigt bin, mich davon abzuhalten, sie am nächsten Bahnhof mit ihren Krawatten ans Fahrwerk zu knoten. Meine Güte. Menschen sind furchtbar. Alle. Warum müssen sie überall sabbeln? Wirklich überall. Versteh ick nich. Ich bin mir sicher, ich könnte in den Kaukasus auf einen Berg in einen Wald in eine Holzhütte flüchten und sie würden mich finden. Maximal zwanzig Minuten, dann hätten sie mich, die Sabbler. Stünden vor der vermoosten Holzhüttentür und ejakulierten ohne Pause Banalitäten in meine Ohren, bis die Wortwichse alle Gehörgänge verklebt. Um mich zu quälen. Versteh ick nich. Wem nützt das? Und warum wollen sie mich?

Doch ich bin wieder klug und habe, weil der Tinnitus leider nachließ, nach zehn Minuten Dauergeseier damit begonnen, mir die In Ear-Kopfhörer tief in die Ohren zu stopfen und Ministry auf Anschlag zu drehen. Nach einer Viertelstunde dreht sich eine der Eulen um und blickt einen Blick nach hinten, was ich nur im Augenwinkel sehe, weil ich nicht hinschaue. Dann blickt sie noch einmal. Ich glaube, sie sagt auch irgendwas zu mir. Vermutlich stört das Rauschen. Leider höre ich nichts.

Als würde sie mich dafür bestrafen wollen, dass ich nichts höre, packt eine der Eulen eine Stulle mit unfassbar stinkendem Käse aus. Eine Mischung aus gedünstetem Kohlrabi, Umkleidekabine des SG Rotation Prenzlauer Berg und einem Eimer seit Wochen abgelaufener Eier mockert durch den Raum. Übel. Die Fürze meines Kindes stinken auch so. Hat das Kleine von mir. Ich versuche ein Fenster zu öffnen, um mich hinaus zu werfen, doch die Fenster eines ICEs lassen sich nicht öffnen. Bedauerlich. Dreckseulen. Einen setzen sie immer drauf. Wer frisst solch einen Käse freiwillig? Versteh ick nich.

Sie sehen: Erste Klasse zu buchen klappt bei mir nicht. Ich könnte mich gleich mitten in eine Kita setzen und mich mit Knetgummi bewerfen lassen. Doch das passt zu dem großmäulig angekündigten kostenlosen Wlan in der ersten Klasse. Das klappt nämlich auch nicht.



Ich wollte einen von El Flojos fiesen Splatter-Animes schauen. Oder irgendeinen anderen seiner famosen Kurzfilme, die er von weiß der Henker wo ausgräbt.

Geht nicht. Versteh ick nicht. Sie können keinen Film im Zug kucken. Es ruckelt und zuckelt wie ISDN mit Kanalbündelung anno 1997. Hier, kiek ma:



Das hinter den bakterienverseuchten Fettfingerabdrücken auf dem Display ist ein Standbild. Das kann im ICE mehrere Minuten so aussehen. Hier wird noch Byte für Byte in liebevoller Handarbeit in den Buffer gelegt. Und gestreichelt. Besungen. Geliebkost. Ach, die Bahn, in meiner Hand verhöhnt mich ein Stück Papier mit der großmäuligen Verkündung: Neu! Free Mumia Willy Wlan in der ersten Klasse - in proudly Kooperation mit der Deutschen Telekom. Haha. Pat und Patachon. Dick und Doof. Sancha und Pansen. Großmäuler Arm in Arm. Und ich kann keinen Film schauen. Deutschlands Internet 2016. Schlechte Verbindung exklusiv für die erste Klasse. Und der Pöbel aus der Holzklasse bekommt sowieso nix. Verstehen Sie das? Ick nich.

Dann ist Frankfurt Hauptbahnhof. Thank you for choosing Deutsche Bahn. Mein Ohr fühlt sich pelzig an. Die Nase ist entzündet. Das Zangenabdruckticket fliegt in den Glasmüll. Bankfurt. Der Himmel grau, der Kaffee schlecht. Und aus meinem Hotelzimmer schaue ich auf einen Puff, vor dem für den Saft geworben wird, der mit mir sein möge.