Freitag, 31. Juli 2015

Wacken 2015 - Hurra, der Buchhalter ist da




Wacken 2015. Es hat letzte Nacht noch mehr geregnet. Wacken wird zum Sumpfgebiet. Ich habe aufgegeben und beschlossen, nicht nur die Schuhe, sondern auch die Hose und den Hoodie nicht mehr zu wechseln. Es ist gut so wie es ist. Das hat was von Loslassen. Hinnehmen. Zen. Ich bleibe jetzt mutwillig dreckig. Vielleicht höre ich sogar mit dem Duschen auf. Das macht viel zu sauber.



Um einmal eine Lanze für die Menschheit zu brechen: Je schlimmer die Situation, desto mehr helfen sich die Leute offenbar gegenseitig. Da wird gestützt, hochgeholfen, lauter Hände greifen Hände, ziehen über Gräben, heben aus dem Modder, helfen einfach. Vereinzelung und Egozentrik sind damit wohl eine reine Dekadenzerscheinung, während wir in Extremsituationen zusammenrücken. Zumindest hier. Ein Fall für Soziologen. Ideale Forschungsbedingungen heute hier. Fahren Soziologen eigentlich nach Wacken? Passt das? Geht das? Es gibt alles, oder? Gibt doch alles...



Hier in Wacken können Sie problemlos arm werden. Kaufen Sie. Kaufen Sie hier. Kaufen Sie dort. Schmiedeeisernes. Armreifen. Trinkhörner. Ringchen. Nieten. Pailetten. Wikingerkopfschmuck.

Sauerstoff.

Sauerstoff?

Sauerstoff:



Und Felle:



Fellkragen. Fellmützen. Umhänge. Harnische. Wikingerzeug. Wenn das Peta sieht, ist der Fuchsschwanz aber ab.

Huh? Was will der denn? Der nächste Schwabe spricht mich an: "Gibsch mo was von deim Bartwuchs ab? Mir wächst nix." Wer hat Angst vorm bösen Wortspiel? Es ist kein Backenbart, es ist ein Wack... nein, ich kann's nicht, es ist zu billig. Arbeit, Schwabe, das Ding ist Arbeit. Und Geduld. Shampoo. Bürste. Den Bart habe ich mir nun vier Monate wachsen lassen und wurde im Borgwürfel schon ironisch mit "Allahu Akbar" begrüßt während man mir freundlich den Weg gen Mekka wies. Arschlöcher. Wer solche Kollegen hat, braucht unbedingt Freunde im Schutzgeldmilieu. Die die Kollegen mit einer Schrotflinte wegblasen.



Sie können hier in Wacken auch fressen bis Sie arm sind. Oder bis Sie platzen. Oder platzen und arm sind. Flammkuchen. Fleischspieße. Ziegenkäseröllchen. Chinapfanne. Stockbrot. Pommes. Burger. Spanferkel. Wenn Sie ein Monatsgehalt auf den Kopf hauen wollen (und können), brauchen Sie gar nicht vorher einkaufen zu gehen. Es gibt hier alles. Taschenlampen. Batterien. Mützen. Isomatten. Rasierzeugs. Jack Daniels. Cola dazu. Alles da. Für teuer natürlich. Billig wär ja ... nun ja ... billig.



Wer auch da ist, ist der Buchhalter aus dem Borgwürfel. Wie kann das sein? Was will der hier? Er hat einen Fellumhang an. So wie der aussieht, war der gestern bei Vroudenspil. Wer Vroudenspil hört, hört auch Schandmaul und wer Schandmaul hört, hört auch In Extremo. Mittelaltergedudel. Dudel. Sack. Auf den. Kennen Sie ja. In Extremo kommt auch noch die Tage. Natürlich kommt In Extremo. Ich bin ja auch hier. Das ist wie mit den Radfahrern. In Extremo sind überall wo ich bin. Ich warte auf den Tag, an dem ich die Haustüre aufmache, um einkaufen zu gehen, und da stehen dann In Extremo im Treppenhaus. Mit Dudelsack. Und zimbeln Volksweisen.



Der Buchhalter. Was soll das? Was will er hier? Den letzten Menschen auf Erden, den ich hier sehen möchte, ist der Buchhalter. Nach dem Chef natürlich. Klar, der Chef. In Wacken. Das fehlt noch. Wenn der nach Wacken kommt, geh ich zu Costa Cordalis. Des Wahnsinns fette Beute. Der Buchhalter ist hier, der Ausgestoßene, der Paria, mit dem keiner zusammen gesehen werden will und zu dem man nur geht, wenn wieder was mit der Spesenabrechnung nicht stimmt. Der erkennt bestimmt vor lauter Einsamkeit absichtlich Quittungen nicht an, so dass jemand vorbeikommen und reklamieren muss. Niemand mag Buchhalter. Wahrscheinlich nicht mal ihre Mütter.



Pilgern eigentlich alle Ausgestoßenen nach Wacken? Sieht fast so aus. Mainstream ist hier wenig, die Mehrheitsgesellschaft beäugt das hier entweder argwöhnisch oder heranwanzend tolerant, aber sie versteht es nicht. Ausgestoßene. Picklige. Blasse rothaarige Elfenlookalikes. Typen, die von ihren Eltern gehasst werden. Und von ihrer Schulklasse. Von der Welt. So sehen viele von ihnen aus. Nur hier hasst sie niemand. Hier sind fast alle so wie sie. Komisch. Freaky. Irgendwie schräg. Ich bin ja auch hier. Örks.



Zum Glück für mich ist der Buchhalter nicht alleine da, was es mir recht einfach macht, ihn abzuhängen, wobei es mich wundert, dass der Buchhalter andere Menschen kennt, die ihre Freizeit mit ihm verbringen. Ich dachte immer, der pendelt hin und her zwischen dem Borgwürfel und einem Zuhause, in dem er abends bei Kerzenlicht lebendigen Mäusen die Haut abzieht und den Rest bei Vollmond zu einer Paste mörsert, mit der er sich einschmiert, weil das gegen die Strahlung aus der Steckdose hilft.

So weit zum Buchhalter. Weg ist er. Verlorengegangen zwischen Rob Zombie und Dark Tranquillity. Sagen Sie, ist Ihnen das eigentlich auch zu viel Niveau? Oder zu wenig? Hier, kommen Sie, lockern Sie sich ein, ein wenig Scheißhausparolen für zwischendurch, Scheißhausparolen gehen immer:



Hat eigentlich irgendein Blogger mal ein Wackener Dixiklo von innen fotografiert? Hat das mal einer gebracht? Nein? Kommen Sie, ich mach' das. So schlimm ist es nicht. Hier:



Yummi. Kot-o-rama. Binden-o-mat. Im Internet steht, dass es Menschen gibt, die Kot sexuell erregend finden. Hier in diesem nach den Ausscheidungen aller Nationen stinkenden Dixiklo fällt es mir schwer, hierfür Empathie zu entwickeln. Wirklich, es gibt krasse Dinge im Internet. Menschen, die Kot mögen. Urin. Und sie können sogar die abgeschnittenen Fußnägel anderer Menschen im Internet kaufen. Und Nasensekret. Benutzte Tampons. Kein Scheiß. Es gibt einen Markt dafür. Echt. Googeln Sie mal. Sie werden überrascht sein.



Um möglichst hoffnungsfroh an dieses unappetitliche Nischenthema anzuschließen, gebe ich - auch wenn es zugegebenermaßen schwer ist, jetzt noch irgendwie die Kurve zu kriegen - zu Protokoll, dass ich eigentlich gar keinen Alkohol hätte kaufen müssen, denn ständig kommt irgendwer an und möchte anstoßen und wenn ich nix mehr im Becher habe, gießt er mir was rein. Also saufe ich wechselweise Wodka-Cola, Johnnie-Cola, Bier, Bier, immer mehr Bier und irgendeine Mischung, die ich nicht identifizieren kann, aber trotzdem trinke. Hoffentlich war kein Urin drin.

Ganz ehrlich: Ich bin ganz schön dicht. Den ganzen Tag schon. Die Welt ist ziemlich bunt obwohl der Himmel chronisch grau ist. Doch Wacken nüchtern ist kacke. Das passt nicht.

Ich muss nämlich betrunken sein. Denn wichtige Dinge stehen an: Wrestling!



Der Nazi von gestern ist noch im Rennen. Ecki Eckstein. Und er hat die Abneigung gegen sich so gesteigert, dass jemand sogar ein Plakat gegen ihn hochhält.



Klostein. Eckstein. Okay, das Wortspiel ist ein wenig holprig, aber für den Anfang nicht schlecht. Immerhin gibt es ein Plakat. Es bleibt das Einzige. Wahrscheinlich hat es Ecksteins Manager gebastelt.



Zur Einstimmung tanzen Frauen. Wie obszön ist das denn? Kann mal jemand Twitter anwerfen? Ekelhaft. Unanständig. Es schüttelt mich.



Und da ist er auch schon wieder. Der Unsympath. Nur original mit Schlandfahne. Ich buhe als gäbe es kein Morgen. So. Und? Wollen Sie wissen, ob er endlich verloren hat? Ja? Na klar hat er verloren. Nazis verlieren immer irgendwann. Ein Finne und ein Ami haben ihn besiegt. Im Tag Team.



Musik gibt es auch. Eine Menge sogar. Hier eine Auwahl. Hey, sag mir noch mal einer, dass Frauen nicht growlen können. Hier ist eine, die kann das. Und wie:



For I am King. Aus den Niederlanden. Astreiner Deathcore. Frau an der Front. Sieht aus wie eine Germanistikstudentin, aber growlt euch weg. Alle. Geht kacken, Chauvis, diese Frau hat Eier. Und Charisma. Gefeiert wird sie hier in Wacken zu Recht. Ick raste aus.

Ungewöhnlich geht es weiter:



Dream Spirit. Metal aus China. Mit chinesischen Texten. Und als Beiwerk zu den Riffs traditionelles chinesisches Gezimbel (also das, was Sie aus dem Chinarestaurant kennen). Fresse, sind die gut. Diese verdammten Chinesen können aber auch wirklich alles. Alles können die. Verdammt nochmal sind die gut.



Skurril geht es weiter. Die Bundeswehr spielt auf. Das Musikcorps. Zusammen mit Udo Dirkschneider, diesem Fossil, diesem Klops mit der grässlichen Stimme, der mich immer wieder überrascht, weil ich immer denke, dass er es nicht schaffen wird, noch klopsiger zu werden, doch er schafft es immer wieder.



Udo Dirkschneider. Kennen Sie nicht? Accept? Balls to the wall? 80er? Der Typ mit dieser Kreissägenstimme. Bei der sich jedem, der kein Trommelfell aus Granit hat, die Fußnägel hochrollen.



Nein, das ist nicht Kongo-Müller, sondern Udo Dirkschneider. Ernsthaft. Kongo-Müller ist tot. Udo lebt noch. Und wie.



Und überhaupt die Bundeswehr. Man muss ja inzwischen froh sein, wenn sie niemanden erschießen, sondern einfach nur Musik machen. Auch eine Form der Resozialisierung. Musik macht sie fast wieder zu anerkannten Mitgliedern der Gesellschaft. Ich finde das gut. Und es klingt auch gut. Ehrlich, es ist eine recht gute Kombination. Metal und Blasmusik geht sowieso gut zusammen, das machen sie hier in Wacken öfter.



Wacken. Die Sonne lugt. Das Wetter droht damit, besser zu werden. Ich bin guter Dinge.

Donnerstag, 30. Juli 2015

Wacken 2015 - Matsch, Helga und ein Mettbrötchen




Wacken 2015. Es hat die ganze Nacht geregnet. Das ist gut. Ich schlafe immer sehr gut, wenn es regnet. Das hat was von weißem Rauschen. Die Schwaben nebenan hören Dimmu Borgir. Das harmoniert gut mit dem Regen.



Wenn Sie unbedingt Stille zum Schlafen brauchen, sollten Sie nicht auf dem Zeltplatz in Wacken übernachten. Es ist nie ruhig. Nicht eine Minute. 1 Uhr. 2 Uhr. 5 Uhr. Immer passiert irgendwas. Mucke. Klirren. Würgen. Gegröhle. Einer brüllt "Wackööööööööön!" oder natürlich "Helgaaaaaa!" Some things never change. Einer lief mit dem Kopf gegen meinen Bulli. Ding Dong.



Mich stört das nicht. Ich habe in Berlin nachts besoffene Irre vor der Haustüre, die Helene Fischer singen. Ich habe das durchgeknallte Arschlochkind nebenan, das seinen Hausrat gegen meine Schlafzimmerwand wirft. Die Technoschlampe von oben. Irgendwelche Schnepfen, die unter meinem Schlafzimmerfenster in nöligem Tonfall die Probleme mit ihren immer fürchterlichen Kerlen wälzen. Nur die Bullen kommen nicht mehr so oft wie früher. Zumindest kommen sie ohne Martinshorn. Das war zu Zeiten der vietnamesischen Zigarettenkriege noch anders (die 90er. Erinnert sich noch wer?)

Hey. Schauen Sie mal das da:



Sie können hier in Wacken hoffnungslos verschnöseln. Kein Bock auf bis zum Bersten zugeschissene Dixiklos? Darf es morgens eine Dusche sein? Schön warm? Ja? Ich mache das. Natürlich mache ich das. Ich kaufe mich ein. Was? Der Geist von Wacken? Geht kaputt? Was für ein Geist? Und was geht er mich an, wenn ich eine echte saubere Kloschüssel haben kann, die eine Zierde für meine Arschbacken sein möchte?

Aber - keine Sorge - es geht immer noch ein Stück schnöseliger:



Was ist das? Ein getarnter Goldbarren? Ein Nacktscanner? Irgendwelches NASA-Equipment? BND-Überwachungstechnik? Nein, eine Powerbank mit 52800 mAh. Die lädt Akkus auf. Immer wieder. Tage- vielleicht sogar wochenlang. Was ist das bequem. Ich habe immer Strom am Start für die chronisch schwachbrüstigen Geräte, die sie uns verkaufen.

Parallel zu meiner Verschnöselung schreitet die Verprenzelbergisierung von Wacken voran:



Sie bekommen jetzt auch Caramel Macchiato. Yolo. Das Erscheinen der Sojamilch ist nur noch eine Frage der Zeit. Wann. Nicht ob.

Ich halte mich lieber an ein Bauarbeiterfrühstück:



Festzuhalten ist: Wacken kann nicht nur Kaffee, sondern auch amtliche Mettbrötchen. Ich habe mir übrigens eine Karotte aus meinem Kühlschrank zuhause eingepackt, bevor sie vergammelt. Und sie wird das einzige Gesunde sein, das ich im Rahmen meines meines Aufenthalts hier zu mir nehmen werde.

Um die Frage aller Fragen zu beantworten: Warum bin ich eigentlich schon seit Dienstag hier? Hier, deswegen:



Die Schlange für die Bändchen. Ein feuchter Traum für jeden Schlangensteher (gibt es solche? Gibt es bestimmt, es gibt alles). Genau jetzt bricht das System Wacken zusammen. Die Leute warten Stunden für das Bändchen. Ich derweil, der ich schon gestern eingecheckt habe, kann jetzt rein, denn sie öffnen Wacken offiziell:



Huhu. Gibt es denn auch Musik am offiziellen ersten Tag? Gibt es. Traditionell spielt heute überwiegend die siebte beziehungsweise die achte und neunte Garde. Schülerbandmucke. Minderheitenzeug. Selten mal jemand, der außerhalb seines Abwasserzweckverbands respektive Samtgemeinde bekannt ist.



So wie hier. Irgendwelche Inder röhren und grunzen. Name vergessen, aber ziemlich cool. Keine Wall of death. Kein Circle. Kein Moshpit. Schwach.



Und hier. Ding Dong Dengel. Zi Za Zimbel. Vroudenspil. Dudelsackgedudel. Musik für Alleingebliebene. Niemals-Sex-Habende. Für Außenseiter, die Zöpfe tragen und sich vom Junge Union-Klassensprecher demütigen lassen. Wer Vroudenspil hört, geht auch als Ork verkleidet in den Wald und kämpft gegen lauter Frodo Beutlins. Oder lernt gar klingonisch.

Dann plötzlich Musik von Zuhause:



Ich habe polnische Wurzeln. Habe ich das mal erwähnt? Habe ich doch, oder? Habe ich? Habe ich nicht? Weiß ich nicht mehr. Ich bin gar nicht so wirklich einer von euch. Irgendwie schon, aber irgendwie auch nicht. Eigentlich habe ich gar keine Heimat, ich bin ein heimatloser Bastard aus einer bis zur Atomisierung zerstörten Familie, aber immer wenn etwas aus Polen meinen Weg kreuzt, freue ich mich. Komisch, oder? Sehr komisch. Materia. Nein, nicht der Typ mit den lila Wolken und mit den zwei Fingern am Kopf. Der heißt Marteria. Hier spielt Materia. Minus ein r. Guter alter Metalcore. Klingt wie Heaven Shall Burn. Gut. Geil. Kann man machen. Ich bin guter Dinge.

Ach, leck doch. Fuck Musik, interessiert keine Sau. Ich bin eigentlich nur wegen des Wrestlings hier in Wacken. Rahmenprogramm rockz.



Crap.



Ick raste aus.



Typ mit Maske. Und übelster Wampe. Anderer Typ mit weniger Bauch, dafür mit Zöpfen und rothaariger Eule, die so tun muss als könne sie sich nicht zwischen beiden entscheiden. Es ist so herrlich absurd.



Und das hier ist der Nazi. Zumindest nenne ich ihn so. Sein Alias heißt Eckstein. Ein Drecksack, der zu den Klängen von Falcos "Egoist" in eine Schlandfahne gehüllt den Ring betritt. Wacken hasst ihn schon jetzt. Klar. Muss auch so sein. Sein Gegner heißt irgendwie, entert aber zum Song "Das Schlimmste ist wenn das Bier alle ist" von den Kassierern die Bühne, womit er gleich alle Sympathien einsackt. Wacken liebt den nichtssagenden Wampentyp mit dem Kassierersong.

Einfacher geht das Positionieren nicht und alle gröhlen gegen den Nazi. Ich. Der Typ neben mir. Ganz Wacken. Wir sind so verfickt ironisch und gehen voll mit bei der Show. Natürlich soll der Nazi der Unsympath sein und der Biersäufer unser Held. Mir ist gleich klar, dass der Nazi verlieren, weil der Säufer ihn plattmachen wird. Wrestling. Alles ist Fake. Sie erzählen eine Geschichte und mehr nicht. Und wir sind so cool, weil wir alles durchschauen.



Leider gewinnt der Nazi und alle sind irritiert. Sie buhen. Der Nazi tut so als verstünde er die Welt nicht, er hat doch gewonnen, was haben sie denn? Wir sind empört und buhen uns die Kehle aus dem Hals. Ich schütte noch mehr Jacky Cola nach, damit ich besser buhen kann. Besoffen Wrestling kucken macht die Sache noch absurder. Ich bin sehr begeistert.



So ist das hier.



So sind wir.



Und ich, ich gröhle mit wie ich kann, weil ich das hier mag. Jetzt hört doch bitte mal auf mit eurer miesepetrigen Ernsthaftigkeit. Ist doch alles egal. Sie erzählen eine Geschichte und wir gröhlen. Mehr ist da nicht. Ich finde vorsätzlich dumm sein wirklich gut. Es macht dieses Ding, was zu viele gar nicht kennen, wie hieß das noch, ja klar: Spaß. Manchmal sind die Dinge sehr einfach. Alkohol. Wrestling. Lustig. Wrestling ist der Schlag in die Fresse aller Intellelel... Intellellen.... Intellektuellen, die es nicht ertragen, profan zu sein, diese mausgrauen Korinthenpuler, die es sich in ihrer spinnwebenbehangenen Nische bequem gemacht haben, weil sie nie was reißen werden, weil sie nie irgendwen begeistern werden können, weil sie nicht einfach mal irgendwas brüllen können, sondern Bedenken pflegen, immer Bedenken pflegen. Das ist manchmal echt fade. Dauerhaft genossen zumindest.

Und fuck. Was ist das denn? Der Nazi hat gewonnen. Die Sau. Wo gibt's denn sowas? Normalerweise verlieren die immer. Ah. Okay. Spannung. Morgen kommt er wieder, hat er angekündigt. Dann wird er gegen diesen irren Mexikaner mit der Maske antreten, den sie alle hier so feiern. Weil er eine Maske hat. Wie Slipknot. Und dann wird er verlieren. Der Nazi muss verlieren. Der Nazi verliert immer. Wait for it.

Später gibt es noch einmal Musik. Es sind die Wacken Firefighters.



Sie spielen die größten Hits. Tanze Samba mit mir. Mendocino. Und Pillemann Fotze Arsch. Wir sind so geil ironisch, dass wir mitgröhlen. Stagediving machen. Wenn es Ironie nicht gäbe, wären wir ihre Pioniere.

Der Himmel hat derweil seine Harnröhre direkt auf uns gerichtet und es pisst aus allen Löchern. Schon völlig durchnässt gehe ich zu New Model Army.



Immer noch groß. Immer noch kraftvoll. Immer noch mitreißend. Die Band, die mich durch ganz harte Zeiten begleitet hat. Haltung. Das ist New Model Army. Um nicht alles noch einmal schreiben zu müssen, zitiere ich mich selbst:

Nach "Frightened" und "Purity" merke ich, dass mir die Tränen laufen. Ich weine. 20 Jahre sind vorbei gegangen. So schnell. Wie lange das plötzlich her ist. Schule. Ein Punk unter Junge-Union-Gesichtern, ein Fremdkörper unter diesen Draco Malfoys. Der Typ am Rand. Der nicht dazu gehört. Von dem sie sich nicht erklären können wie er dort hingekommen ist in ihren Klassenraum. Er ist der, der komische Musik hört. Der immer schwarz trägt. Der immer ganz hinten sitzt. Er ist der, über den sie lachen, weil er auf den Klassenfotos missmutig an der Kamera vorbei schaut als ginge ihn das alles nichts an. Sie hören Scooter. Westbam. Und Dr. Alban. Die Fantastischen Vier oder die Cranberries nur, wenn sie sich heute frech fühlen. Erasure eher nicht, weil das ist ja schwul. "Ach ich weiß nicht, meine Lieblingsmusik ist alles aus den Charts." Lalala.

Nur der Typ von der hinteren Bank ist der, der nicht dazu gehört. Er ist ihnen suspekt. Er hört Slime. Chaos Z. Rage against the machine. New Model Army. Und Schlimmeres. Sie mögen ihn nicht. Er ist anders als sie. Er weiß das auch und gibt sich keine Mühe, zu ihnen zu gehören. Er steht alleine, er sitzt alleine. Das war immer schon so. Und wenn andere schlafen, sitzt er auf dem Friedhof und trinkt.


Auch Justin Sullivan ist mächtig gealtert.



So ist das wohl mit Helden. Sie sterben jung oder werden langsam alt, kahl und ... naja ... zahnlos. Justin Sullivan fehlt nämlich immer noch einer. Ein Zahn. Vorne. Nix zu machen. Jetzt sieht er endgültig aus wie eine Waliser Kräuterhexe. Aber eine Waliser Kräuterhexe mit Haltung. Immerhin.



Und nach New Model Army ist dann auch der Zeitpunkt gekommen, an dem ich überhaupt keinen Bock mehr habe. An dem es mir stinkt. Reicht. Schnauze voll. Ich bin nass bis hinten in die Kimme, der Wind zieht, ich mag nicht mal mehr besoffen werden so kalt ist mir.



Hätte ich mich besser vorbereiten können? Kaum. Keiner rechnet mit einem Starkregengebiet, das nun wirklich alles wegspült und dafür sorgt, dass wir alle wie die Störche durch den Matsch staksen und trotzdem tief einsinken. Selbst die Regenponchos helfen hier nix. Regenmantel, ja, ein Regenmantel, oder besser so ein Ding wie es der Schlitzer in "Ich weiß was du letzten Sommer getan hast" getragen hat, so ein schwerer Ölmantel, wäre eine gute Maßnahme gewesen. Ich würde jetzt auch so einen hässlichen gelben Regenmantel nehmen, den ich zuletzt mit acht Jahren anhatte, weil er danach uncool wurde. Starkregen. Sturmboen. Wacken versinkt im Morast. Krass ist kein Ausdruck. Schlammschlacht schon. Ich bin raus für heute. Ich liege im Bulli, ziehe die Decke bis unters Kinn und höre dem Regen zu. Er prasselt als möchte er nie wieder aufhören.